Harburg
Traditionsgeschäft

Hermes Reisebüro: Seit 1950 an gleicher Stelle

Michael Boberg (l.) ist stolz auf seine Unternehmensgeschichte. Auf Sohn Jan (r.) und Mitarbeiter Werner Tietz

Michael Boberg (l.) ist stolz auf seine Unternehmensgeschichte. Auf Sohn Jan (r.) und Mitarbeiter Werner Tietz

Foto: Maybrit Martschin

Während die Kunden die Welt bereisen, zeigen sich die Inhaber an der Moorstraße standorttreu. Und trotzen damit dem Wandel der Straße

Harburg.  Im Reisebüro Hermes an der Moorstraße herrscht reger Betrieb – und das schon am Dienstagmorgen um zehn Uhr. Jan Boberg, Juniorpartner, beendet gerade ein Kundengespräch am Telefon. Neben ihm warten drei Männer an einem Counter – sie lassen sich von seiner jungen Kollegin den nächsten Urlaub buchen. In der Moorstraße gehört das Reisebüro Hermes zu den letzten Traditionsgeschäften. Im Jahr 1950 eröffnet, existiert das Ladenlokal im selben Haus, am selben Straßeneck bis heute. Eine Konstante, die von der Internationalisierung seiner Umgebung unangetastet bleibt. Reisen wollten die Menschen immer. „Das zieht sich durch die ganzen Jahrzehnte“, sagt Michael Boberg, der den Laden 1969 übernommen hat.

Sohn, berichtet, dass jeden zweiten Tag verzweifelte Kunden in ihr Büro kommen, weil sie „Quatsch im Internet gebucht haben.“

Das betrifft nicht nur betagtere Kunden. Zwar haben die Bobergs mehr ältere als jüngere Kunden, aber „Best Ager auf der Suche nach gutem Service gehören genauso zum Alltag wie die 350-Euro-Ballermann-Urlauber“, sagt Jan Boberg. Dass Internetanbieter Kunden verlieren, liegt für seinen Vater nicht nur am Überangebot: „Was fehlt, ist der persönliche Kontakt. Die Leute schlagen sich mit Callcentern rum und werden nicht richtig beraten.“

Der 76-Jährige ist stolz auf seine Mitarbeiter, die schon ihre Berufsausbildung im Reisebüro Hermes absolviert haben und von denen manche dem Betrieb seit fast 40 Jahren treu sind. Von dem zehnköpfigen Team konzentriert sich jeder auf sein Spezialgebiet: Während sich Senior Boberg nur noch um administrative Dinge und Verträge kümmert, ist der Junior im Verkauf tätig. Sein Gebiet sind vor allem Reisen in die USA. Eine Kollegin kennt sich mit Kreuzfahrten besonders gut aus. „Im Internet kauft man die Katze im Sack. Hier regeln wir die Reisen mit dem Veranstalter direkt und stehen den Kunden nicht nur vorher, sondern auch während und nach der Reise zur Seite“, betont Jan Boberg.

Sogar Bahntickets gibt’s bei Hermes an der Moorstraße

Eine besondere Herausforderung für die Tourismuskaufleute derzeit: Flüge, die wegen Pilotenstreiks ausfallen. „Wir telefonieren uns dann durch“, sagt Jan Boberg, „in manchen Fällen können aber selbst wir nichts mehr tun.“ Sein Vater betont, dass das Reisebüro besonders während der Air Berlin Streiks in die Mangel genommen wurde. „Wir hatten erhebliche Mehrarbeit.“

Nicht nur die normalen Urlaubsreisen sind das Kerngeschäft des Reisebüros Hermes. Daneben existieren drei weitere Standbeine: Geschäftsreisen, genauso wie Marinereisen und Bahnfahrkarten erweitern das Verkaufsspektrum und verschaffen ein Alleinstellungsmerkmal. Lizenzen, um zum Beispiel ganze Crews von Containerschiffen aus Japan billig zurückzufliegen, sind nicht so einfach zu bekommen. Und auch die Deutsche Bahn vergibt ihre Verkaufslizenzen nicht mehr so eben. Dazu Jan Boberg: „Bestimmt 95 Prozent der Reisebüros dürfen Bahnfahrkarten nicht mehr verkaufen, weil die Deutsche Bahn AG keine Verträge mit ihnen macht.“

