Harburg
Personalmangel

Pflegenotstand im Landkreis Harburg

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Niedersachsens Gesundheitsministerin Dr. Carola Reimann verspricht in Buchholz weitere Investitionen.

Buchholz.  Die stationäre und ambulante Pflege ist auch im Landkreis Harburg eine Großbaustelle mit vielen brennenden Problemen. „Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels müssen rechtzeitig die richtigen Weichen gestellt werden.“ Das sagte Niedersachsens Gesundheitsministerin Dr. Carola Reimann am Dienstag auf einer Podiumsdiskussion im Krankenhaus Buchholz.

Zum Pflegegipfel eingeladen hatte die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen im Landkreis Harburg und die Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokraten im Gesundheitswesen. „Der Veranstaltungsort für dieses Treffen ist gut gewählt, denn auch in den Kreiskrankenhäusern Winsen und Buchholz haben wir mit den erheblichen Defiziten tagtäglich zu kämpfen“, so Geschäftsführer Norbert Böttcher.

Was das genau bedeutet, schilderte unter anderem Angelika Hutsch, seit 16 Jahren in der Pflegedienstleitung des Krankenhauses Buchholz tätig. „Wir waren mal gut aufgestellt. Doch durch den permanenten Kostendruck und damit einhergehende Personaleinsparungen sind viele gute Kräfte in die ambulante Pflege und die stationäre Altenpflege abgewandert“, sagte Hutsch.

Besonders gravierend sei die Einbuße in der Altersgruppe der 30- und 40-Jährigen. „Wir haben viele Kollegen, die über 50 Jahre alt sind und immer öfter an ihre Leistungsgrenzen stoßen. Und wir haben junge Mitarbeiter, deren Familienplanung noch bevorsteht und die dann oft nur noch Teilzeit arbeiten können. Der Mittelbau aber ist regelrecht weggebrochen“, erläuterte Hutsch.

Auch der gesamte Tätigkeitsbereich hätte sich in den vergangenen Jahren entscheidend verändert. „Der Schwerpunkt hat sich auf die Akutversorgung und die Betreuung älterer Patienten verlagert“, so Hutsch. Die Anforderungen an die Pflegekräfte seien deshalb ebenso gestiegen, wie die Erwartungshaltung vieler Patienten und ihrer Angehörigen. In diesem Spannungsverhältnis den eigenen Maßstäben noch gerecht zu werden, sei oft kaum noch möglich. Was bei vielen in Gewissensnöte und Frust münde.

Zum Anwachsen des Stresses trage unterdessen auch der übermäßig gestiegene Bürokratieaufwand bei. Im Spagat zwischen Patientenversorgung und dauernder Dokumentationspflicht würden die Mitarbeiter förmlich zerrieben. Das gehe im Übrigen auch zu Lasten der Ausbildung des Pflegenachwuchses. „Freigestellte Praxisanleiter wären absolut wünschenswert, sind in der momentanen Lage aber völlig illusorisch“, sagte Angelika Hutsch.

Wie wichtig das wäre, bestätigte Lisa Kanna, Auszubildende in der Gesundheitsfachschule Buchholz. „Ich hatte das Glück einer 1:1-Betreuung durch einen Praxisanleiter. Dadurch habe deutlich mehr Erfahrungen sammeln können, als manch einer meiner Mitschüler. Das ist für die Motivation einfach unerlässlich“, so die 25-Jährige.

Ministerin Reimann konstatierte ein ausgeprägtes Imagedefizit der Pflegeberufe, „die physisch und psychisch ungeheuer anspruchsvoll sind“. Umso unverständlicher sei, dass die Pflege in Deutschland fast komplett von Frauen bewältigt werde, auch bei der häuslichen Versorgung von Angehörigen.

„Dafür erhalten sie aber weder genügend Anerkennung und Respekt, noch die angemessene Wertschätzung“, so Reimann. Im Koalitionsvertrag steht schon viel zur Pflege, wie etwa bessere Arbeitsbedingungen, umfassendere Programme für Wiedereinsteiger und eine verbesserte Personalausstattung: „Der Mindestlohn reicht für die in der Pflege erbrachten Leistungen aber längst noch nicht aus.“

Wie schädlich in diesem Zusammenhang die Nähe zu Hamburg ist, berichtete Ole Bernatzki, Chef des Ambulanten Hauspflegedienstes AHD in Jesteburg. „Immer wieder wandern Kollegen in die Hansestadt ab, wo ihre Arbeit deutlich besser vergütet wird. Dadurch müssen wir fast jeden Tag Patienten abweisen, die zu Recht vom System enttäuscht sind“, berichtete Bernatzki.

Für das Land Niedersachsen würden schon bald weitere Sonderprogramme aufgelegt, versprach die Gesundheitsministerin. Allein sechs Millionen Euro sollen für innovative Ansätze bei der weiteren Digitalisierung fließen. Reimann: „Doch weil ich nicht an Pflegeroboter glaube, müssen vor allem wirksame Anreize für die Arbeit in Pflegeberufen geschaffen werden.“ Dazu zählt sie neben Schulgeldfreiheit und Ausbildungsvergütung auch eine Imageaufbesserung.