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Claudia Rößger malt Bilder, die man nicht vergisst

Die Leipziger Künstlerin Claudia Rößger arbeitet derzeit als Stipendiatin des Vereins „Künstler zu Gast in Harburg e.V.“ im Mayr'schen Haus.

Die Leipziger Künstlerin Claudia Rößger arbeitet derzeit als Stipendiatin des Vereins „Künstler zu Gast in Harburg e.V.“ im Mayr'schen Haus.

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Sie ist die dritte Stipendiatin, die der Verein „Künstler zu Gast in Harburg“ fördert. Ihre Bilder hängen beim „Harburger Kulturtag“.

Diese Künstlerin hat viele Gesichter. Je nachdem, wie sie sich fühlt, platziert sie diese auf der Leinwand. Claudia Rößger war schon Burgfräulein, Indio, Poet und Dance Marie. Rotkäppchen, Robin Hood und König Zosimo. Auf ihren Leinwänden bekommen Zweifel und Hoffnung, Wind und Traum ein Gesicht. „The Actors“ heißt die Serie in Öl auf Hartfaser, die die Leipziger Künstlerin seit drei Jahren kontinuierlich fortführt.

Es sind zarte, ausdrucksstarke malerisch aufgefasste Werke, die weniger ein Abbild als vielmehr eine Emotion transportieren. Derzeit führt die 41-Jährige im Atelier des Mayr’schen Hauses in der Lämmertwiete ihre Serie fort und sammelt als Gastkünstlerin in Harburg Ideen für neue Figuren.

Die Meisterschülerin der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig (HGB) ist die dritte Stipendiatin, die der Verein „Künstler zu Gast in Harburg“ in diesem Jahr mit einem Stipendium fördert. Drei Monate lebt und arbeitet Claudia Rößger in der Harburger Innenstadt, darf die kleine Künstlerwohnung und das Atelier des Vereins kostenlos nutzen und bekommt darüber hinaus einen Materialzuschuss von 250 Euro pro Monat.

Das Stipendienjahr teilt sich die Malerin und Grafikerin mit ihren Kolleginnen Yvette Kießling und Stefanie Pojar, die im Frühjahr und Sommer in Harburg gearbeitet haben. Gemeinsam werden die drei Künstlerinnen am 4. November beim „Harburger Kulturtag“ ihre Werke ausstellen.

Doch welche der vielen Bilder Claudia Rößger Anfang November präsentieren wird, ist noch offen. Auf dem Boden des Ateliers liegen nicht nur die jüngst entstandenen „Actors“ Indianer, Flötist, Servierdame, Richard Löwenherz und Hipster, sondern auch Zeichnungen, deren Ursprungsidee aus einem Besuch der Bernburger Salzstöcke stammt.

Im Rahmen eines Stipendiums durfte die Künstlerin im März die Reise in das 600 Meter tief gelegene Steinsalzbergwerk in Sachsen-Anhalt antreten und die blütenweiße Welt der glitzernden Salzkristalle erkunden. Die Eindrücke hat sie in den vergangenen Monaten auf Papier und Leinwand festgehalten.

Aufstrebende Vertreterin der figurativen Gegenwartskunst

„Claudia Rößger zählt zu den aufstrebenden Vertreterinnen der figurativen Gegenwartskunst in Deutschland“, sagt Prof. Ralf Busch. Der ehemalige Direktor des Helmsmuseums und Beiratsmitglied des Vereins „Künstler zu Gast in Harburg“ hat die Malerin im vergangenen Jahr in Leipzig erlebt und holte sie als Stipendiatin nach Harburg.

Damit konnte nach jahrelanger Pause endlich das Stipendiatenprogramm des Vereins fortgesetzt werden. Denn lange Zeit war unklar, ob der Verein, der seit 1986 Nachwuchskünstler aus aller Welt fördert, überhaupt weitermachen und die Kosten in Höhe von 25.000 Euro erneut zur Verfügung stellen kann. Denn das Geld zur Förderung stammt aus den Mieteinnahmen einer Wohnung und eines Büros in dem historisch wertvollen Gebäude in der Lämmertwiete, das Eigentum des Vereins ist.

Doch als einer der Mieter monatelang nicht zahlte, konnte auch das Stipendium nicht bezahlt werden. Schließlich musste der Streit gerichtlich ausgetragen werden. Inzwischen ist die Wohnung vermietet und auch das Geld für die Künstlerförderung vorhanden.

Claudia Rößger arbeitet seit August im Mayr’schen Haus. In akribischer Feinarbeit zeichnete sie die Steinsalzbrocken, die sie aus der Tiefe mitgebracht hat, auf Papier, übertrug das Thema auf weiteren Bildern ins Erzählerische. Entstanden ist unter anderem das Porträt einer Frau, deren schmückende Kopfhaube aus Salzkristallen besteht sowie das Bild eines Mannes, der das kostbare Salz durch seine Finger rieseln lässt. Bilder, die viel Zeit und innere Ruhe brauchen.

„Genau diese Ruhe finde ich hier im Harburger Atelier“, sagt Claudia Rößger, die zu Hause einen zehnjährigen Sohn hat und es genießt, im Rahmen des Stipendiums für ein paar Wochen raus aus dem Alltagsgeschehen rücken zu können. Sohn Emil hat seine Mutter in den Ferien in Harburg besucht und ein wenig mitgearbeitet. „Er liebt es zu malen“, sagt sie. „Und wir unterstützen ihn.“

Wie ihrem Sohn ist auch Claudia Rößger das Talent fürs Malen und Zeichnen in die Wiege gelegt worden. Aufgewachsen ist sie in der sächsischen Kreisstadt Mittweida. Es ist ihre Kunstlehrerin, Ines Sander, die früh spürt, dass sie mit Claudia ein Kleinod unter den Schülern hat, das Förderung verdient. Sie führt sie an die Malerei heran, arbeitet auch am Wochenende mit ihr an Projekten, besucht mit ihr nach dem Mauerfall 1989 Ausstellungen in Köln und Berlin. Claudia Rößger ist vom Expressionismus fasziniert. Vincent van Gogh, Karl Schmidt-Rottluff, Keith Haring werden zu ihren Vorbildern.