Ganz ausgebootet ist die Konkurrenz damit dennoch nicht. „Heute versucht ja jeder Discounter, Leute mit Angeboten zu locken“, gibt Jan Boberg zu bedenken. Trotzdem profitiert das Geschäft an der Moorstraße durch seinen zentralen Standort am Phoenix Center: „Zum einen haben wir unsere Stammkunden, zum anderen kommt häufig Laufkundschaft rein.“ Das Klientel sei dabei „quer durch den Garten“, wie Chef Boberg beschreibt – entsprechend der multikulturellen Bevölkerung in Harburg.

Das spiegelt sich natürlich auch im Angebot des Reisebüros wider. Neben den Pauschalreisen nach Mallorca, Spanien und Griechenland, ziehen Reisen in die Türkei aktuell wieder an. „Wir erleben, dass Türken, Griechen und Tunesier bei uns ihre Heimaturlaube buchen. Sogar Flüchtlinge, die zurück nach Afrika wollen, kommen her“, so Michael Boberg. Bald feiert das Unternehmen sein 70-jähriges Jubiläum. Wenn Vater Boberg von den Anfängen zu erzählen beginnt, dann lehnt er sich in seinem Chefsessel entspannt zurück und lässt sich von seinen Erinnerungen treiben. Schweift er ab, greift Sohn Jan schnell durch ein beherztes „Vatter, das führt zu weit“ ein. Das Duo ergänzt sich also prima.

Vater und Sohn arbeiten seit 26 Jahren Seite an Seite

Immerhin: Die beiden arbeiten seit nunmehr 26 Jahren Seite an Seite. Zwar arbeitete Jan Boberg zunächst in der Fotobranche, entschied sich dann aber doch für eine klassische Berufsausbildung im väterlichen Betrieb. Für Michael Boberg ist das Reisebüro ein wahres Schätzchen.

Als er 1965 die Stelle als Reiseverkehrskaufmann beim damaligen Besitzer antrat, hatte sich der Laden an der Moorstraße schon fest etabliert. Zwischen Parfümerien und Kneipen fügte er sich charmant in die belebte Straße der 50er-Jahre ein. „Früher fuhr hier noch die Straßenbahn“, weiß Boberg. Der laute Busverkehr stört den 76-Jährigen heute enorm. Und auch sonst habe sich kein Geschäft von damals halten können. „Es gibt hier nur noch Friseure und Handyläden“, stimmt sein Sohn ihm zu. Der 48-Jährige vermutet, dass gestiegene Mietpreise, Konkurrenz und die Bevölkerungsentwicklung die Gründe dafür sind.

In den 60-ern führte der damalige Besitzer noch ein zweites Ladenlokal in Wilhelmsburg. „Weil aber nur Senioren Bahnfahrkarten in die DDR gebucht haben, um ihre Verwandten zu besuchen, hat es sich nicht rentiert“, erinnert sich der 76-Jährige. Expansion ist heute nicht mehr das Wichtigste. Für Boberg zählt vor allem seine Unabhängigkeit. Sich dem Tourismuskonzern Thomas Cook anzuschließen war – wie Sohn Jan betont – „strategisch günstig.“ Als Franchisebüro bekommt Hermes Provisionen von Tourismusveranstaltern, bleibt aber trotzdem inhabergeführt.

Demnächst gönnt sich der mittlerweile in Eidelstedt lebende 76-Jährige eine Auszeit. Fast ein wenig beschämt sagt er: „Zwei Wochen Mallorca.“ Wegen der tollen Strände. Von seinem Sohn erntet er dafür Gelächter. Der bevorzugt eher Kalifornien. „Seit Trump da ist, geh ich da aber nicht mehr hin“, sagt Senior Boberg nur und fügt schulterzuckend an: „Prinzipien.“