Harburg
Seevetal

Obdachlos in Seevetal – Kampf gegen Vorurteile

Sigrun Bartels (l.) und Martina Ostwald koordinieren die Unterbringung von Obdachlosen in der Gemeinde Seevetal

Sigrun Bartels (l.) und Martina Ostwald koordinieren die Unterbringung von Obdachlosen in der Gemeinde Seevetal

Foto: Christiane Tauer

Weil immer mehr Menschen keinen bezahlbaren Wohnraum finden, muss die Gemeinde neue Unterkünfte als letzte Rettung schaffen.

Seevetal.  Ein ganz normales Wohnhaus irgendwo in Hittfeld. Bunte Herbstblätter liegen auf dem Rasen, Fahrräder stehen vor der Tür, und im Inneren leuchtet in einigen Zimmern Licht, obwohl an diesem schönen Oktobermorgen eigentlich die Sonne scheint. Ein älterer, gepflegt aussehender Herr tritt hinaus, wirft etwas in den Müllcontainer, schaut sich um, und geht weiter. Seit sieben Jahren lebt er in der Unterkunft, die der Gemeinde Seevetal gehört und denjenigen ein Heim gibt, die kein eigenes mehr haben. Das Haus inmitten eines Wohngebiets ist eine Obdachlosenunterkunft und der Mann ein Obdachloser.

Das Hittfelder Haus, dessen Standort wir auf Bitten der Gemeinde nicht verraten sollen, ist nicht das Pik As in der Hamburger Neustadt. Es ist kein klassisches Obdachlosenasyl mit Mehrbettzimmern, Männern, die in dreckiger Kleidung am Boden sitzen und mit glasigen Augen Alkohol trinken. In Hittfeld gibt es 22 Zimmer, die teilweise doppelt belegt sind, aber nach außen hin nichts von der Not der Bewohner erkennen lassen. Doch diese Not gibt es trotzdem, wenn auch in anderer Form, und sie ist selbst in einer so gediegenen Gemeinde wie Seevetal so weit verbreitet, dass zu den zwei bestehenden Obdachloseneinrichtungen in Hittfeld und Maschen jetzt noch ein dritter Standort hinzukommt.

Teile der Flüchtlingsunterkünfte am Seevedeich in Meckelfeld sollen sukzessive für Wohnungslose umgenutzt werden. 18 Wohnungen sollen insgesamt entstehen. Der angespannte Wohnungsmarkt macht es finanzschwachen Personen derzeit zunehmend unmöglich, eine bezahlbare Wohnung zu finden, zumal im vorhandenen sozialen Wohnungsbau kaum Fluktuation stattfindet. Obdachlosenunterkünfte sind da für viele der einzige Ausweg.

Martina Ostwald und Sigrun Bartels koordinieren für die Gemeinde die Unterbringung der Wohnungslosen. Neben den 22 Zimmern in Hittfeld können sie auf 14 Wohnungen in Maschen zurückgreifen, das ist alles. „Wir sind gut ausgelastet, müssen aber immer etwas für Notfälle freihalten“, erläutert Martina Ostwald. Mit diesen Notfällen meint sie Menschen, die etwa Opfer eines Wohnungsbrandes geworden sind und auf die Schnelle kein neues Dach über dem Kopf finden.

Das gängige Bild des Obdachlosen, der mit Sack und Pack umherzieht und „Platte macht“, es gilt für Seevetal nahezu nicht. Die Gründe, warum die Menschen in den Unterkünften landen, sind völlig unterschiedlich. Nur ein Teil der Bewohner sind beispielsweise Menschen, die aus „baurechtlichen Gründen“ ihre bisherige Unterkunft – teils baufällige Häuser oder Garagen – verlassen mussten, sagt Sigrun Bartels. Überwiegend handelt es sich dabei um Männer aus dem osteuropäischen Ausland, die zum Arbeiten nach Deutschland gekommen sind.

