Harburg
Lüneburg/Celle

Wer schlug den Polizisten ins Koma?

Fehler in der Beweisführung: Prozess um Schlägerei auf Meckelfelder Dorffest wird neu aufgerollt

Lüneburg/Celle.  Im Strafverfahren um die folgenschwere Schlägerei beim Meckelfelder Dorffest vor drei Jahren gibt es eine überraschende Wende: Der Prozess gegen Sven P. (34) aus Seevetal, der den Polizisten Christian S. (34, Namen geändert) nach dem offiziellen Ende des Festes nach Mitternacht mit einem gezielten Faustschlag ins Koma versetzt haben soll, muss neu aufgerollt werden. Das Oberlandesgericht Celle gab der Revision des Angeklagten statt und hob damit eine Entscheidung des Landgerichts Lüneburg auf.

Wie berichtet war Sven P. war im Dezember vom Landgericht Lüneburg in zweiter Instanz wegen schwerer Körperverletzung zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Die Richter der 9. Kleinen Strafkammer sahen es als erwiesen an, dass der Seevetaler den Polizeibeamten am 29. August 2015 um 0.30 Uhr beim Schlichten einer Auseinandersetzung mit Türstehern am Einlass der Gaststätte „Schnurrbart“ mit einem Faustschlag niedergestreckt habe.

Der Schlag hatte für Christian S. fatale Folgen: Der Polizist ging bewusstlos zu Boden, schlug mit dem Kopf auf den Asphalt, erlitt ein Schädelhirntrauma und einen Schädelbasisbruch. Tagelang schwebte der junge Mann in Lebensgefahr. Bis heute leidet Christian S. an den Folgen. Er ist dienstunfähig, hat epileptische Anfälle, darf kein Auto fahren.

Aber war es tatsächlich Sven P., der den Polizisten in der besagten Nacht angegriffen hat? Sven P. hatte sehr viel getrunken und kann sich nach eigenen Angaben an den fraglichen Zeitpunkt nicht mehr erinnern. Auch der Polizist hat keine Erinnerung daran, wer ihn auf dem Dorffest geschlagen hat. Für den Schuldspruch des Landgerichts Lüneburg war deshalb die Aussage eines Zeugen von zentraler Bedeutung: Der Leiter eines Sicherheitsdienstes, der etwa zur selben Zeit am Ort des Geschehens eintraf wie Christian S., sagte aus, er habe Sven P. in der Tatnacht gesehen und vor Gericht wiedererkannt. Zweifel gibt es aber nun ganz offensichtlich an der Schilderung zum Tathergang.

So heißt es in der Urteilsbegründung der Lüneburger, der Angeklagte habe – als er den herannahenden Polizisten sah – „nicht in die Auseinandersetzung verwickelt werden und den Ort des Geschehens schnell verlassen wollen“. An anderer Stelle heißt es dagegen, es habe „angesichts der eigentlichen Tatsituation keine hinreichenden Feststellungen“ gegeben, wie sich der Angeklagte auf den Polizisten zubewegte.

Darin sieht das Oberlandesgericht in Celle einen „nicht auflösbaren Widerspruch“. Die Beweiswürdigung zum unmittelbaren Tathergang sowie zur Täterschaft des Angeklagten erweise sich als „lückenhaft und widersprüchlich“. Sie halte „einer sachlich-rechtlichen Überprüfung nicht stand.“ Die Celler Richter hoben das Urteil deshalb auf und verwiesen es zur neuen Verhandlung und Entscheidung zurück an eine andere kleine Strafkammer des Landgerichts.

Dann muss Christian S. erneut in den Zeugenstand. „Für meinen Mandanten ist das desaströs. Er muss das Ganze vor Gericht dann zum dritten Mal durchleben“, sagt Lorenz Hünnemeyer, der Rechtsanwalt des Nebenklägers dem Abendblatt. Die Entscheidung des Oberlandesgerichts liegt Hünnemeyer noch nicht vor. „Jedes Gericht in Lüneburg ist allen Beweisanträgen und Ermittlungsansätzen in besonderem Maße nachgegangen. Was soll jetzt noch Neues Herauskommen? Ich habe keinerlei Zweifel, dass der Angeklagte derjenige ist, der zugeschlagen hat.“

Der Hamburger Rechtsanwalt Gerhard Strate vertritt Sven P. vor Gericht. Er zeigt sich zuversichtlich hinsichtlich des Ergebnisses der Neuverhandlung. „Die Beweislage ist dünn. Der Hauptbelastungszeuge hat sich in Widersprüche verwickelt. Ihm stehen andere Zeugenaussagen entgegen. Darauf kann keine Verurteilung meines Mandanten begründet werden.“