Harburg
Handeloh

Polizei beschlagnahmt 70 Fahrzeuge

Der Ballonfahrtunternehmer (r.) mit seinen Anwälten

Der Ballonfahrtunternehmer (r.) mit seinen Anwälten

Foto: Jörg Riefenstahl

Ermittlungen gegen Ballonfahrtunternehmer: Polizei stellt große Menge von Oldtimern bei Autosammler sicher. Neun Gebäude durchsucht.

Handeloh/Stade.  Es war einer der spektakulärsten Betrugsfälle der vergangenen Jahre: Der Unternehmer Karsten F. aus Handeloh hatte jahrelang in ganz Norddeutschland im großen Stil Gutscheine für Heißluftballonfahrten im Internet verkauft – ohne dass diese Fahrten jemals stattgefunden haben. Das Amtsgericht Tostedt verurteilte ihn 2017 wegen gewerbsmäßigen Betrugs zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten auf drei Jahre zur Bewährung.

Doch nun sorgt Karsten F. erneut für Schlagzeilen: In einer groß angelegten Aktion durchsuchte die Polizei am Mittwoch mit 60 Beamten neun Objekte an sechs Orten. Um Vermögenswerte des Mannes sicherzustellen, gegen den nach der Insolvenz seiner Firmen die Staatsanwaltschaft Stade in einem Bankrottverfahren ermittelt. Was die Polizisten vorfanden, hatten sie in dieser Größenordnung nicht erwartet: 52 Autos lagerten hinter verschlossenen Türen – darunter wertvolle Youngtimer vor allem der Marken VW und Mercedes, sowie drei Motorräder, neun Anhänger, fünf Traktoren und zwei Unimogs. Insgesamt stellte die Polizei mehr als 70 Fahrzeuge sicher. Hinzu kommen 28 Ballonhüllen und zwölf Ballonfahrkörbe, die ebenfalls an einen sicheren Ort verbracht wurden.

Der Gesamtwert der beschlagnahmten Fahrzeuge und Wirtschaftsgüter steht noch nicht endgültig fest. Schätzungen zufolge dürfte er sich im sechsstelligen Bereich bewegen. „Der größte Teil wurde in Handeloh gefunden und beschlagnahmt“, sagte Torsten Adam, Sprecher der Polizeiinspektion Harburg dem Abendblatt. Auch in Fintel, Hemslingen, Schwerin, Hatten und Hannover wurden Gebäude durchsucht und Fahrzeuge wie Mercedes Strich-Achter und ältere Bullys beschlagnahmt. „In dieser Masse haben wir so etwas noch nicht gehabt. Für uns ist es ein großer Erfolg“, sagt der Polizeisprecher.

In Handeloh wohnt Karsten F. Dort ist auch der Firmensitz seiner in Konkurs gegangenen Luftfahrtunternehmen. Das Gericht hatte dem Unternehmer 2017 sämtliche Aktivitäten und Beteiligungen in und an Luftfahrtunternehmen verboten.

Karsten F. war dabei, als die Polizei auf seinem Hof anrückte und neben den Ballon-Fahrkörben und den teils historischen Fahrzeugen sämtliche Unterlagen und Computer aus seinem Büro beschlagnahmte. „Mein Mandant ist sehr niedergeschlagen“, sagte der Hamburger Rechtsanwalt Rainer Frank, der F. schon im Prozess wegen Betrugs im Winter 2017 vertreten hatte. Allein das Beschlagnahmeprotokoll soll den Angaben zufolge 150 Seiten umfassen. Der Autosammler will laut seinem Rechtsanwalt gegen die Beschlagnahme bei der Staatsanwaltschaft in Stade Beschwerde einlegen.

Die Erfolgsaussichten für eine Herausgabe der Gegenstände sind eher gering. „Fahrzeuge, Ballonhüllen und Fahrkörbe werden dem Zugriff des Insolvenzverwalters unterstellt. Sie werden wahrscheinlich versteigert“, sagt der Polizeisprecher. Der Erlös könnte den Gläubigern zu Gute kommen: Mindestens 52 geprellte Kunden, die bei F. Gutscheine für eine Ballonfahrt im Wert von 200 bis 500 Euro gekauft hatten, gingen leer aus. Sie warten bis heute auf ihr Geld.

Für den Unternehmer F., der in dem Bankrottverfahren im Verdacht steht, Vermögenswerte verschwiegen zu haben, könnte es auch in seinem Insolvenzverfahren eng werden. Im Frühjahr soll F. erneut versucht haben, mit einem Ballon abzuheben – obwohl er zum Führen des Gerätes nur eine englische Fahrlizenz besitzt. Die wird in Deutschland aber nicht anerkannt. Als F. gerade im Begriff war, mit dem Ballon abzuheben, kreuzte die Polizei auf, berichtet sein Anwalt. „Sie haben alles beschlagnahmt.“

Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Stade bestätigte, dass diesbezüglich bereits „mehrere Anzeigen“ gegen F. vorlägen. „Er läuft Gefahr, dass seine Bewährung widerrufen wird“, sagte der Sprecher dem Abendblatt. Die Staatsanwaltschaft Stade prüfe einen entsprechenden Antrag.

Das Amtsgericht Tostedt hatte den Geschäftsmann im Dezember 2017 wegen gewerbsmäßigen Betrugs in einem besonders schweren Fall, vorsätzlicher Insolvenzverschleppung und Nichtzahlung von Arbeitnehmerbeiträgen in neun Fällen zu einer vergleichsweise geringen Freiheitsstrafe verurteilt. Die Strafe wurde auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt.