Harburg
Buchholz

„Wir müssen Städtebau neu denken“

Der Buchholzer Stadtbaurat Stefan Niemöller nutzt auch private Reisen, um sich bei der Entwicklung neuer Wohnquartiere in der Nordheide inspirieren zu lassen. 2017 war er unter anderem in Freiburg unterwegs

Der Buchholzer Stadtbaurat Stefan Niemöller nutzt auch private Reisen, um sich bei der Entwicklung neuer Wohnquartiere in der Nordheide inspirieren zu lassen. 2017 war er unter anderem in Freiburg unterwegs

Foto: Stefan Niemöller

Für die Entwicklung des Wohngebiets im Osten hat sich der Buchholzer Stadtbaurat Stefan Niemöller unter anderem in Freiburg umgesehen.

Buchholz.  In der größten Stadt des Landkreises Harburg sollen in den kommenden Jahren ein neuer Stadtteil mit bis zu 1500 Wohneinheiten sowie eine östliche Umgehungsstraße entstehen. Weil ein Wachstum in dieser Größenordnung nicht auf ungeteilte Zustimmung trifft, steht das Konzept und seine Umsetzung unter besonderer Beobachtung. Im Abendblatt-Interview spricht Stadtbaurat Stefan Niemöller über moderne Stadtplanung, autoreduzierte Quartiere und ungerechtfertigte Ängste.

Herr Niemöller, seit Bürgermeister Jan-Hendrik Röhse das Stadtentwicklungskonzept „Buchholz 2025plus“ öffentlich gemacht hat, wird es überaus kontrovers diskutiert. Opfert die Stadt mit diesem Vorhaben seinen von vielen Bürgern geschätzten, kleinstädtischen Charme?

Stefan Niemöller: Diese Befürchtung ist aus meiner Sicht nicht gerechtfertigt. Dass die Stadt ein massives Problem durch fehlenden Wohnraum hat, dürfte außer Frage stehen. Buchholz ist durch seine exponierte Lage in der Metropolregion Hamburg, seine verkehrliche Anbindung, wie seine Infrastruktur ein attraktives Zuzugsgebiet. Dass hier auch Menschen ein Zuhause finden, die in Kindergärten und Krippen, im Einzelhandel und in Gewerbebetrieben, in Krankenhäusern und in der Pflege arbeiten, daran sollten alle Buchholzer ein Interesse haben.

Zudem ist es ja nicht so, dass die 1500 Wohneinheiten auf einen Schlag und entstehen, sondern in mehreren Bauabschnitten. Wir reden hier von einem langjährigen Prozess, in dessen Verlauf die tatsächlichen Bedarfe immer wieder analysiert und angepasst werden.

Gegner warnen vor Hochhaussiedlungen

Gegner der neuen Quartiere im Osten der Stadt warnen vor gesichtslosen Hochhaussiedlungen, unabsehbaren Folgekosten und dem Entstehen sozialer Brennpunkte. Zu Recht?

Das halte ich für überzogen. Noch gibt es ja gar keine konkreten Planungen, weil der notwendige Rahmenplan erst aufgelegt werden muss. Erst dann geht es in die Feinplanung der einzelnen Baufelder. Ich gehe in Teilen von bis zu vier- bis viereinhalbgeschossigen Bauten aus, ohne übermäßige Dichte.

Unter urbanem Wohnungsbau verstehen wir nicht das Etablieren einer Monostruktur. Da mehrere Architekturbüros beteiligt sein sollen, wird es mit Sicherheit vielfältige Kubaturen und Fassadenentwürfe geben. Wir legen auch Wert auf ökologische Bauweisen, etwa durch Holzrahmenbauten. Uns allen ist bewusst, dass wir Städtebau heute neu denken müssen, anders als in der Vergangenheit.

Wo haben Sie sich inspirieren lassen?

