Harburg
Psychiatrie Lüneburg

„Wir müssen die Patienten auch fordern“

Chefärztin Dr. Angela Schürmann auf dem parkähnlichen Gelände des Psychiatrischen Klinikums Lüneburg

Chefärztin Dr. Angela Schürmann auf dem parkähnlichen Gelände des Psychiatrischen Klinikums Lüneburg

Foto: Lena Thiele

Dr. Angela Schürmann, Chefärztin am Psychiatrischen Klinikum Lüneburg, über offene Türen und Architektur, die heilen kann.

Von Herbst an soll es in der Lüneburger Psychiatrie keine geschlossenen Stationen mehr geben. Für Dr. Angela Schürmann ist dies eine wichtige Entwicklung, wie sie im Gespräch betont.

Sie sind seit 1980 in der Psychiatrie tätig. Welche Veränderungen haben Sie seitdem erlebt?

Schürmann: Bis in die 70er-Jahre gab es in Deutschland vor allem große psychiatrische Krankenhäuser für Rieseneinzugsgebiete. In Lüneburg gab es 1600 Patienten, heute sind es 350. Die Menschen lebten teilweise über Jahre dort, und zwar meistens „unter elenden und menschenunwürdigen Bedingungen“, das ist die Formulierung aus der Psychiatrie-Enquete. Oft befanden sich die Kliniken weit außerhalb der Lebensbereiche der Menschen. Mitte der 1970er-Jahre wurden viele Veränderungen angestoßen. Außerhalb der Kliniken ist seitdem ein breites Spektrum an Versorgungsangeboten entstanden: Begegnungsstätten, therapeutische Wohngruppen, Beratungsstellen und auch Heimeinrichtungen. Parallel wurden die alten Landes- und Bezirkskliniken drastisch verkleinert. Ein zweiter Aspekt war die zunehmende Normalisierung. Psychiatrie ist immer noch mit einem Stigma verbunden. Wir unternehmen viel, um diese Grenzen aufzuweichen. Wir laden zu Informationsveranstaltungen ein, für die Schulkinder führt ein Weg übers Gelände, die Schranke an der Einfahrt ist weg. Wir haben auch ein Sozial- und Kulturzentrum.

Was hat sich innerhalb der Kliniken und für die Patienten verändert?

Schürmann: Die Verweildauer wurde rasant kürzer. Zuvor waren die Patienten oft über Monate in den Kliniken, diese Zeit hat sich auf durchschnittlich 20 Tage verringert. Entscheidend dafür ist die enge Vernetzung mit der psychosozialen Szene, das heißt mit den anderen Versorgern in der Gemeinde, wie dem ambulanten psychiatrischen Pflegedienst. Dazu gehören auch unsere Tageskliniken und die tagesklinischen Angebote. Wir wollen den Übergang in den Alltag möglichst früh ermöglichen.

Dabei beziehen Sie auch ehemalige Patienten ein…

Schürmann: Sie meinen unsere Genesungsbegleiter, die sogenannte Peer-Beratung. Das ist ein sehr neues Projekt, was sich gerade in der Psychiatrie-Szene durchsetzt. Frauen und Männer, die selbst Psychiatrie-Erfahrung als Patienten haben, bieten nach einer einjährigen Ausbildung hier im Haus in Mini-Jobs Beratung für Angehörige und Betroffene an. Drei Genesungsbegleiterinnen sind auch Mitarbeiterinnen in unserem Modellprojekt zur Ambulantisierung.

Was hat es damit auf sich?

Schürmann: Das Team versorgt akut kranke Patienten sozusagen auf einer Station ohne Betten. Das Modellprojekt läuft in Kooperation mit der AOK seit vier Jahren. Es ermöglicht es uns, die Behandlung von Patienten, die man früher ganz normal auf der Station aufgenommen hätte, noch individueller zu gestalten. Da sind andere Länder viel weiter, in Skandinavien wird sehr viel mit Hausbesuchen gearbeitet. Bisher haben wir das in die Stationsarbeit integriert. Seit April haben wir ein achtköpfiges Team, das ausschließlich diese bis zu zwölf Patienten behandelt. Das sind Pflegekräfte, Ärzte, Sozialarbeiter und Ergotherapeuten, die geschult wurden, wie Familie, Nachbarn, Arbeitgeber stärker in die Behandlung eines Patienten einbezogen werden können.

Welche Vorteile hat diese Art der Behandlung für die Patienten?