Nach dem Abitur beschließt sie, Kunst zu studieren, bekommt einen Platz an der renommierten Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein in Halle an der Saale. Nach dem Vordiplom geht sie nach Leipzig an die HGB. Sie wählt die Fachklasse Malerei, arbeitet eng mit dem 2017 verstorbenen Maler und Zeichner Arno Rink zusammen, bei dem sie von 2004 bis 2006 auch als Meisterschülerin lernen darf. „Wir hatten eine gute Beziehung“, sagt Claudia Rößger. „Rink war für mich wie eine Vaterfigur.“

Es sind gute Jahre für die Künstlerin in Leipzig. „Ich konnte von Anfang an von meinen Einkünften als selbstständige Künstlerin leben“, sagt sie. Mit der Geburt ihres Sohnes zieht sie 2008 nach Berlin. Doch in der Hauptstadt bleiben die Ausstellungsanfragen aus. „Ich habe immer weniger verkauft“, sagt sie. Statt zu malen, unterrichtet sie an der Grundschule, leitet eine Kunst- und Philosophie-AG. 2013 kehrt sie mit ihrer Familie zurück nach Leipzig.

Mit der Rückkehr stieg die Nachfrage nach ihren Bildern. Zwei große Ausstellungen hatte sie 2017, zwei Stipendien in diesem Jahr. Im Dezember folgt die Ausstellung in Bernburg, im März 2019 werden die Bilder in Leipzig zu sehen sein. Doch erstmal können sich Kunstfreunde am 4. November in Harburg in ihre faszinierenden Bilder vertiefen.

Was sie erwartet, hat Dietrich von Gruben, Kunstliebhaber und Vorstandsvorsitzender der Kunststiftung Salzwedel, im vergangenen Jahr anlässlich einer Ausstellung von Rößgers Bildern treffend formuliert: „Jedes Werk ist ein Füllhorn aus Einfällen, Sinn und Intuition. Claudia Rößgers Bilder erkennt man auf Anhieb aus Tausenden von Arbeiten heraus. Man vergisst sie nicht.“

Kulturtag

Am 4. November präsentieren sich Harburger Kultureinrichtungen von 12 bis 20 Uhr mit einem extra auf diesen Tag zugeschnittenen Programm. Der Kulturtags-Pin, der an diesem Tag zum Besuch aller Veranstaltungen berechtigt, ist für drei Euro unter anderem in den Ausstellungen erhältlich.

Der Harburger Kulturtag ist mittlerweile zu einem festen Bestandteil der lebhaften Kunst- und Kulturszene Hamburgs geworden. 2018 wurde er erstmals vom traditionellen Sonnabend auf den verkaufsoffenen Sonntag verlegt.

In diesem Jahr findet der große Laternenumzug mit Laternenfest und abschließendem Feuerwerk auf dem Rathausplatz am Abend statt.

Zu den Teilnehmern gehören in diesem Jahr 3falt Kunst, Kultur und Kreativität, Archäologisches Museum Hamburg, Atelier Malrausch, Atelier Phönix, electrum – Das Museum der Elektrizität, Geschichtswerkstatt Harburg e.V., Harburger Theater, Kobalt-Kunst international e.V., Kulturcafé Komm du, KulturWerkstatt Harburg e.V., Kunstprojekt Wir sind Harburg, Kunstverein Harburger Bahnhof Kunst- und Kulturverein „Alles wird schön“, Sammlung Falckenberg, TUHH, Initiative Gedenken in Harburg, Künstler zu Gast in Harburg e.V., Verein Alter Friedhof e.V., wattenbergART.

Das Stipendium

Der Verein „Künstler zu Gast in Harburg e.V.“ wurde 1986 von Jürgen Bergmann, Inge Schulz und dem damaligen Leiter des Bezirksamtes, Jobst Fiedler, gegründet. In jedem Jahr vergibt der Verein, dem 25 Mitglieder angehören, ein Stipendium an einen bildenden Künstler.

Den Stipendiaten stehen während ihres einjährigen Aufenthalts in Harburg ein 63,5 Quadratmeter großes Atelier und eine 36 Quadratmeter große Wohnung im Mayr’schen Haus an der Lämmertwiete kostenlos zur Verfügung. Überdies erhalten sie 250 Euro pro Monat. Der Gesamtwert des Stipendiums: 25.000 Euro.

Als Gegenleistung schenken die Künstler dem Verein für die geleistete Förderung ein von ihnen geschaffenes Kunstwerk, das in öffentlichen Gebäuden als Leihgabe ausgestellt wird. Einige der Bilder vergangener Stipendiaten sind im Helmsmuseum, im Rathaus sowie im Foyer der Friedrich-Ebert-Halle zu sehen.

Zu den Stipendiaten der Vergangenheit gehören unter anderem die Luxemburger Malerin Suzanne G’sell Levesque, die Fotografin Vanda Narozna aus Prag, die Zwillinge Maria und Natalia Petschatnikov aus St. Petersburg und der Hamburger Künstler und spätere Initiator des Kunstvereins Harburger Bahnhof, René Havekost.