Buchholz/Tostedt

McDonald’s: Erster Inklusionsbetrieb im Kreis

Alex Engling, Service-Mitarbeiter bei der McDonald’s-Filiale in Dibbersen, mit Geschäftsführerin Frauke Petersen-Hanson (r.) und Filialleiterin Stefanie Kofler

Alex Engling, Service-Mitarbeiter bei der McDonald’s-Filiale in Dibbersen, mit Geschäftsführerin Frauke Petersen-Hanson (r.) und Filialleiterin Stefanie Kofler

Foto: Lutz Kastendieck

Das Schnellrestaurant beschäftigt Menschen mit Handicap und nimmt damit eine Vorreiterrolle ein – andere Unternehmen ziehen nach.

Buchholz/Tostedt.  „Wir lieben es zu überraschen und sind gern auch mal Vorreiter“, sagt Frauke Petersen-Hanson, Geschäftsführerin von sechs McDonald’s-Filialen in der Nordheide. Allerdings geht es diesmal nicht um eine neue Kreation aus dem Schnellküchen-Universum. Vielmehr ist die Fast-Food-Schmiede erster Inklusionsbetrieb im Landkreis Harburg, beschäftigt also Mitarbeiter mit Handicap in sozialversicherungspflichtigen Jobs.

Bereits 2016 wurde bei McDonald’s begonnen, das Konzept des „Restaurants der Zukunft“ umzusetzen. Teil des Konzepts sind nicht nur die digitalen Bestelltafeln mit verschiedenen Zahlungsvarianten im Eingangsbereich. Dazu zählt auch, dass den Kunden das Menü direkt am Tisch serviert wird.

„Dadurch entstanden neue Aufgaben im Restaurant. Aufgaben, die geeignet sind, um Menschen mit Handicap Möglichkeiten für eine unbefristete Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt zu schaffen“, erklärte McDonald’s-Bezirksleiter Carsten Tiedt. Heute hätten auf diese Weise in den sechs Nordheide-Filialen sieben Mitarbeiter mit verschiedenen Handicaps eine berufliche Perspektive erhalten.

Einer von ihnen ist Alex Engling. Der junge Mann hat eine kognitive Einschränkung. Als Praktikant war er 2017 über die Lebenshilfe Lüneburg-Harburg zur McDonald’s-Filiale in Dibbersen gekommen. „Hier ist immer was los, der Job macht Spaß und ist abwechslungsreich“, versichert Alex. Er bediene die Kunden im Gastraum, sorge dort für Ordnung und Sauberkeit, helfe an der Getränkestation. Künftig möchte er gern auch bei der Speisenzubereitung in der Küche mit anpacken.

„Da Alex nun schon etliche Monate bei uns ist, haben wir einen ganz guten Vergleich zur Anfangszeit. Er agiert jetzt viel sicherer und souveräner, die Verbesserung ist unverkennbar“, sagt Filialleiterin Stefanie Kofler. Alex sei längst bestens im 42 Mitarbeiter umfassenden Team integriert und überaus beliebt: „Es hat sich wirklich für alle gelohnt ihm diese Chance zu bieten.“

Romy Pavlas von der Agentur für Arbeit sieht denn auch in McDonalds einen Wegbereiter, um noch mehr Menschen mit Handicap dauerhaft im ersten Arbeitsmarkt zu beschäftigen. „Es ist eine große Herausforderung, diesen Menschen eine umfassende Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen“, so Pavlas. In Niedersachsen gäbe es inzwischen mehr als 50 Inklusionsbetriebe. Das sei zwar positiv, aber längst noch nicht genug.

„Das Beispiel McDonald’s muss im Landkreis unbedingt Schule machen“, sagt Thorsten Goetzie, Leiter des Lebenshilfe-Fachdienstes für ausgelagerte Arbeitsplätze. Zumal die Beschäftigung von Menschen mit Handicap nicht nur ein Gewinn für diese selbst, sondern auch für die Unternehmen sei: „Viele Erfahrungen besagen, dass sich die enge Zusammenarbeit von Mitarbeitern mit und ohne Behinderung auch spürbar aufs Betriebsklima auswirkt. Der Umgang miteinander ist offener, freundlicher, emphatischer.“

Nicht immer wird es vor allem kleineren Unternehmen möglich sein, gleich Inklusionsbetrieb zu werden. Dafür müssen wenigstens fünf Prozent der Mitarbeiter Menschen mit Handicap sein. Derzeit verzeichnet die Lebenshilfe 15 Betriebe im Landkreis Harburg, die Arbeitsplätze für Menschen mit Handicaps anbieten. Dazu gehören unter anderem das Wohn- und Ferienheim Heideruh, Vehicolo, die Reitanlage Behr, Edeka Subey, das Krankenhaus Winsen und der Tostedter Bauhof.

Verdient gemacht bei der Vermittlung von Schulabgängern mit Handicap in reguläre Jobs hat sich in den vergangenen Jahren auch der Verein NISA Buchholz. „Über Langzeitpraktika, unterstützte Beschäftigung und praktische Qualifizierungen durch Jobcoaches haben wir versucht, die Lücke zwischen Schule und erstem Arbeitsmarkt zu schließen“, so NISA-Geschäftsführerin Urte Niedzwiedz.

Das sei in der Regel ein langwieriger Prozess, in dem erst das Kompetenzprofil der Berufseinsteiger entsprechend ihrer Beeinträchtigungen geschärft werden müsse. Um dann im zweiten Schritt auch entsprechende Nischenarbeitsfelder bei konkreten Arbeitgebern zu entwickeln.

Geklappt hat das unter anderem im Autohaus Kuhn+Witte. An den beiden Standorten in Jesteburg und Buchholz sind inzwischen vier Mitarbeiter mit Handicap beschäftigt. „Alle sind im Rahmen ihrer Möglichkeiten sehr engagiert und von den Kollegen voll akzeptiert“, sagt Geschäftsführerin Kerstin Witte. Die gelebte Inklusion sei im Unternehmen selbstverständlich und Teil der Unternehmenskultur: „Das entspricht unserem Verständnis von sozialer Verantwortung.“

So sieht das auch Jochen Weiß, Geschäftsführer der Bäckerei Weiss & Sohn in Todtglüsingen. Er beschäftigt seit vielen Jahren drei Mitarbeiter mit Handicap. „Für mich gehört sich das einfach so und ist längst zu einer Herzensangelegenheit geworden.“ Es habe geholfen Berührungsängste abzubauen und die Hilfsbereitschaft gestärkt. „Ein regulärer Job ist für Menschen mit Handicap ist nicht zuletzt ein wichtiger Schritt in ein selbstbestimmtes Leben.“

Arbeitsplätze

Inklusionsbetriebe erhalten für die Einrichtung spezieller Arbeitsplätze Investitionskostenzuschüsse. Zudem werden für Mitarbeiter mit Handicap Aufwandspauschalen und, abhängig vom Grad der Behinderung, Personalkostenzuschüsse gezahlt.

725.000 Menschen sind in Niedersachsen als schwerbehindert anerkannt.

Die Lebenshilfe Lüneburg-Harburg betreut in ihren Werkstätten 950 Menschen mit Handicap.

Bei 23 Unternehmen in Lüneburg und 15 in Harburg gibt es laut Lebenshilfe ein Potenzial von bis zu 200 speziellen Arbeitsplätzen auf dem ersten Arbeitsmarkt. Besetzt werden konnten bislang aber nur 52, weil es oft an geeigneten Bewerbern fehlt.