Schürmann: Es muss Ziel jeder Behandlung sein, dass jemand wieder auf eigenen Füßen steht. Auf einer Station wird rundum eine Versorgung geboten. Es gibt Zeiten, wo das gut ist und notwendig. Aber der Patient muss schrittweise wieder gefordert werden. Natürlich gucken wir immer, was schon möglich ist. Die Menschen probieren aus, wozu ihr Antrieb, ihre Ausdauer und Konzentration reichen, zum Beispiel in der Ergotherapie oder der Kochgruppe. Im häuslichen Rahmen ist noch viel mehr Raum, diese Ressourcen im Blick zu haben. Früher hatten wir oft vor allem die Defizite im Blick, die Menschen waren krank, niedergestimmt, hatten Wahnvorstellungen, nichts ging mehr. Aber es geht immer noch was. Auch in Zukunft wird es eine Gratwanderung bleiben, zu entscheiden, wann jemand selbst Verantwortung übernehmen kann. Den Rahmen so weit zu stecken, dass der Patient sein Leben allein bewältigen kann, ist unsere Aufgabe. Das gelingt in dem Modellprojekt besonders gut.

Sind bestimmte Diagnosen für diese Behandlung besonders geeignet?

Schürmann: Nein, das haben wir auch erst gedacht. Aber von Alterspatienten über Suchtpatienten über depressive, persönlichkeitsgestörte und psychotische Patienten — es ist alles dabei.

Gibt es schon Ergebnisse zum Erfolg?

Schürmann: Eine große Begleit­forschung steht kurz vor der Veröffentlichung. Zu den ersten Ergebnissen zählt, dass die Patientenzufriedenheit höher als zuvor ist.

In Kürze sollen die geschlossenen Stationen geöffnet werden...

Schürmann: Wir bereiten uns seit gut einem Jahr darauf vor, alle zehn Stationen mit offenen Türen zu führen. Viele Jahre gab es eine geschlossene gerontopsychiatrische Station und zwei geschlossene allgemeinpsychiatrische Stationen. Außerdem die Drogenentgiftungsstation, die schon aufgemacht hat. Auf der gerontopsychiatrischen Station sind viele Patienten mit einer Demenz orientierungslos, es besteht die Gefahr, dass sie fortlaufen. Dennoch ist die Tür dort seit zweieinhalb Jahren offen, um die Atmosphäre auf der Station zu verbessern und mehr mit den Patienten zusammen zu tun. Das wollen wir für die beiden anderen Stationen übernehmen. Dort werden Menschen in sehr akuten Krisen behandelt und auch solche, die nicht freiwillig hier sind. Trotz aller Öffnungsbemühungen gibt es noch das Bild der Psychiatrie als geschlossenes Irrenhaus. Viele Kliniken haben aber schon offene Türen, um Stigmatisierung abzubauen und das Aufkommen von Gewalt und Zwang zu verringern. Denn das gibt es weiterhin. Wir erfahren Gewalt durch Patienten, die stark unter Druck sind, und wir üben Gewalt aus, indem wir Kranke zurückhalten, die sich selbst oder ihre Umgebung gefährden. Es gibt auch Situationen, in denen wir Patienten isolieren oder im Bett fixieren müssen. Das wird auch in Zukunft nicht zu vermeiden sein. Aber die offenen Türen sollen die Anspannung vermindern.

Was ist mit den Patienten, die nicht freiwillig hier sind?

Schürmann: Zur Klarstellung: Nur Menschen, die aufgrund einer psychischen Erkrankung sich selbst und/oder andere gefährden, können gegen ihren erklärten Willen in einer psychiatrischen Klinik untergebracht werden. Dazu braucht es immer ein ärztliches Gutachten, eine richterliche Anhörung des Betroffenen und einen Gerichtsbeschluss. Um untergebrachte Patienten in der Klinik zu halten, kann es ausreichend sein, sie in das Stationsgeschehen einzubinden und in einer guten Beziehung zum Behandlungsteam zu halten. Manchmal wird eine Eins-zu-eins-Betreuung notwendig, auch weitere Einschränkungen können erforderlich werden, wie die Isolierung in einem Einzelzimmer neben dem Stationszimmer. Und es wird nicht ganz zu vermeiden sein, eine Station zeitweise auch zu schließen. Die Patienten, die mit einem richterlichen Beschluss hier untergebracht sind, gehen aber auch jetzt schon stundenweise im Park spazieren. Es geht darum, ihre Autonomie zu fördern, ihnen Struktur zu geben.

Wird es für diese individuellere Behandlung mehr Personal geben?

Schürmann: Natürlich würden wir uns in jeder Berufsgruppe mehr Personal wünschen. Die Gesetzgebung fordert von uns, autonomie-fokussiert zu arbeiten. Um das optimal umzusetzen, bräuchte es mehr Mittel. Aber das sehen die Gesetze bisher nicht vor.

Der Neubau soll alle Erwachsenen­stationen zusammenbringen. Welche Vorteile versprechen Sie sich davon?

