Harburg
Umzug

Neue Räume für das Atelier der besonderen Künstler

Bettina Grevel fühlt sich im neuen Atelier pudelwohl.

Bettina Grevel fühlt sich im neuen Atelier pudelwohl.

Foto: Lars Hansen / xl

Im Atelier Freistil arbeiten Künstler mit persönlichen Einschränkungen. Gerade ist die Einrichtung in die Veringhöfe gezogen

Wilhelmsburg.  Marlen Boschanski malt mit feinem Strich kräftige Figuren. Das ist das künstlerische Markenzeichen der 63-jährigen Eißendorferin. Gerade arbeitet die Künstlerin an einer Serie mit Mondmenschen als Motiv. Sie ist erst seit acht Jahren Künstlerin. Ihren Arbeitsplatz hat sie im Atelier Freistil. Zuvor hat sie 40 Jahre lang in anderen Betrieben der Elbe-Werkstätten gearbeitet. 38 Arbeitsplätze für Künstler mit körperlichen, geistigen oder psychischen Einschränkungen gibt es im Atelier Freistil, das seit seiner Gründung vor 18 Jahren schon vier Mal umgezogen ist. Jetzt sind die Freistiler in den Wilhelmsburger Veringhöfen angekommen und hier wollen sie auch bleiben.

„Wir haben hier genügend Platz und ein spannendes Umfeld. Das wird ganz toll hier“, sag Atelierleiterin Bettina Grevel. „Ich habe ein sehr umtriebiges Team, das schon in alle Richtungen seine Fühler ausstreckt und überall mögliche Kooperationspartner entdeckt.“

Im Wilhelmsburg waren die Freistiler schon fast zwei Jahre. Sie hatten Zwischenstation in den Zinnwerken gemacht. Noch etwas davor machten sie Zwischenstopp in den Elbe-Werkstätten am Nymphenweg. Die Umzüge waren notwendig, weil am allerersten Standort des Ateliers am Försterkamp in Bostelbek nach mehr als 13 Jahren Betrieb aufgefallen war, dass die Räume nicht den bautechnischen Vorgaben für ein Behinderten-Atelier entsprachen. „Es war von vornherein klar, dass wir in die Veringhöfe ziehen“, sagt Bettina Grevel. „Nur hat sich die Fertigstellung unserer Räume immer wieder verzögert.“

Das war ärgerlich, denn die Zwischenlösungen waren zwar im Prinzip ganz nett, aber auch wesentlich zu klein. Jetzt stehen Bettina Grevel und ihren Beschäftigten 700 Quadratmeter Atelierfläche und fast 300 Quadratmeter Sozialräume zur Verfügung.

Das Atelier Freistil ist eine Kooperation der Elbe-Werkstätten und des Vereins „Leben mit Behinderung“. Weil sich deren Klientenstrukturen und Arbeitsansätze nicht immer decken, hat Bettina Grevel „unter sich“ noch jeweils Leiterinnen aus den beiden Vereinen im Führungsteam.

Die Künstler sind höchst unterschiedlich: Malt Marlen Boschanski etwa mit feinem Strich, ist Jörg Schröter beispielsweise sehr plakativ und expressionistisch unterwegs, Katja Keppel hat gerne Pflanzen und Tiere als Motiv, Siegmar Voß große Gebäude, die er sehr detailscharf in Öl malt.

Jetzt gerade hat Voß allerdings tatsächlich mal Tiere auf der Leinwand: Seehunde. Seit einem Helgoland-Urlaub im vergangenen Jahr ist er fasziniert von der Insel und ihrem Umfeld. Nur Gebäude hat die ja nicht allzu viele zu bieten.

Siegmar Voß gehört zu den Freistilern, die gerne in Ruhe arbeiten. Sein Arbeitsplatz ist deshalb etwas abgesetzt von den anderen auf einer Empore. Einige andere stille Arbeitsplätze sind dort auch noch. Die meisten Kollegen mögen es eher kommunikativ. Der größte Teil des Ateliers ist aufgebaut, wie ein Großraumbüro. Tische in Vierergruppen, vier bis fünf Tischgruppen in einem Raum. Daneben gibt es noch ein Gruppenatelier für gemeinschaftliches Arbeiten oder Workshops.

So unterschiedlich, wie die Künstler, sind auch ihre Einschränkungen. Es sind geistig Behinderte darunter, körperlich eingeschränkte und Menschen, deren Gemütsverfassung es für sie zwischenzeitlich oder dauerhaft unmöglich macht, auf dem freien Markt Arbeit zu finden. Dass sie im Atelier Freistil einen Arbeitsplatz haben, ist keine beschönigende Bezeichnung. Die Freistiler sind kreativ produktiv und das Atelier vermarktet ihre Arbeiten als Drucke, im Einzelverkauf, als Kalender, in Postkartenboxen, als Stempel oder als Mietobjekte. Da unterscheidet sich das Bild aus dem Atelier der Behindertenwerkstatt nicht großartig vom Schrank aus einer Tischlerei. „Das ist ganz wichtig und eine Anerkennung für unsere Künstler, zu sehen, dass ihre Werke etwas wert sind“, sagt Bettina Grevel. „Und es ist zugegebenermaßen eine wichtige Einnahmequelle für das Atelier.“

Das Atelier Freistil hat sich in Norddeutschland mittlerweile einen Namen gemacht. „Wir hängen gerade in vier verschiedenen Ausstellungen zwischen Flensburg und Braunschweig“, sagt Grevel. „Und eine unserer Künstlerinnen wird an diesem Wochenende in Stuttgart einen Preis für eins ihrer Bilder entgegennehmen. Das ist alles schön. Wir wollen aber jetzt, wo wir angekommen sind, auch gerne in der direkten Nachbarschaft Kontakte knüpfen und Projekte anstoßen, beispielsweise mit der Honigfabrik. “