Ein weiterer Teil sind Frauen, die etwa zu ihrem Freund in die Wohnung gezogen waren, ohne einen eigenen Mietvertrag zu besitzen. Als dann die Beziehung in die Brüche ging, standen sie oftmals von heute auf morgen auf der Straße, manche sogar mit ihren Kindern. „Diese Frauen melden sich von sich aus bei uns“, berichtet Martina Ostwald. Neben denjenigen, die von Bränden oder Hochwasser betroffen sind und spontan eine Unterbringung benötigen, bilden Menschen, die von einer Zwangsräumung betroffen sind die vierte Gruppe der Bewohner.

Der Mann aus der Hittfelder Unterkunft, der dort seit sieben Jahren lebt, ist einer von ihnen. Seinen Namen möchte der 69-Jährige nicht öffentlich nennen. „Ich hatte eine Wohnung in Meckelfeld, und als dort die Heizung ausfiel, habe ich meinen Vermieter angeschrieben“, erzählt er. Ordentlich per Einschreiben mit Rückschein. Der Vermieter reagierte jedoch nicht, woraufhin der Mann die Miete kürzte, am Ende sogar gar nicht mehr zahlte.

„Die Wohnung war eiskalt. Ein Vermieter hat ja nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten.“ Er zog dennoch den Kürzeren, wurde aus der Wohnung geklagt und landete in der Obdachlosenunterkunft. „Meine Rente ist nicht groß, ich muss aufstocken, eine hohe Miete kann ich nicht zahlen“, sagt er. Und das, obwohl er jahrzehntelang als Informationselektronikmeister arbeitete und sogar für die Reparatur der Lautsprecheranlagen im Elbtunnel zuständig war.

Mit seinen jetzigen Wohnverhältnissen hat er sich mittlerweile arrangiert, auch wenn ihn einige Trinker im Haus stören, die es offenbar mit der Hygiene nnicht all zu genau nehmen. „Von denen halte ich mich einfach fern, man kann ja niemanden zum Duschen zwingen.“ Er selbst trinke nicht, gehe täglich vier Kilometer spazieren und habe auch nette Leute im Haus kennengelernt, Deutsche wie Ausländer, sagt er. Wenn er eines Tages eine andere Wohnung finden würde, wäre das natürlich schön, fügt er noch hinzu.

Ob das möglich ist, wird sich zeigen. Martina Ostwald hofft, dass die neue Wohnungsbaugesellschaft im Landkreis Harburg für etwas Entspannung auf dem Wohnungsmarkt sorgt. Auch die neuen Unterkünfte am Seevedeich tragen ihren Teil dazu bei. „Es ist zumindest ein Schritt in die richtige Richtung, aber es reicht noch lange nicht aus.“

Nötig sei, noch mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und einen Mentalitätswandel bei den Vermietern herbeizuführen, damit sie auch Leistungsbezieher aufnehmen, sagt sie. „Da gibt es viele Vorurteile.“

Die Obdachlosenunterkünfte seien schließlich nur als kurzfristige Hilfe gedacht – die bei vielen wie dem 69 Jahre alten Hittfelder mangels Alternative zum Dauerquartier werden. Jemanden rauswerfen, das sei jedenfalls unmöglich. „Dann sind die Leute ja tatsächlich auf der Straße“, sagt Martina Ostwald.

Bei Mietschulden droht Obdachlosigkeit

Sechs Wochen lang dürfen die Bewohner der Seevetaler Obdachlosenunterkünfte eigentlich nur in den Wohnungen leben.


Die Miete wird befristet, damit die Bewohner motiviert werden, sich eine neue Bleibe zu suchen. Wenn sie nicht fündig werden, wird das Mietverhältnis aber verlängert.

Martina Ostwald weist darauf hin, dass es bei vielen gar nicht erst so weit kommen muss, dass sie in der Obdachlosenunterkunft landen. Um etwa die Zwangsräumung ihrer Wohnung zu verhindern, müssten sich die Betroffenen nur im Vorwege bei der Gemeinde melden.

Bei der Hälfte der Fälle kann durch die Übernahme der angehäuften Mietschulden durch das Jobcenter die Räumung abgewendet werden. Dazu dürfen die Mietschulden eine bestimmte Grenze jedoch nicht überschreiten.


Sind Familien betroffen, geht das Amt noch einmal erheblich kulanter vor als bei Einzelpersonen.