Harburg
Marmstorf

Wenn der Acker zum Festplatz der größten Abi-Party wird

Celine Krug von Nidda und Finn Michels vor der legendären Kuhweide

Celine Krug von Nidda und Finn Michels vor der legendären Kuhweide

Foto: xl

Größte private Abi-Party: Am Dienstag versammeln sich 1200 Schüler und Ehemalige im Appelbütteler Tal.

Marmstorf.  Die Ecke Schafshagenberg/Appelbütteler Weg kennt so gut wie jeder, der seit 1990 im Bezirk Harburg Abitur gemacht hat. Mit vorakademischer Bildung hat die idyllische T-Kreuzung im Marmstorfer Landschaftsschutzgebiet allerdings wenig zu tun, eher etwas mit der großen Erleichterung nach dem Prüfungsstress: Hier findet Jahr für Jahr Norddeutschlands größte nichtkommerzielle Abiturfeier statt. Am Dienstag, 26. Juni ist es wieder so weit: Punkt 17 Uhr gehen die Musikanlage an und der Kühlwagen auf. Punkt 23 Uhr geht die Musik aus und Harburgs Abiturienten spielen „Reise nach Jerusalem“, denn in den vier Shuttlebussen gibt es weiß Gott nicht genügend Sitzplätze für alle.

Organisiert wird die Feier vom Abiturjahrgang des Immanuel-Kant-Gymnasiums (IKG). Von Jahrgang zu Jahrgang wird an der Marmstorfer Oberschule der heilige Ordner weitergereicht, der Tipps, Telefonnummern und vor allem die gesetzlichen Auflagen enthält, die ein Ackerfetenorganisationskomitee kennen muss. Zur Ordner-Übergabe gehört auch ein Best-Practice-Briefing, das nach vielen Generationen Ackerfete auch ein wenig vom „Stille-Post-Spielen“ hat.

Zu dem sechsköpfigen Partygremium, das in diesem Jahr den Ordner wälzt und weitergibt, zählen Celine Krug von Nidda und Finn Michels. Die beiden stehen vor der legendären Kuhweide, auf der einst alles anfing: Der Abijahrgang 1982 des Gymnasiums Sinstorf – heute IKG – hatte Verbindung zum Grundbesitzer aufgenommen und einige Tage vor Zeugnisübergabe und offiziellem Abiball – an dem seinerzeit nicht jeder teilnehmen wollte – eine Open-Air-Abschiedsfete zu veranstalten. Eine Tradition war geboren und die Party wuchs. Irgendwann musste man die Weide verlassen und vor dem Zaun weiterfeiern. Spätestens jetzt wurde aus der privaten Feier ein öffentliches Ereignis, das man anmelden und genehmigen lassen musste. Die Stunde des Aktenordners hatte geschlagen. Und der Ordner wird immer dicker: „Dieses Jahr haben wir schon wieder eine neue Auflage erhalten“, seufzt Celine. „Wir müssen jetzt auch den oben liegenden Acker abzäunen, weil in den letzten Jahren zu viele Partygäste dort durch die Ernte gelaufen sind.“

Das ist für das Orga-Team doppelt ärgerlich: Erstens machen mehr Zaunelemente auch mehr Arbeit und kosten mehr Geld und zweitens reicht es nicht, das Feld oben einzuzäunen. Die Auflage verlangt, auch den Hang darunter zu sperren. Gerade der hat wegen seines sichtschützenden Unterholzes aber seit jeher bei den Ackerfeten eine wichtige Funktion und den Beinamen „Kuschelhang“.

Das Organisationskomitee hat sich eine Menge Arbeit aufgehalst – von denen die meisten Aufgaben auch noch in der Prüfungsvorbereitung erledigt werden mussten, „aber so etwas ist eine Herausforderung und ein Ansporn“, sagt Finn, der gerade das erste – und wahrscheinlich letzte – Mal in seinem Leben 8000 Bier auf einmal bestellt hat.

Auf jedem Eintrittsarmband werden am Dienstag Freigetränke abgestrichen. Bis zu acht Bier darf jeder Gast trinken. Ist das Armband voll, hilft weder Betteln noch Bargeld: Es gibt nichts mehr. Das ist Best Practice. Seit Jahren mussten nach der Ackerfete keine Schnapsleichen mehr geborgen werden. Dazu trägt auch der Sicherheitsdienst bei, der am Eingang, oben am Schafshagenberg, die Taschen auf Flaschen kontrolliert. Auf dem Gelände selbst lässt sich die Polizei dezent blicken, es gibt Notfallsanitäter und weil Marmstorf ein Dorf ist, postieren sich meistens auch einige Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr in Fetennähe.

Vier Discjockeys sorgen für sechs Stunden Musik und jeder IKG-Abiturient ist irgendwann mit irgendeiner Aufgabe betraut. man ist zum Gastgeber geworden. Längst kommen auch die Abiturienten und Oberstufenschüler anderer Schulen, sowie IKG-Ehemalige. Feiern darf, wer 16 oder älter ist, ein Armband hat und bei der Ankunft nicht schon betrunken ist. Je nach Wetter kommen zwischen 800 und 1200 Gäste zusammen. Das ist für die Veranstalter stets ein Vabanque-Spiel. Geht die Fete ins Minus, steht traditionell der ganze IKG-Abijahrgang dafür gerade. Passiert ist das allerdings erst selten.

Wenn um 23 Uhr die Party zu Ende geht, beginnt der große Exodus aus dem Tal. Wer keinen Platz im Shuttlebus bekommt, geht zu Fuß oder ruft mit dem Smartphone nach seiner Mutter oder anderen privaten Chauffeuren. Nur die IKG-Abiturienten bleiben. Jetzt müssen sie aufräumen – und den Ordner für die Übergabe an den nächsten Jahrgang vorbereiten.