Harburg
Bezirk Harburg

Zu Fuß einmal quer durch Harburg

Foto: Angelika Hillmer / HA

20 Kilometer liegen zwischen den Grenzen des Bezirks zu Niedersachsen von Fischbek bis Neuland. Entdeckungsreise auf Schusters Rappen.

Harburg.  Der Westen (des Bezirks) ist grün. Ein holpriger Weg führt hinein in die Wiesen, auf denen in naher Zukunft das Wohnquartier Fischbeker Reethen heranwachsen soll. Pfützen lassen Spaziergänger mit Hunden Schlangenlinien gehen – hier kann es selbst in außergewöhnlich trockenen Sommern noch ein wenig feucht sein.

Ein Feldweg kreuzt. „Dies ist eine ehemalige Panzerverladerampe, die zurückgebaut wurde. Hier soll ein Rad- und Fußweg entstehen, als schnelle Verbindung zum S-Bahnhof Fischbek“, sagt Silke Bainbridge-Nott von der Entwicklungsgesellschaft IBA Hamburg GmbH, die mich zusammen mit ihrem Kollegen Stefan Laetsch ein Stück des Wegs begleitet.

Rund 2200 Wohnungen sollen hier einmal entstehen. Großzügig geplant als „Gartenstadt des 21. Jahrhunderts“. Das ist jetzt noch nicht zu erahnen. Über den Wiesen jagen Vögel Insekten hinterher. Der Himmel ist stahlblau, in der Luft liegt Güllegeruch. Keine Frage: Hier wird Landwirtschaft betrieben. Ein etwa zwei Meter hoch gewachsenes Maisfeld zeugt von feuchtem Boden. Einen Steinwurf entfernt kümmert der Mais vertrocknet vor sich hin. Auf der Bahntrasse, die das Gebiet im Norden begrenzt, fährt alle paar Minuten ein S-Bahn- oder ein Metronom-Zug entlang. Ansonsten herrscht Ruhe.

Damit ist es ein paar Meter weiter südlich, an der B 73, schlagartig vorbei. Lkw rauschen vorbei, ihr Fahrtwind wirbelt Staub auf und streicht durchs Haar. Auf der anderen Straßenseite bietet das zweite von drei großen Baugebieten in Neugraben-Fischbek einen ruhigen Bypass – der Fischbeker Heidbrook. Auch hier wächst Hamburg, um rund 1200 neue Wohnungen.

Ein Weg führt hinter fast fertiggestellten Terrassenhäusern entlang. „Wir laufen gerade auf einer zukünftigen Grünverbindung“, sagt Stefan Laetsch. Er zeigt auf die aufgereihten Backsteinbauten, die in der Vormittagssonne zu glühen scheinen: „In diesen Häusern werden 70 Wohneinheiten entstehen.“ Wenige Meter weiter stehen die alten Gebäude der Röttiger-Kaserne. Einst Eingangsbereich eines Militärgeländes, werden sie bald Seniorenwohnungen und eine Kindertagesstätte beherbergen.

Der Friedhof Fischbek bietet auch den Lebenden Ruhe

Jenseits der lärmenden Cuxhavener Straße, am Fischbeker Weg, eröffnet sich eine andere Welt, die des alten Fischbeks. Kopfsteinpflaster markiert den Ortskern. Vereinzelt sind Reetdächer zu sehen, dazu die Corneliuskirche und das Gerätehaus der Freiwilligen Feuerwehr. Weiter ostwärts wird es städtischer. Am Geutensweg geht es wieder über die B 73, hinein in ein baumbestandenes Wohnquartier. Im Eingangsbereich des Friedhofs Fischbek hat sich eine Trauergesellschaft versammelt. Hier finden Fischbeker Ruhe, die Toten wie die Lebenden.

Wenige Schritte entfernt fällt der Blick auf einen verfallenen Bauernhof – auch hier soll gebaut werden. Die Straße Bauernweide erinnert an alte Zeiten. Heute ist sie von Wohnhäusern und vom Kaufland-Gebäude gesäumt. Es verströmt das Ambiente einer Lagerhalle und flankiert den Neugrabener Markt. Trotz einer 1,6 Millionen Euro teuren Aufwertung bleibt die Wochenmarkt-Fläche selbst an schönen Spätsommertagen eine fast menschenleere Ödnis, wenn keine Markttage sind.

Ein weiteres Mal kreuzt mein Weg die Cuxhavener Straße. Sie durchschneidet als lärmendes Band die Stadtteile Fischbek, Neugraben, Hausbruch, Heimfeld, Harburg. Neugraben hat sich mit zwei Fußgängerbrücken beholfen. Aber auch sie können die trennende Wirkung der vielbefahrenen Verkehrstrasse nicht wirklich aufheben.

