Harburg
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Ein starker Mann braucht dringend Hilfe

Diskuswerfer Jalal Khakzadyeh sucht verzweifelt Trainingsmöglichkeiten

Diskuswerfer Jalal Khakzadyeh sucht verzweifelt Trainingsmöglichkeiten

Foto: Lars Hansen / xl

Jalal Khakzadyehhat schon bei den Paralympics teilgenommen. Doch dem Diskuswerfer aus dem Iran fehlen in Harburg Trainingsmöglichkeiten.

Es gibt ein Video von Jalal Khakzadyeh – das Kh spricht man übrigens wie das ch in „Dach“ – beim Krafttraining. Die Langhantel hat auf jeder Seite sechs 15-Kilo-Scheiben aufliegen, dazu kommt das Gewicht der Stange, zusammen sind es 200 Kilo. Der auf dem Rücken liegende Athlet drückt das Gewicht über seiner Brust nach oben als wäre es nicht aus Stahl, sondern aus Zuckerwatte.

Dabei ist Jalal Khakzadyeh kein Gewichtheber, sondern Leichtathlet. Diskus und Kugel sind seine eigentlichen Sportgeräte. In der Hand gehabt hat er sie aber schon lange nicht mehr. Der zweifache Paralympics-Teilnehmer ist derzeit zur Inaktivität verdammt. Statt in Trainingslagern und Leistungszentren fristet er seine Tage in der Erstaufnahme für Flüchtlinge an der Harburger Poststraße. Der gelähmte Hochleistungssportler hat dem Iran den Rücken gekehrt und kam 2016 nach Hamburg.

Eigentlich müsste er längst aus der Erstaufnahme in eine Folgeunterkunft oder gar eine eigene Wohnung umgezogen sein. Das Problem ist: Für einen Gelähmten finden die Behörden kein geeignetes Quartier. Auch der barrierefreie Zugang zu Integrationsmaßnahmen scheint schwierig zu sein. Khakzadyeh spricht zwar ein wenig Deutsch, aber nicht viel. Oft helfen ihm Freunde. Das Ehepaar Kashgar, das einen Zeitungskiosk am Harburger Wochenmarkt betreibt, hat ihn unter seine Fittiche genommen.

Im Iran hätte er solche Hilfe nicht nötig. Behindertensport wir dort stark gefördert. Bei paralympischen Asienspielen findet sich das Land meistens auf dem zweiten Platz im Medaillenspiegel wieder – hinter dem auch paralympisch übermächtigen China. Erfolge im Behindertensport passen gut ins Weltbild der islamischen Republik: Gott, der Barmherzige, hat einen Plan für jeden Einzelnen; auch wenn es nicht offensichtlich ist. Jalal Khakzadyeh war Profisportler. Man stellte ihm eine Wohnung, ein Auto und Trainingsmöglichkeiten.

Das war für ihn nicht selbstverständlich Jalal Khakzadyeh stammt aus einfachen Verhältnissen. Er wurde 1979 in Täbris geboren. Sein Vater war Fernfahrer, seine Mutter Hausfrau. Bei Jalals Geburt ging etwas schief. Er kann seit seinem ersten Tag die Beine nicht richtig nutzen. „Wenn die anderen Kinder Ball spielten, konnte ich nicht mitmachen, das war traurig“, sagt er. „Mit zwölf habe ich dann das Schwimmen für mich entdeckt. Aber nach ein Weile fand ich das langweilig.“

Damit seinem Sohn nicht die Decke auf den Kopf fiel und damit Jalal trotz der knappen Familienfinanzen mal aus Täbris herauskam, nahm sein Vater ihn mit auf seine Ferntouren. An den Ladestellen half der Junior bei Bei- und Entladen – Lähmung hin oder her. Das gab Kraft in den Armen. Die sollte sich später bezahlt machen. „Mit 22 Jahren begann ich mit Diskus, Kugel und Speer“, sagt Jalal, „und ich war gut darin. Bald wurden die Offiziellen auf mich aufmerksam.“

Ab da ging es bergauf. Jalal Khakzadyeh wurde gefördert und aufgebaut. Ab 2004 war er im Nationalkader. 2008, mit 28 Jahren, startete er das erste Mal bei einem internationalen Meeting für den Iran. Noch im selben Jahr nahm er für das Land an den paralympischen Spielen der 29. Olympiade in Peking teil.

