Harburg
Itzenbüttel

Wirtschaften wie die eigenen Ahnen

Jan Meyer in einem seiner fahrbahren Hühnerställe. Er besitzt drei davon

Jan Meyer in einem seiner fahrbahren Hühnerställe. Er besitzt drei davon

Foto: Martina Berliner, xl / Martina Berliner

Das Abendblatt stellt Bauernhöfe vor, die ihren Kunden Besonderes bieten. Heute: der Minkenhof: Landwirtschaft nach alter Väter Sitte.

Das weiße Blütenmeer reicht bis zum dunklen Waldrand. Über der hellen Pracht gaukeln Schmetterlinge. Bienen summen durch die Luft. Ein nicht alltäglicher Anblick. „Das ist Buchweizen. Eine uralte Kulturpflanze, die ziemlich in Vergessenheit geraten ist. Dabei war dieses Knöterichgewächs gerade in der Heide verbreitet, weil es selbst auf ärmsten Böden wächst und die Blüten viel Nektar produzieren“, erklärt Jan Meyer. Der 44-jährige Landwirt ist Besitzer des „Minkenhof“ in Itzenbüttel.

Das große Anwesen mit mehreren Strohdachhäusern und Scheunen liegt im Dorfkern unter alten Eichen und ist seit etlichen Generationen im Familienbesitz. Für ihn war früh klar gewesen, dass er den väterlichen Betrieb weiter führen wollte. Der Wunsch, nach Art seiner Ahnen zu ackern – also ohne Einsatz chemisch veränderter Produkte – keimte indes erst vor wenigen Jahren. Heute produziert Jan Meyer auf 80 Hektar Nutzfläche Eier, Getreide als Hühnerfutter, Kartoffeln und Weihnachtsbäume streng nach Bioland-Richtlinien. Die Legehennen stammen aus einem Bio-Aufzuchtbetrieb in Nordrhein-Westfalen. Und auf Äckern und Schonungen kommen weder künstliche Pflanzenschutzmittel noch Kunstdünger zum Einsatz.

Die Umstellung auf ökologischen Landbau hat er noch nie bereut. Zwar verdiene auch ein Biobauer keine Reichtümer, aber er lebe bedeutend zufriedener, sagt Meyer. „Ich kann meine Ideen umsetzen.“ Wie alle Itzenbütteler Bauernsöhne ist er mit konventioneller Landwirtschaft aufgewachsen. „Irgendwann hatte ich keine Lust mehr dazu. Ich war genervt davon, immer mehr produzieren zu müssen. Ich wollte nicht länger an Masse verdienen. Ich wollte Qualität erzeugen.“

Die Umwandlung zum Biohof hat ihn hohe Investitionen, viel Mut und Kraft gekostet. Ermunterung und Unterstützung findet er bei seiner Lebensgefährtin Britta Derboven, einer gelernten Kauffrau. Ein Teil seines Umfelds dagegen begegnet dem vermeintlichen „Ökofuzzi“ mit Ablehnung oder Spott. Dabei möchte Meyer keineswegs missionieren. „Aber hinter dem, was ich selbst tue, muss ich voll stehen können. Ich will stolz sein auf meinen Beruf.“

Anerkennung für seine Produkte bekommt Meyer reichlich. Gerade für die Eier erntet er Lob von den Konsumenten. Sie finden reißenden Absatz in Supermärkten, Cafés und Restaurants der näheren Umgebung. Auch auf dem Minkenhof sind an einem Selbstbedienungsstand ganzjährig Eier und Hühnerprodukte aus dem Automaten zu haben. Frikassee, Hühnerbolognese oder Hühnersuppe werden von einer Bioschlachterei zubereitet. Das Fleisch dafür liefern Meyers Legehennen. Zwei Jahre dürfen sie leben. Viel länger als die meisten ihrer Artgenossinnen.

„Die Voraussetzungen für die Vermarktung von Bioprodukten sind im Speckgürtel von Hamburg gut“, sagt Meyer. „Hier leben viele Menschen, die ökologisch erzeugte Waren wertschätzen. Denn eines muss klar sein: Produziert wird nur, was der Konsument wünscht.“ Die Nachfrage nach Bio-Eiern übersteigt Meyers Angebot bei weitem. Er könnte etwa ein Viertel mehr verkaufen, schätzt er. Aber mehr Personal einstellen und noch einen weiteren Stall anschaffen will Meyer momentan nicht. Denn Fachkräfte sind schwer zu finden und Ställe, wie er sie nutzt, sind teuer.