Wie schon in Fischbek reichen wenige hundert Meter, um dem Verkehrsgetöse zu entkommen. Am Kleinfeld stehen vier- oder fünfstöckige Mehrfamilien- und Reihenhäuser, die umgeben sind von alten Bäumen und großzügigen Grünflächen. Hier steht die Gartenstadt des 20. Jahrhunderts, errichtet von der Wohnungsbaugenossenschaft Süderelbe. Sie zeigt, wie Wohnen im Grünen in städtischem Raum funktionieren kann.

Kurz vor dem Rehrstieg am S-Bahnhof Neuwiedenthal führt ein Fußweg zurück an die B 73. Die nächste Überquerung. Zwei gelbe Pfeile weisen Wanderern den Weg in die Harburger Berge. Die erste Erhebung ist schnell erklommen: der Opferberg (46 m). Nun ein Stück des Rundwegs W 1 genießen und die feuchtkühle Waldluft schnuppern. Wer hier läuft, hat einige Höhenmeter zu überwinden und blickt immer wieder steile Abhänge hinauf oder hinab.

Die Eiszeiten haben diese besondere Landschaft geformt. Die Harburger Berge sind in der Saale-Eiszeit entstanden, überwiegend aus Schmelzwassersanden. In der nachfolgenden Weichsel-Eiszeit gab es Dauerfrost. Nur im Sommer taute der Boden bis in eine Tiefe von gut einem Meter auf. Die aufgetaute Schicht war äußerst mobil und begann bereits bei einer Hangneigung von zwei Grad zu fließen. So sind die großen Trockentäler entstanden. Zum Teil wurde die Hochfläche so weit zerschnitten, dass nur einzelne Kuppen übrig blieben.

Heute wird das Gebiet vom Ehestorfer Heuweg zerschnitten. Aber der wirkt geradezu zahm, denn er ist baustellenbedingt verkehrsberuhigt worden. Ein Vermessungsteam ist am Arbeiten. Ab und an passiert ein Fahrzeug die Straße – ein Anlieger. Ein kurzer Blick auf den Alten Jägerhof.

Das weiße Gebäude, in dem schon das Ortsamt Hausbruch, der Kulturverein Süderelbe und ein Bewegungskindergarten residierten, liegt noch immer mit vernagelten Fenstern und Türen im verwilderten Garten. Ein Schild warnt vor „Baumsturzgefahr“, aber das Grundstück darf ohnehin nicht betreten werden. Die städtische Sprinkenhof GmbH verwaltet den Leerstand, die Immobilie soll öffentlich ausgeschrieben werden.

Wieder im Wald. Das nächste Ziel ist die Kärntner Hütte – ein Stück Österreich in einer vergleichsweise unscheinbaren „Bergwelt“. Wirtin Elke Eckhof serviert hier bereits seit 27 Jahren ihren Gästen Wurstsalat, Kaiserschmarrn und Leberknödelsuppe. Ein altes Schwarzweiß Foto in der Gaststube zeigt, wie sehr die Hütte gewachsen ist im Laufe der Zeit. Für den Sommer hat Eckhof einen idyllischen Biergarten geschaffen, für den Winter einen gemütlichen Gastraum mit Kamin.

Der „Skihang“ am Reiherberg ist höchstens noch Rodelrevier

Wenige Meter weiter weist ein Findling mit der Aufschrift „Skigebiet Reiherberg“ den Weg zu einer vergangenen Kuriosität: Unweit der Kärntner Hütte gab es einen Skilift in Harburg. Im Winter 1977/78, als noch niemand von Klimaerwärmung sprach, war Schluss. Nun sausen Rodler den Hang hinab, sofern einmal Schnee liegt. Bänke und ein Kreuz auf dem Gipfel des Reiherbergs (79 m) zeugen davon, dass hier Freiluft-Gottesdienste abgehalten werden.

Wieder ist Verkehrslärm zu hören, dieses Mal von der A 7. Einige Auf- und Abstiege später liegt die Asphaltschlaufe der Anschlussstelle Heimfeld direkt zu Füßen. Dort, wo die kleine Waldstraße Kuhtrift unter der Schnellstraße hindurch führt, fällt der Blick auf mehrere im Wald verstreute Bunker – Überreste des Zweiten Weltkriegs. Bereits 1936 begann man im Waldgebiet Haake mit dem Bau einer Schießbahn, einem Munitionsdepot und diversen Bunkern. Die meisten stehen heute noch und sind als Hamburger Kulturdenkmäler gelistet.