Khakzadyehs beste Wurfweite mit dem Diskus liegt bei knapp unter 45 Metern. Das ist weit weniger, als die 70 Meter, die bei den Nichtbehinderten die internationale Messlatte sind, aber die stoßen sich auch mit den Beinen in eine Drehbewegung aus der heraus sie den Diskus mit einer Hüftdrehung schleudern.

Gelähmte Werfer werden in einem stabilen Gestell festgeschnallt und drehen sich nur aus der Hüfte. Würde Jalal Khakzadyeh in Hamburg weitermachen wollen, bräuchte er so ein Gestell. Er bräuchte auch Helfer, die den Diskus nach jedem Trainingswurf für ihn wieder einsammeln, damit er sich nicht jedes Mal an und abschnallen muss.

Warum er den Iran überhaupt verlassen hat, obwohl er dort so gut gefördert wurde, kann Jalal Khakzadyeh erklären. „Das Regime umgibt sich gern mit erfolgreichen Sportlern“, sagt er, „aber das hat auch einen Nachteil: Die Bevölkerung misstraut dem Regime und wer sich mit der Regierung gemein macht, ist bei den normalen Iranern nicht gut gelitten. Ich habe deshalb immer versucht, mich vor den Propagandaveranstaltungen zu drücken.“

Das Regime ließ nicht locker und fand ein Druckmittel: Jalal Khakzadyeh hat tätowierte Oberarme. Das ist bei Fernfahrerjungs auf der ganzen Welt nichts Ungewöhnliches, im sittenstrengen Iran jedoch verpönt. Eigentlich dürfte Jalal Khakzadyeh den Iran deshalb nicht mehr repräsentieren, sagten die Geheimdienstleute, die ihn ansprachen. Wenn er sich allerdings für die Propaganda zur Verfügung stellen würde, könnte man zwei Augen zudrücken. „Da wusste ich, dass ich gehen muss.“.

Nach Deutschland kam er ganz normal mit dem Flieger. Zu Hause hatte er die Flucht als Urlaubsreise angemeldet. „Ich hatte 2012 in Berlin an den internationalen Deutschen Meisterschaften teilgenommen“, sagt Khakzadyeh, „und fand das sehr gut organisiert. Deshalb wollte ich nach Deutschland.“ Seit zwei Jahren lebt der Athlet jetzt in der Erstaufnahme – und baut ab.

Zwar konnte er eine gewissen Zeit lang in einem Fitnessstudio trainieren, aber das ist vorbei. „Es würde schon viel helfen, wenn ich einen Rollstuhl hätte, den ich selbst aus den Armen rollen kann“, sagt er, „man hat mir hier einen Elektro-Rollstuhl gegeben. Das ist nett. Aber das ist, als würde ich Laufen trainieren wollen, während ich Auto fahre.“

Auch viele kleine alltägliche Barrieren, die für den E-Rollstuhl unüberwindlich sind, wären mit engem aktiven Rollstuhl für den Sportler kein Problem. „Vor allem hätten meine Arme wieder zu tun“, sagt er.

Jalal Khakzadyehs Freunde Ali und Farkondeh Kashgar versuchen, ihm so gut wie möglich zu helfen. „Aber wir sind keine Experten und die Angelegenheit ist ziemlich kompliziert“, seufzt Farkondeh Kashgar.

Beim Gespräch mit Jalal Khakzadyeh hat Farkondeh Kashgar bei Bedarf übersetzt. Behindertensport

Heute treiben in Deutschland über 570.000 Menschen mit Behinderung aktiv Sport. Davon sind 33.000 Kinder Mitglied eines Sportvereins.

Der Deutsche Behindertensportverband e.V. (DBS) ist als Dachverband aller sporttreibender Menschen mit Behinderung in Deutschland als Fachverband Teil des Deutschen Olympischen Sportbundes.

Die ersten Sportspiele für Menschen mit Behinderung fanden 1948 in Aylesbury (England) statt und waren auf die Teilnahme von Riollstuhlfahrern beschränkt.

Großereignis

Rollstuhlbasketball-WM Während Jalal Khakzadyeh noch hofft, in Deutschland wieder auf die Rollen zu kommen, findet demnächst in Wilhelmsburg ein Großereignis des Behindertensports statt: Vom 16. bis 26. August 2018 spielen in Hamburg zwölf Frauen- und 16 Männerteams bei der Rollstuhlbasketball-Weltmeisterschaft in 96 Partien die neuen Titelträger aus. Informationen und Karten gibt es im Internet unter https://2018wbwc.de