Harburg
Adolphsens Einsichten

Von den Kindern leben lernen

Der ehemalige Michel-Pastor Helge Adolphsen auf dem Großneumarkt in Hamburg

Der ehemalige Michel-Pastor Helge Adolphsen auf dem Großneumarkt in Hamburg

Foto: Michael Rauhe

Helge Adolphsen ist emeritierter Hauptpastor des Hamburger Michel. Im Abendblatt schreibt er im 2-Wochen-Takt seine Gedanken auf.

Harburg.  Einer unserer Söhne lebt in Bayern. Wir telefonieren viel mit ihm und seiner Familie. Kürzlich erzählte er von einem Gespräch mit einer Bekannten. Die berichtete voller Freude, dass ihre Tochter und ihr Schwiegersohn ihr zweites Kind erwarten. Das erste sei jetzt 2 Jahre alt. Sie sei immer so begeistert, wenn sie so ein kleines Wesen sehe. Ihr Ex-Mann auch.

Nach langer Zeit haben sich beide wieder einmal getroffen. Der Grund war ihr erstes gemeinsames Enkelkind. Als sie die zweijährige Enkelin zum ersten Mal gemeinsam sahen, habe ihr Ex-Mann nur drei Wörter gesagt: „Lass gut sein!“ Drei erlösende Worte. Provoziert nur durch den Blick auf das gemeinsame Enkelkind. Befreiende Worte. Die 23 Jahre Ehekrieg, zwar ohne Schläge, aber mit vielen Kämpfen, waren vergeben. Versöhnung. Ein neuer Anfang.

Die Bekannte erzählte dann, dass sie jetzt alle fußläufig erreichbar wohnen. Tochter und Schwiegersohn mit bald zwei Kindern, sie mit ihrem neuen Lebenspartner und ihr erster Mann. Eine Patchworkfamilie. Leben in Reich- und Rufweite. Schön, dass beide als Großeltern das Wachsen ihrer Enkelkinder erleben können.

Großeltern haben keine direkte Verantwortung für die Menschen der übernächsten Generation. So leben meine Frau und ich unser eigenes Leben. Aber die Kinder und Enkel auch. Wir mischen uns nicht ein und reden ihnen auch nicht drein. Es ist viel besser, mit Freude und innerer Anteilnahme die Enkelkinder zu begleiten. Ich denke manchmal, dass wir Älteren viel von kleinen Kindern lernen können.

Kinder fragen einem Löcher in den Bauch. „Warum friert man, wenn man Angst hat, obwohl es draußen warm ist?“ „Wo war ich, bevor ich auf die Welt kam? War ich da noch gestorben?“ Kinder sind so wissbegierig und neugierig. Erwachsene haben sich vielfach abgewöhnt, neugierig zu sein.

Unser jüngster Enkel bediente schon mit anderthalb Jahren das Tablet seiner Mutter. Er erkannte die Symbole. Leidenschaftlich gern hörte und sah er Geschichten. Der andere Enkel, 10 Jahre alt, hört sehr intensiv zu, wenn meine Frau ihm Geschichten vorliest. Dabei ist er so konzentriert, dass er mit großen Augen und offenem Gesicht staunend dasitzt.

Noch Monate später erzählt er bei unserem nächsten Besuch von dem, was ihn beeindruckt hat. Kinder können gut zuhören, anders als Erwachsene. Die reden häufig am liebsten von sich selbst. Mit zunehmendem Alter werden sie zu Dauerrednern. Und merken gar nicht, dass sie die eine Geschichte zum 7. Mal erzählen.

Kinder können so wunderbar selbstvergessen spielen. Ich habe gern beobachtet, was der eine Enkel mit Bauklötzen, mit zwei Lieblingstieren aus seiner Sammlung und einem Stock alles anstellte. Der Stock wird zur Rakete und die Bauklötze zu einer Schutzmauer für seine Tiere. Kinder sind so kreativ, wenn man sie nur spielen lässt und nicht mit Spielzeug überhäuft, und so ihre Kreativität abtötet.

Kinder sind auch kreativ mit der Sprache. Wenn einer unserer Enkel im zarten Alter von knapp zwei Jahren den Turm des Michels sah, rief er begeistert: „ Opa,Mumm!“ Was heißen sollte: „Opas Turm“. Noch heute nennen mich unsere Enkelkinder „Opa Mumm“. Als die große Kirchturmuhr des Michels vier Mal schlug, war eine Enkelin sprachschöpferisch: „Oh, es glockt.“

Ich habe mit Erstaunen gelesen, dass ein Erwachsener durchschnittlich 15 bis 20 mal am Tag lacht, ein Kind dagegen 400 Mal. Kinder vergessen Ärger und Kummer schnell. Sie leben im Heute. Sie sind nicht gestrig, sie grübeln deshalb auch nicht über Vergangenes. Erwachsene mühen sich ab mit belastenden Erinnerungen und ungelösten Problemen. Manche schotten sich dann von der Realität ab und weichen in eine angeblich bessere Vergangenheit aus.

Dass Kinder sich ganz unverstellt und direkt äußern können, habe ich bei der Feier einer Familie erlebt, an der ich teilgenommen habe. Da fragte der kleine Junge seine Mutter mit entwaffnender Offenheit, ob Papa schon das 4. Glas Wein trinkt. Der Mutter war das natürlich höchst peinlich. Aber Kinder kennen keine Scham, sie agieren ganz natürlich. Sie sind ehrlich und legen sich keinen Zwang auf.

In seinem berühmten Abendlied „ Der Mond ist aufgegangen“ bittet Matthias Claudius: „ Lass uns einfältig werden und vor die hier auf Erden wie Kinder fromm und fröhlich sein“ – von Kindern leben lernen.

Helge Adolphsen ist emeritierter Hauptpastor des Hamburger Michel.