Harburg
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NSG-Schülerin sprach als Delegierte in Genf

Sandy Alqas Botros (19), Schülerin des katholischen NSG, nahm für Plan International an einer Konferenz von UNHCR und NGO in Genf teil

Sandy Alqas Botros (19), Schülerin des katholischen NSG, nahm für Plan International an einer Konferenz von UNHCR und NGO in Genf teil

Foto: Katharina Geßler / HA

600 Teilnehmer: 19 Jahre alte Irakerin vertrat Plan International als jüngste Rednerin bei Jahreskonferenz.

Harburg.  Eines ist mal klar: Diese junge Frau will etwas bewirken. Sandy Alqas Botros, 19 Jahre alt, und Schülerin des katholischen Niels-Stensen-Gymnasiums, ist keine, die gottergeben wartet, dass sich Chancen auftun und Türen öffnen. Lieber klopft sie selber an, sucht nach Wegen, engagiert sich, macht sich selbst auf den Weg, arbeitet für ihre Ziele.

Das hat sie schon weit gebracht. Kürzlich erst zur Jahreskonferenz von UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen, und NGOs (Nichtregierungsorganisationen) nach Genf. „Putting People First“, der Mensch im Mittelpunkt, darüber diskutierten 600 Menschen aus 70 Ländern. Für Plan International trat auch Sandy Alqas Botros ans Pult – als jüngste Rednerin überhaupt! Ihr Thema: die Chance auf Teilhabe, die Möglichkeiten, sich einzubringen – unabhängig von Alter, Geschlecht oder Religion.

Sandy Alqas Botros ist geradezu prädestiniert, darüber zu sprechen. Was Benachteiligung bedeutet, hat sie am eigenen Leib erfahren. Ihre Familie stammt aus dem Irak, lebte bis vor gut zwei Jahren in Mossul und gehörte zur katholischen Minderheit der Bevölkerung – vom „Islamischen Staat“ drangsaliert, verfolgt und schließlich zur Flucht gezwungen. Ihr Vater lehrte an der Universität, hatte als Katholik aber nie die Chance, Karriere zu machen. Als die Kämpfer der IS-Terrormiliz 2014 die Stadt einnahmen, musste die Familie fliehen. „Wir haben alles verloren“, sagte Sandy in ihrer Rede in Genf.

Die Flucht der Familie führte über die Türkei und mit einem kleinen Boot weiter nach Griechenland. Vor zwei Jahren schließlich die Ankunft in Hamburg: Erstaufnahme, Flüchtlingsunterkunft, Folgeunterkunft und jetzt – eine Wohnung. In Poppenbüttel hat die vierköpfige Familie ein neues Zuhause gefunden und in der katholischen Gemeinde St. Bernard Freunde und eine Gemeinschaft, die sie trägt. Stück für Stück fügt die Familie die Bausteine für ein neues Leben zusammen. Der Vater hat mittlerweile sogar aus einem Praktikum heraus den Sprung in eine Festanstellung geschafft.

Sandy, die zunächst kein Wort Deutsch sprach, landete in einer der Internationalen Vorbereitungsklassen an einer Berufsschule. Nächster Schritt sollte eine Berufsausbildung sein. Doch Sandy hat das nicht gereicht. Sie will Abitur machen, bewarb sich an den katholischen Schulen der Stadt. Doch die wiegelten ab: Sandys Zeugnisse werden hier nicht anerkannt. Dem Niels-Stensen-Gymnasium war das egal. Zum Glück. Das empfindet Schulleiter Windried Rademacher bis heute so. „Sandy ist wirklich eine ganz außergewöhnliche Schülerin“, sagt er.

Wohl wahr. Denn sie richtet den Blick nicht nur aufs eigene Fortkommen. Seit gut einem Jahr engagiert sie sich bei Plan International. Das Kinderhilfswerk mit Sitz in Hamburg setzt sich weltweit für die Chancen und Rechte von Mädchen und Jungen ein. Und hat eigens ein Projekt ins Leben gerufen, um Kinder und Jugendliche in Flüchtlingsunterkünften zu schützen, fördern und beteiligen. Sandy gehört zu den Geflüchteten, die in diesem Projekt mitarbeiten.

Als „Youth Advocat“ von Plan International macht sie sich zudem stark für die politische Teilhabe von Geflüchteten. „Wir erleben sie als motivierte junge Frau, die ihren Wissenshorizont stets erweitern möchte und schnell lernt“, schreibt Plan International über Sandy. So wurde sie Teil der vierköpfigen Delegation, die nun drei Tage lang in Genf ihre Anliegen vortrug.

Sandy erzählte dort, wie sehr das Engagement für Plan International sie selbst prägt: „Es hat mein Bild von mir als Flüchtling in Deutschland verändert. Ich habe gemerkt, dass ich durch das Engagement für eine humanitäre Organisation etwas bewirken kann.“ Und das nicht nur mit Blick auf diejenigen, die das Schicksal der Flucht mit ihr teilen.

Ihr Engagement, so hofft sie, zeigt auch Wirkkraft in ihrem deutschen Umfeld: „Wir Flüchtlinge können eine positive Rolle einnehmen. Ihr vielleicht wichtigstes Resümee: „Diese Arbeit hilft mir, meinen Platz in der Gesellschaft zu finden.“

Die drei Zeit age in Genf hat dazu einen wesentlichen Beitrag geleistet. Sie ist selbstbewusster geworden. Sich bei einem solchen Forum Gehör zu verschaffen, zumal als junge irakische Frau, hat sie gestärkt: „Ich habe das Gefühl, dass ich jetzt anders behandelt werde.“

Sie selbst habe sich vorher vielleicht zu wenig zugetraut: „Bei Präsentationen in der Schule hatte ich immer Angst Fehler zu machen, grammatikalisch oder so.“ Jetzt weiß sie, dass es auf Inhalte viel mehr ankommt, als auf fehlerfreie Aussprache. „Seit Genf bin ich eine andere Person“, sagt sie. Und strahlt übers ganze Gesicht.

„Ich denke, dass ich meine Zuhörer überzeugt habe.“ Tatsächlich erhielt sie viel Zustimmung für ihr wichtigstes Anliegen: „Es reicht nicht, mit Flüchtlingen zu sprechen, ihnen zuzuhören. Wenn Sie für eine humanitäre Organisation arbeiten, lassen Sie sie Verantwortung übernehmen.“

So wie Sandy. Deren Plan war es ursprünglich, Ärztin zu werden. Das hat sich nun geändert. Aktuell sieht sie ihre Zukunft eher im politisch-sozialen Bereich und träumt davon, für eine Organisation wie die Vereinten Nationen zu arbeiten. „Ich weiß, dass das schwer ist“, sagt sie. Aber vor kurzem noch hätte sie sich auch nie vorstellen können, eine Rede bei einer internationalen Konferenz zu halten. Außerdem hat sie es in Genf selbst gesagt: „Sie werden überrascht sein, was wir alles erreichen können.“

Katholiken im Irak

Vor der US-geführten Irak-Invasion im Jahr 2003 haben nach Schätzungen bis zu 1,5 Millionen Christen im Irak gelebt. Die Terrorkampagne des „Islamischen Staates“ gegen Christen und andere religiöse Minderheiten, die um das Jahr 2014 einsetzte, führte zu der Flucht Hunderttausender Menschen aus dem Land.

Allein in den fünf Jahren von 2003 bis 2008 ist die Zahl der katholischen Bevölkerung im Irak von 800.000 auf weniger als 300.000 gesunken. Das Territorium des heutigen Irak gehört zu den frühesten Siedlungsgebieten der Christen.