Selbst bei privaten Reisen sehe ich fremde Orte mit den Augen des Architekten und Stadtplaners. So habe ich zum Beispiel Freiburg im Vorjahr mit meiner Familie per Rad erkundet, vor allem das Vauban-Viertel. Auf einem ehemaligen Kasernengelände der französischen Streitkräfte entstand hier ein innenstadtnahes, grünes, familienfreundliches und autoreduziertes Quartier. Geprägt ist es von einer Blockstruktur mit belebten Innenhöfen, Niedrigenergiebauten und einer starken Orientierung auf den öffentlichen Personennahverkehr. Da lässt sich vieles für Buchholz abschauen.

Beispielhafte Konzepte für modernes Bauen lassen sich aber auch in den Steimker Gärten in Wolfsburg, in der neuen Mitte von Hamburg-Altona, im Überseequartier 12 in der Hafencity oder in Kopenhagen finden.

In der Diskussion sind autofreie Quartiere

Forderungen nach ernsthaften Alternativen zum individuellen Autoverkehr werden immer lauter. Tragen die Planungen der neuen Buchholzer Quartiere diesem Aspekt Rechnung?

Für einen Teil des Gebietes diskutieren wir die Möglichkeit eines autofreien Quartiers. Dafür gibt es durch die Lage zwischen den Bahnlinien und dem Finanzamt auch gute Chancen. Das Andocken an die Stadt mittels gut ausgebauter Fahrradtrassen bietet sich geradezu an. Parkhäuser sollte es, wenn überhaupt, nur in Randlagen geben, so wie im Freiburger Vauban-Viertel.

Welche Rolle wird in diesem Zusammenhang für Buchholz zukünftig das Car-Sharing spielen?

Da bin ich eher skeptisch. Bekanntermaßen ist es erst bei einer Flottenauslastung ab 60 Prozent wirtschaftlich. Überdies nutzen viele Hersteller Car-Sharing vorrangig, um bestimmte Modelle in den Markt zu bringen. Dafür dürfte Buchholz kaum der optimale Standort sein.

Kann die zunehmende Digitalisierung, auch des Berufslebens, das Ziel autoarmer Viertel unterstützen?

Davon bin ich überzeugt. Immer mehr Angestellte und Freiberufler, vor allem im IT-Bereich, arbeiten heute schon im Homeoffice. Dieser Trend wird sich in naher Zukunft noch deutlich verstärken. Deshalb wollen wir Bauten schaffen, die Wohnen und Gewerbe unter einem Dach vereinen. Etwa durch Büroräume und Gewerbeeinheiten im Erdgeschoss und Wohnungen in den Etagen darüber. Dadurch entfällt ein Teil des Mobilitätszwangs, der logischerweise auch zu einem Rückgang des Verkehrs führt. Das nenne ich Wohnen 4.0.

Straßen werden im Kernbereich verkehrsberuhigt

Welche grundsätzlichen Vorstellungen von der Struktur der Quartiere haben sich bereits herausgebildet?

Ich denke, es wird mehr Block- als Zeilenbebauung geben. Durch Versprünge und Shared-Space-Bereiche sollten die Straßenbereiche in den Kernbereichen mit Geschosswohnungsbau verkehrsberuhigt angelegt werden. An den Rändern der Quartiere ist die Bebauung mit Einzel- und Doppelhäusern denkbar.

Einzelne Baufelder sollten zudem für generationsübergreifendes Wohnen entwickelt werden. Wo es in Randlagen Bauernhöfe und Koppeln gibt, sollte insbesondere für Kinder und ältere Mitbürger eine bewusste Verbindung zu Tieren geschaffen werden.

Welche Auswirkungen haben all diese Vorstellungen auf die Nachrüstung der Infrastruktur?

Sie wird natürlich mitwachsen müssen. Die Feuerwehr ist zum Glück schon da. Ob es im Osten irgendwann einer neuen Grundschule und einer zusätzlichen Kita bedarf, wird sich zeigen. Da es sich aber wie gesagt um eine stufenweise Entwicklung des neuen Stadtteils handelt, kann man immer nachsteuern und notwendige Bauten einplanen.