Schürmann: Vor fast 120 Jahren wurde die Klinik im Pavillonstil errichtet mit vielen einzelnen Häusern in einem weitläufigen Park. In der Erwachsenenpsychiatrie arbeiten wir mit sechs Stationen in dem 70er-Jahre-Bau und vier Stationen in denkmalgeschützten Gebäuden im Park. Aber die Abläufe haben sich geändert. Die Menschen sind heute kürzer hier und die Stationen müssen sich rasch untereinander abstimmen können. Wir brauchen kurze Wege. Auch sollen die Stationen zeitgemäßer ausgestattet werden. Und so schön unsere Jugendstilhäuser sind, so erfüllen sie eben nicht die heutigen Unterbringungsstandards. Wir brauchen angenehme Zimmer und angenehme Gemeinschaftsräume.

Wie soll diese Atmosphäre entstehen?

Schürmann: Es gibt den Begriff der „heilsamen Architektur“, da geht es um eine freundliche und helle Gestaltung. Uns ist auch wichtig, viel Platz zu haben und dass die Patienten direkt in einen Außenbereich treten können. Das ist allerdings ein bisschen wie die Quadratur des Kreises: Wir wollen möglichst alles verbunden haben, und alles einladend und groß, und dann noch überall einen Garten dran. Die Architekten haben das so gelöst, dass sie die Stationen wie einen Rundlauf um einen Innenhof geplant haben. Auch unsere desorientierten Patienten können dann einfach mal an die Luft gehen. Es wird sich nicht alles umsetzen lassen, aber wir versuchen, möglichst viel zu erreichen.

Welchen Wunsch haben Sie für die Zukunft der Psychiatrie?

Schürmann: Wir haben ein kompliziertes Gesundheitssystem mit vielen beteiligten Sektoren. Die Übergänge zu überbrücken, das ist bisher sehr mühsam. Auch die Bürokratie frisst uns auf, wir kommen aus der Dokumentation kaum noch raus. Ich wünsche mir, dass wir wieder mehr Zeit für die Arbeit mit den Patienten haben, und zwar in jeglicher Berufsgruppe. Und ich wünsche mir, dass sich wieder mehr junge Leute für diese tollen Berufe begeistern. Was die Offenheit in der Gesellschaft für die Psychiatrie angeht: Die Schwelle, sich Hilfe zu holen, ist niedriger geworden. Aber gegenüber psychisch Kranken und der Psychiatrie gibt es weiterhin massive Vorurteile. Da haben wir noch viel zu tun.

Klinik für Harburg und Lüneburg

Die Psychiatrische Klinik Lüneburg (PKL) besteht aus jeweils einer Klinik für Erwachsene, für Kinder und Jugendliche und für forensische Psychiatrie, einem heilpädagogischen Zentrum, einem Pflegeheim sowie einem Sozial- und Kulturzentrum. Zudem ist sie Akademisches Lehrkrankenhaus des UKE. Die Einrichtung liegt in einem parkartigen Gelände mit denkmalgeschützten Gebäuden.

Zur Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie (KPP) gehört ein Ambulanzbereich sowie Abteilungen für Harburg, Lüneburg, Gerontopsychiatrie und Suchtmedizin. In Lüneburg gibt es zudem drei Tages­kliniken.

Patienten aus dem Landkreis Harburg können sich auch in der Institutsambulanz sowie der Tagesklinik der KPP am Buchholzer Krankenhaus behandeln lassen. In Winsen gibt es ebenfalls eine Institutsambulanz. Die Winsener Tagesklinik ist bis zur Eröffnung ihrer neuen Räume, die für Anfang 2020 geplant ist, auf dem Gelände in Lüneburg untergebracht.

Der Erweiterungsbau in Lüneburg soll die zehn Erwachsenenstationen zusammenführen. Sechs sind derzeit in „Haus 48“ untergebracht, einen Bau aus den 1970er-Jahren. Vier weitere Stationen befinden sich in historischen Häusern. Die Zentralisierung hat zum Ziel, einen zeitgemäßen Unterbringungsstandard zu erreichen, die Wege für Patienten und Mitarbeiter zu verkürzen und die Behandlungsbedingungen zu verbessern.

Einen Architektenwettbewerb, an dem sich zwölf Büros beteiligt hatten, entschied das Büro tsj Tönies Schroeter Jansen aus Lübeck für sich. Es erhielt auch den Auftrag zur Detailplanung. Die Kosten werden zurzeit mit etwa 26 Millionen Euro veranschlagt.


Baubeginn ist für Frühjahr 2020 geplant, im Herbst 2021 soll der Neubau fertig gestellt sein. Die Sanierung und Modernisierung von „Haus 48“ soll im Sommer 2023 endgültig abgeschlossen sein.