Harburg
Winsen/Gao

Ein Lebensretter auf vier Pfoten

Julian K. (rechts) ist Diensthundeführer bei der Bundeswehr. K 9 bedeutet weltweit die Abkürzung für Hundestaffel.

Julian K. (rechts) ist Diensthundeführer bei der Bundeswehr. K 9 bedeutet weltweit die Abkürzung für Hundestaffel.

Foto: Enric Boixadós

Gut ausgebildet: Ein Hund und sein Herrchen schieben gemeinsam Dienst als Blauhelme in Mali.

Er bellt und hechelt hinter den Gitterstäben seines Zwingers. Indy ist unruhig. Als er Julian K. erblickt, wedelt er vor Freude mit dem Schwanz. Denn jetzt darf er raus zum Gassigehen und um vielleicht neue spannende Aufgaben lösen zu können. Denn Indy ist ein Diensthund der Bundeswehr mit dem Spezialauftrag, Sprengstoff zu erschnüffeln. Sein Steckbrief: furchtlos, zuverlässig, schnell, energiegeladen, zielstrebig und effektiv bei der Arbeit und sozial, so lange er es sein soll. Außerdem ist der Vierbeiner noch Spezialist im Auffinden versteckter Chemikalien und Waffen. Damit ist der Rüde ein sogenannter Biosensor, der Anschläge verhindern und Leben retten kann.

Der Winsener Julian K. ist stationiert bei Gao im Norden Malis und gehört als Deutscher zur UN-Mission MINUSMA. 12.000 Angehörige der internationalen Streitkräfte helfen den malischen Behörden, für die Sicherheit des Wüstenstaates zu sorgen. Julian K. und sein Hund gehören zu den rund 1000 deutschen Blauhelmen, die im Camp Castor stationiert sind.

Mission Sprengstoff

Wie eine Trutzburg mit drei Kilometern Mauer und Stacheldraht ragt das deutsche Feldlager aus dem roten Sand. Einen Steinwurf entfernt liegt die einst blühende Stadt Gao, die heute nur noch mit Patrouillen in geschützten Fahrzeugen besucht werden kann. Temperaturen um die 40 bis 48 Grad gehören zum Alltag. Soldaten- und Hundeleben im Extremen. Mit Indy gibt es insgesamt vier Schutzhunde im Camp Castor. Zwei davon gehören den Feldjägern und zwei der Militärpolizei an. Drei von den Vierbeinern sind auf Sprengstoff, einer auf Rauschgift ausgebildet.

Bis 2010 war Mali ein beliebtes Reiseland. Es gab das Dogon-Land im Osten mit seinen unzähligen Höhlenwohnungen und der kulturellen Besonderheit des Dogon-Volkes. Seit 1989 gehört diese Region zum Weltkulturerbe. Die Große Moschee von Djenné ist ein weiteres Juwel. Sie ist das größte sakrale Lehmgebäude und gilt als ein Höhepunkt der sudanesisch-sahelischen Architektur in Mali.

Wegen der politisch angespannten Situation bleiben heute die Gäste aus. Tourismus gibt es kaum mehr in dem westafrikanischen Land. Der Konflikt begann Ende 2011 im Norden des Landes. Bürgerkriegs-Milizen aus Libyen suchten Zuflucht in der Region. Hinzu kam, dass im Januar 2012 die Volksgruppe der Tuareg begann, für ihre Unabhängigkeit und gegen den malischen Staat zu kämpfen. Es folgten radikale Islamisten, die die Region für sich einnehmen wollten.

Ziel heftiger Kämpfe war die legendäre Wüstenstadt Timbuktu, die von den Dschihadisten und Angehörigen terroristischer Gruppierungen angegriffen und teilweise zerstört wurde. Heute ist es für Touristen viel zu gefährlich, durchs Land zu reisen.

Das Mandat für die Bundeswehr in Mali geht bis Mai 2019. Die Verlängerung ist so gut wie sicher. Denn Frieden im Wüstenstaat wird es so schnell nicht geben. Dazu hatte Kanzlerin Angela Merkel Anfang des Jahres erklärt, dass Deutschland zwischen 2017 und 2020 rund 1,7 Milliarden Euro für die Entwicklung der Sahelstaaten ausgeben werde. In Deutschland sind Indy und sein Winsener Herrchen in der Tolenser Kaserne in Neubrandenburg stationiert.

Zivil leben beide in einer Wohnung in der Stadt der vier Tore am Tollensesee. „Zu Hause, wenn Indy nicht im Dienst ist, hat er alle Freiheiten. Er schläft auch neben mir“ sagt der Oberfeldwebel auf Zeit. Indy ist ein Malinois, ein Belgischer Schäferhund. Warum kein Deutscher Schäferhund? „Weil sie oft Rückenprobleme haben und die, die keine haben und gut sind, werden für 10.000 bis 20.000 Euro in die USA verkauft.“ Einen Malinois gibt es für rund 3500 Euro. „Wenn er ausgebildet ist, hat er den zehnfachen Wert“, ergänzt der Hundeführer.

Ausbildung der Schutzhunde

„Begonnen wird mit einem Schutzdienstlehrgang“, sagt der Feldjäger, der mit Indy seinen dritten Diensthund hat. Danach wird er im Inland als Streifenhund und für das Sichern von Veranstaltungen eingesetzt. Wird er auf Straftäter angesetzt, werden sie durch Beißen gestellt oder durch Bellen angezeigt. „In den meisten Fällen haben diese Personen gegen unsere Hunde keine Chance und geben schnell auf.“ Bei der Familie in Winsen geht der 28-Jährige ganz normal mit Indy spazieren. „Wir sind auch in der Stadt unterwegs“, sagt der Soldat.

Wichtig sei jedoch, dass der Hund durchgehend an der Leine geführt wird. „Wenn man mal einen Kumpel trifft, der einen vielleicht von hinten auf die Schulter klopft, kann das schon zu einer Reaktion beim Hund führen, der mich beschützen will.“ So gebe es für Indy in öffentlichen Räumen Leinenpflicht. Seit April 2015 arbeiten Hund und Herrchen zusammen. „Nach einem Jahr sind die Hunde ausgebildet.

Dann bleiben sie für zwölf Monate im Inland und danach dürfen sie mit in die Einsatzländer“, ergänzt der Oberfeldwebel. In eine richtige Gefahrensituation sind er und Indy glücklicherweise noch nie gekommen. Das kann sich jedoch schnell ändern.

Julian K. kam zu seinem Diensthund, weil ihn sein Ausbilder darauf angesprochen hat. Er überlegte kurz und sagte zu. „Einen Bezug zu zivilen Hunden, also reinen Haustieren, habe ich nicht“, betont er. „Ich will das Leben meiner Kameraden mit Indy schützen.“

So würde er sich auch privat keinen Hund anschaffen. 2023 endet seine Dienstzeit. Dann ist Indy acht Jahre alt. Falls Julian K. seinen Dienst bei der Bundeswehr nicht verlängert, möchte er seinen Kameraden auf vier Pfoten dann gern übernehmen. Und auch mit zurück nach Winsen nehmen. Denn so eine lange gemeinsame Dienstzeit schweißt zusammen. Und das weiß auch Soldat Julian K.