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Buchholz

Projekt „Dilemma“: Der Umgang mit Krisen

Kunstverein, Johanniskirche und Realschule am Kattenberge in Buchholz arbeiten gemeinsam an dem Projekt „Dilemma“ mit dem Berliner Künstler Roland Stratmann.

Kunstverein, Johanniskirche und Realschule am Kattenberge in Buchholz arbeiten gemeinsam an dem Projekt „Dilemma“ mit dem Berliner Künstler Roland Stratmann.

Foto: Corinna Panek

Johanniskirche stellt Projekt mit dem Kunstverein vor und feiert ihre Anerkennung als „Signifikante Kulturkirche“.

Buchholz.  Einmal im Jahr richten die Johanniskirche und der Kunstverein in Buchholz eine gemeinsame Ausstellung aus. Diese Zusammenarbeit mit einer nichtkirchlichen kulturellen Einrichtung ist Voraussetzung dafür, dass St. Johannis Buchholz Fördergeld von der kirchlichen Hanns-Lilje-Stiftung erhält. Mehr noch: Seit diesem Jahr darf sich die Gemeinde „Signifikante Kulturkirche“ nennen.

Diese Auszeichnung wird nun am Sonntag, 28. Oktober, gefeiert. Die Vorbereitungen dafür laufen schon seit Monaten, und in der vergangenen Woche haben 22 Schülerinnen und Schüler der Realschule am Kattenberge in ihrer Projektwoche zusammen mit dem Berliner Künstler Roland Stratmann im Buchholzer Kunstverein an der Ausstellung, oder genauer, dem partizipativen Projekt, das den Titel „Dilemma“ trägt, gearbeitet.

Es geht um Krise und Gestaltung. Die Neuntklässler formten Stabfiguren, die bei einem Festumzug vom Kunstverein in die Kirche gebracht werden sollen. „Allein das kann schon kleine Krisen bei den Schülern auslösen – etwa bei denen, die noch nie etwas genäht oder mit Metall gebaut haben“, sagt Roland Stratmann, der die Schüler anleitet.

Aus Maschendraht entstehen die Korpusse der Figuren, mit Stoffresten werden sie später umhüllt. Das Arbeiten mit dem Draht ist ungewohnt: „Mir tun die Hände weh“, gibt Hannah zu, und Emily zeigt ihre zerkratzten Arme. Ole näht derweil schon Stoff auf seine Skulptur, den „Ziegenmenschen“. Vorbild ist das lebensgroße Rhinozeros, das Roland Stratmann selbst geschaffen hat.

Ein weiterer Bestandteil des Projektes ist eine Postkartenaktion: Buchholzer Bürger waren aufgerufen, an Stratmann eine Postkarte mit ihren Gedanken zum Thema Krise zu senden. Daran nahmen mehr als 350 Schüler und Erwachsene teil, ihre Beiträge stimmen nachdenklich und traurig. Da geht es um den Verlust eines Angehörigen oder eines Haustieres ebenso wie um Ausgrenzung und Mobbing – was keinesfalls nur junge Menschen betrifft. Aber auf mancher Karte steht auch die Erkenntnis „eigentlich geht es uns doch gut“.

Eine „Krisen-Kakophonie“aus Postkartentexten

Alle Postkarten hat Stratmann zu einem Großplakat zusammengefügt, auf dem sich das Rhinozeros wiederfindet. „Das Rhinozeros hatte zu Dürers Zeiten in der Bilderkunst eine gewisse Bedeutung. Damals wurde beim König von Portugal ein Rhinozeros ausgestellt, es sollte anschließend in Italien gezeigt werden, doch es ging beim Transport mitsamt dem Schiff unter“, erzählt Stratmann.

Dürer habe diese Szene in einem Holzschnitt festgehalten. Darüber hinaus zeige das Nashorn, das es schon vor 50 Millionen Jahren gab, „viel mehr über die Evolution als alles andere. Und heute sind Nashörner eine bedrohte Art“. Auch eine Art von Krise.

Ist das Thema überhaupt für Jugendliche geeignet? „Krise bedeutet auch Wandel, sie ist nicht dauerhaft. Das bekommen auch die Schüler mit, wenn sie mit unbekanntem Material arbeiten“, sagt Stratmann. Zumal das Thema von der Johanniskirche vorgegeben wurde. „Im Rahmen der Förderung durch die Hanns-Lilje-Stiftung haben wir ein Konzept erarbeitet, das den Obertitel Menschsein im 21. Jahrhundert trägt“, erklärt Pastor Jürgen Stahlhut. „Krise und Gestaltung“ sei das Jahresthema für 2018.

Der Aspekt der Gestaltung und die Umsetzung des Projektes in mehreren Etappen an verschiedenen stellen ist für Pastor wie Künstler gleichermaßen reizvoll. „Bisher hatten wir ja immer weitestgehend fertige Ausstellungen in der Kirche gezeigt“, sagt Stahlhut. „Für mich stellte sich auch die Frage: Wie kann ich zwei sehr verschiedene Orte miteinander verbinden?“, sagt Stratmann. Daraus entstand die Idee des Festumzuges – wie auch die Rhinozeros-Geschichte ein Aspekt aus der Renaissance, als Kunstwerke der Öffentlichkeit bei Umzügen präsentiert wurden.

Aus den Postkartentexten stellt Roland Stratmann mit den Schülern außerdem eine „Krisen-Kakophonie“ zusammen, die in der Kirche uraufgeführt wird.

Während der Arbeiten im Kunstverein wurde auch ein Dokumentarfilm gedreht, der zur Ausstellungseröffnung gezeigt und währenddessen fortgesetzt wird. Am 9. November folgt noch ein Künstlergespräch in der Realschule am Kattenberge, auch hier wird gefilmt, so dass der Film über die gesamte Zeitspanne später zum Beispiel im Internet veröffentlicht werden kann.

Roland Stratmann: Dilemma, Ausstellung im Buchholzer Kunstverein und in der Kulturkirche St. Johannis BuchholzEröffnung Sonntag, 28. Oktober, 11 Uhr, Kunstverein Buchholz, Kirchenstr. 6, anschließend Festzug zur Johanniskirche, Wiesenstr. 25, dort Uraufführung der „Krisen-Kakophonie“ und Bibellesung zum Thema „Krise und Gestaltung“. Künstlergespräch und Präsentation, Freitag, 9. November, 15 Uhr, Realschule am Kattenberg, Buchholz, Sprötzer Weg 33Ausstellung bis 25. November Der Künstler Roland Stratmann, Jahrgang 1964, studierte an der Universität der Künste in Berlin, wo er bis heute lebt und arbeitet. 2009 erhielt er den Nationalen Preis für Integrierte Stadtentwicklung und Baukultur. Ausstellungen führten ihn ans Kunstmuseum Nülheim, in die Galerie Laurent Mueller in Paris, ins Zerliya Museum of Contemporary Art in Tel Aviv, zur Biennale in der Türkei (2014 und 2017), an die C&K Galerie Berlin, ans Sinclair-Haus Bad Homburg und an die Kunsthalle Emden.


Mit dreidimensionalen Werken aus Gegenständen des Alltags spricht Stratmann politische, ideologische und gesellschaftliche Konflikte an. Regelmäßig bindet er weitere Menschen in seine partizipativen Projekte ein