Die drei Mobilställe stehen außerhalb des Dorfes auf Grünland. Rund 2900 Hühner leben ganzjährig hier draußen, vor vierbeinigen Räubern geschützt durch Elektrozäune. Nachts bleiben die Tiere sicher in den Ställen. Tagsüber hat das Federvieh jederzeit die Möglichkeit, unter freiem Himmel zu picken. Sobald eine Fläche abgefressen ist, werden sie mit dem Traktor auf einen neuen Platz mit frischem Gras gezogen. „Diese Art der Haltung hat viele Vorteile“, erklärt Meyer. „Sie ermöglicht eine natürliche Ernährung mit Gräsern, Kräutern und Insekten sowie artgerechtes Herdenverhalten. Und die abgeweidete Grasnarbe kann sich regenerieren und für den Fruchtwechsel genutzt werden.“

Was die Hühner in der Natur finden, reicht für eine optimale Legeleistung bei weitem nicht aus. Deshalb steht neben jedem Stall ein Silo, aus dem automatisch Futter zugeführt wird. Nur einige wenige Bestandteile muss Meyer zukaufen. Etwa 70 Prozent der Mischung stammen aus eigenem Anbau: Buchweizen, Hafer, Erbsen, Mais und Weizen. Zurzeit experimentiert der Biobauer mit einer für Norddeutschland ungewöhnlichen Bohnensorte. Mehr will er nicht verraten. „Ich weiß ja noch nicht, ob es funktioniert.“

Eine Besonderheit der Hühnerställe sind sogenannte Wintergärten, die Schutz vor Regen, Hitze, gleißender Helligkeit und Greifvögeln bieten. Im seitlich offenen Zelt finden die Tiere stets trockene Sandflächen zum Scharren und Staubbaden und genügend Platz, um ihre soziale Rangordnung zu regeln. Damit die Hühnerschar artgerecht lebt, hält Meyer auch einige Hähne, die die Hennen führen.

Um gedeihliche Gemeinschaft geht es Meyer auch auf dem Acker. Hafer und Erbsen bringt er gemischt auf dem Feld aus. So versorgen die Wurzelknöllchen bildenden Erbsen das Getreide mit Stickstoff. Im Gegenzug geben die Halme des Korns den rankenden Leguminosen Halt. Auch Kleegras bringt mehrfachen Nutzen. Es dient als Bienenweide, der Bodenverbesserung und liefert Futter für die Kühe eines befreundeten Bio-Milchbauern.

In fast jedem Kraut erkennt Meyer Positives. Mit kräftigen Händen zerteilt er das hüfthohe Dickicht des Buchweizenfelds. Auf den rosa überhauchten winzigen Blüten und herzförmigen Blättern krabbeln Scharen von Marienkäfern. „Die sind auf der Jagd nach Blattläusen, die vor allem auf Melde sitzen“, erklärt er und zeigt auf silbergrüne Pflanzen. Die Spitzen biegen sich unter der Läuselast. Die Pflanzenschädlinge nähren Nützlinge wie Marienkäfer. Dafür, dass die Melde nicht überhand nimmt, sorgt der Buchweizen mit enormer Wüchsigkeit selbst. „Der überwuchert jedes Unkraut“, sagt Meyer.

Als Biobauer müsste er eigentlich von „Beikraut“ sprechen. Aber er pfeift auf ideologisch korrekte Ausdrucksweise. Dafür nimmt er es in der Praxis genau. Unerwünschte Kräuter auf den Kartoffelfeldern werden mechanisch entfernt, genau wie Gras und Buschwerk in den Tannenschonungen. Meyers Mitarbeiter Jörg Prahl, ebenfalls gelernter Landwirt, schiebt vorsichtig eine Mähmaschine zwischen den Reihen der Nordmanntannen und Blaufichten durch. Klar, dass die unteren Äste der Koniferen mit abgeschnitten werden. „Allein dadurch verlieren wir mindestens ein Jahr“, sagt Meyer. Der Arbeitsaufwand bis zur Ernte ist enorm.

Viele Leute meinen, ein Weihnachtsbaum müsse nicht Bio sein. Den äße man schließlich nicht. „Aber es geht doch nicht allein um die Tannen“, sagt Jan Meyer. „Es geht um das Land. Um die Erde, die mir nur für eine Zeitspanne anvertraut ist. Damit möchte ich verantwortungsbewusst umgehen.“

Minkenhof, Itzenbütteler Sod 4, Jesteburg-Itzenbüttel, Tel.: 04181-7755