Harburg
Adolphsens Einsichten

„Wo ein Begeisterter steht, ist der Gipfel der Welt“

Der ehemalige Michel-Pastor Helge Adolphsen vor seinem ehemaligen Arbeitsplatz

Der ehemalige Michel-Pastor Helge Adolphsen vor seinem ehemaligen Arbeitsplatz

Foto: Michael Rauhe

„Hilfe zur Sehhilfe“ – Wie der Erfinder Martin Aufmuth mit einer Brillenbiegemaschine armen Menschen eine bessere Zukunft ermöglicht.

Harburg.  An Martin Aufmuth aus Erlangen konnte Joseph von Eichendorff bei diesem Satz noch nicht denken. Aber dieser Mann ist ein Begeisterter. Er las das Buch „Heraus aus der Armut“. An einem Satz blieb er hängen: Es müsse eine Brille geben, die sich arme Menschen leisten können. Der Lehrer für Mathematik und Physik ging in seinen Keller und experimentierte. Aus hochflexiblem Federstahl bog er ein Brillengestell.

Er überlegte lange, wie eine Maschine aussehen müsse, die beim Fertigungsprozess einfach zu bedienen war. Er erfand eine Brillenbiegemaschine, die mechanisch, also ohne Strom funktioniert. Herstellungszeit der Brille: 30 Minuten, Materialkosten: 1 Dollar. Begeisterte haben Träume und Visionen. Aufmuth setzte sich zum Ziel, mit der „Ein-Dollar-Brille“ 150 Millionen Menschen zu helfen.

In neun Ländern ist er inzwischen aktiv. Bis 2016 konnte er schon bei 50.000 Menschen das Sehen verbessern. Das Leben jedes Einzelnen hat sich durch diese Brille komplett verändert. Ihnen werden so neue Lebensperspektiven eröffnet. Aufmuth erzählt von solchen Menschen:

Bei einem Mädchen in Äthiopien ergab der Sehtest eine starke Fehlsichtigkeit von -4 Dioptrien: „In der Schule konnte ich nie lesen, was an der Tafel stand,“ sagt sie. Aber seltsamerweise hatte sie immer gute Noten. Sie hat das sehr überzeugend erklärt: „Immer, wenn die Pause begann, ging ich vor die Tafel und lernte schnell auswendig, was da stand.“ Durch die neue Brille hat das offenbar kluge Kind viel mehr Zukunftschancen.

Aufmuth berichtet auch von der 74 Jahre alten Suzanna Marciel aus einem kleinen Dorf am Amazonas. Sie war fünf Stunden mit dem Boot und dann noch zu Fuß unterwegs, um die Brille zu bekommen. Für diese Errungenschaft war sie so dankbar, dass sie das ganze Dorf zum Essen einlud. Sie hatte Aufmuth erzählt, dass sie schon über 10 Jahre nicht mehr sehen konnte. Nun war sie überglücklich. Dank der Brille konnte sie endlich wieder ihre 15(!) Kinder, 54 Enkel (!!) und 8 Urenkel unterstützen.

Dieser geniale Erfinder und Pionier reiste auch in das Riesenland Indien. Er fand einen Unternehmer, der sich sozial engagieren wollte. Er gewann ihn für die Ausbildung von Optikern. Seit September 2017 werden Frauen als Optikerinnen und Brillenproduzentinnen ausgebildet. Diese Initiative war so wichtig, weil der nächste Optiker 50 km weit entfernt lebt. Die Gläser dieser Brillen stammen alle aus der Massenproduktion in China.

Nur so kann der Preis von 1 Dollar gehalten werden. Im afrikanischen Malawi hat Aufmuth eine strategische Partnerschaft mit der „Else-Kroner-Fresenius-Stiftung“ gegründet. In diesem Land trug bisher kein Kind eine Brille. Im Süden wurde ein Pilotprojekt begonnen, um von dort aus die Bevölkerung mit passenden Brillen zu versorgen. Hier trifft die afrikanische Weisheit zu: „Viele kleine Leute in vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern.“

In Bolivien arbeitet der einheimische Franz bei dem Brillenprojekt. Er ist u.a. für die Qualitätskontrolle zuständig. Man kann seine Freude verstehen, dass er endlich eine sichere Arbeit hat. Ähnliches gilt auch für Menschen im westafrikanischen Staat Burkina Faso. Dort ist das Team in der Brillenproduktion auf über 40 teilweise körperbehinderte Mitarbeiter angewachsen. Sie verkaufen über 1000 Brillen im Monat.

So sieht effiziente und nachhaltige Entwicklungshilfe aus. Als Kurator einer großen Stiftung, mit der wir auch die Christoffel-Blindenmission unterstützen, die sich wie Aufmuth die „Hilfe zur Selbsthilfe“ auf die Fahnen geschrieben hat, weiß ich, wovon ich hier schreibe. Aufmuth hat mehrere Auszeichnungen für sein Wirken erhalten, u.a. die „Bayerische Staatsmedaille“ für den Aufbau einer augenoptischen Grundversorgung in Entwicklungsländern.

Aus den Händen des früheren Kapitäns der Deutschen Fußball- Nationalmannschaft, Philipp Lahm, erhielt er den „Next Economy Award“ von der Stiftung „Deutscher Nachhaltigkeitspreis“. Zu Recht, finde ich. Für Begeisterte, Visionäre und Erfinder wie Martin Aufmuth gilt ganz besonders, was aus indianischer Tradition stammen soll: „Wenn es jemanden gibt, und sei er auch ganz allein, der es wagt, in Übereinstimmung mit seinen Vorstellungen und Grundsätzen zu leben, dann werden viele andere Mut bekommen und ein wenig von ihrer Würde wiederfinden.“

Helge Adolphsen ist emeritierter Hauptpastor des Hamburger Michels