Jenseits der Autobahn führt der Weg durch einen alten Buchen- und Eichenbestand. Hier wollte ein bayerischer Investor, dem das Waldstück gehört, einen Kletterpark errichten. Doch die Hamburger Umwelt- und die Wirtschaftsbehörde machten ihm einen Strich durch die Rechnung – zugunsten des Natur- und Landschaftsschutzes. Nun soll ein Teil der Bäume fallen, um mit ihrem Holz Erträge zu gerieren.

Am Ende der Kuhtrift grüßt Heimfeld mit einem griechischen Restaurant und einer Buskehre. Es geht bergab zur Harburger Innenstadt. Vorbei am Privathotel Lindtner, das sogar eine nach ihm benannte Busstation hat (anders als das Hotel Heimfeld weiter abwärts). Zwischen den Hotels kommen auf der nördlich gelegenen Straßenseite hinter Bäumen wahre Perlen zum Vorschein. Hier beginnt das Heimfelder Villenviertel – Fassaden im Gründerzeitstil erinnern an Eppendorf. Allerdings nur kurz. Schon bald wechselt die Bebauung.

Die Friedrich-Ebert-Halle, ein architektonischer Leuchtturm

Der Lindenhof (noch ein griechisches Restaurant) hat tatsächlich eine Linde vor dem Haus. An der Ecke Milchgrund steht ein Reetdachhaus. Schräg gegenüber ist im Kiosk „Wodka im Angebot“. Im Heimfelder Ortskern wird es multikulti, von türkischen Imbissen bis zum Sushi-Restaurant. Hier liegt ein architektonischer Leuchtturm des Bezirks: die Friedrich-Ebert-Halle und das Friedrich-Ebert-Gymnasium.

Erbaut 1928/29 waren die Gebäude herausragende Vorzeigeobjekte der modernen Architektur und der Reformpädagogik. Das Stadtmuseum Harburg hat zusammen mit einer Schülergruppe des Gymnasiums die Geschichte des Ensembles aufgearbeitet und präsentiert sie bis zum Jahresende vor Ort in der Ausstellung „Zeitwende“.

Modern und alt zugleich ist auch das Hauptgebäude der Technischen Universität Hamburg (TUHH). Es verbindet Teile der alten Kaserne am Schwarzenberg mit neuzeitlicher Architektur. Gegenüber erstreckt sich ein leerer Schwarzenberg. Einst Festplatz der Schützen, dann Standort einer Flüchtlingsunterkunft, wird er nur noch sporadisch genutzt.

Der Weg führt durch die City, vorbei am Helms-Museum, über den Rathausplatz, quert den Harburger Ring und wechselt im Fortlauf der Straße Am Wall ein letztes Mal die B 73, die hier Buxtehuder Straße heißt.

Am östlichen Rand des Binnenhafens mischen sich Neubauten mit Baustellen. Drei Kräne drehen sich über dem Wohnungsbau-Projekt Brückenquartier, das gerade Richtfest feierte. An der Neuländer Straße sind zwei weitere Großprojekte geplant, aber noch nicht sichtbar. Derzeit ist hier Niemandsland.

Ebenso auf dem weiteren Verlauf der Neuländer Straße über die A253 hinweg bis zum Neuländer Weg. Dort läuft man durch Kleingarten-Idyllen, bis die Großbaustelle des Logistikpark Neuland erreicht ist. Schnell über die Straße, am Betonwerk vorbei, unter der A1 hindurch – und befreit aufatmen.

Hier erstrecken sich die Neuländer Moorwiesen, die Hamburg vor gut einem Jahr unter Naturschutz gestellt hat. „Hier finde ich Geräusche meiner Jugend: die Rufe und die Gesänge von Kiebitz, Feldlerche, Wiesenpieper und Wachtelkönig“, sagt Harald Köpke vom BUND.

Der Naturschützer aus Moorwerder hat jahrelang dafür gekämpft, dass die artenreichen Wiesen naturnah bewirtschaftet und langfristig geschützt werden – anders als ganz im Westen des Bezirks wird diese Wiese nicht bebaut werden. Jenseits des weiten Grünlands liegen die Häuser der Straßensiedlung Fünfhausen. Hier endet Hamburg und damit auch der Bezirk Harburg. Kein schlechtes Ende.

Bezirk Harburg in Zahlen

Der Bezirk Harburg hat eine Fläche von gut 125 Quadratkilometern und damit einen Anteil von knapp 17 Prozent an der Hamburger Stadtfläche. Er besteht aus 17 Stadtteilen, von denen Neugraben-Fischbek nach Fläche und Einwohnern am größten und Gut Moor am kleinsten sind.

Mehr als 163.000 Einwohner aus 155 Nationen leben im Bezirk. Fast jeder dritte hat ausländische Wurzeln.

Gut 75.000 Wohnungen in rund 25.800 Gebäuden gibt es im Bezirk. Die durchschnittliche Wohnungsgröße beträgt 77 Quadratmeter.