Harburg
HR-Regional

Junge Christen stärken Demokratie

Die christlichen Pfadfinder vom Stamm „Ulrich von Hutten“ in Neugraben konnten im Mai ihr 70-jähriges Bestehen begehen. Ein ganzes Wochenende wurde das Jubiläum unter dem Dach der Michaeliskirche gefeiert. Vor gut sechzig Jahren war ich selbst Pfadfinder. Ich trug wie alle Pfadfinder das grüne Fahrtenhemd und das Halstuch. Mir wurden dadurch neue Erlebnisräume eröffnet. Wir machten Fahrten und lange Wanderungen. Wir gingen in den Ferien in Zeltlager. In der Pfadfinderei werden junge Menschen in Lernfelder hineingeführt, in denen sie das verlässliche Miteinander und den verantwortungsvollen Umgang mit der Schöpfung erproben können.

Damals wie heute ist es das Ziel der christlichen Pfadfinder, Jugendliche in eine verbindliche Gemeinschaft zu führen, den Glauben zu erleben und mit anderen zu gestalten. „Jugend führt Jugend“, Ältere führen die Jüngeren, das war und ist ein bemerkenswertes Führungsprinzip. Das sagte beim Jubiläum auch der heutige evangelische Landesbischof der Hannoverschen Landeskirche, Ralf Meister. Er war als Jugendlicher wie sein Freund, Dr. Arnd Heling im Neugrabener Stamm. Heling ist heute heute Pastor in Schönwalde am Bungsberg und hat den Pfarrhof zu einem Naturerlebnisraum gemacht. In der Neugrabener katholischen Nachbargemeinde Heilig-Kreuz gibt es einen eigenen Pfadfinderstamm. Beide legen Wert darauf – wie Pfadfinder weltweit – unabhängig, selbstständig zu sein. Der Pastor und der Kirchengemeinderat können höchstens beraten.

Die evangelischen Pfadfinder haben sich im Verband „Christliche Pfadfinder in der Nordkirche“ zusammengeschlossen. Von Greifswald bis Flensburg sind das 47.000 Mädchen und Jungen. In Hamburg gibt es Pfadfinder in Heimfeld, Altona, Blankenese und Farmsen.

Gründer der Bewegung ist der englische General Robert Baden-Paul. In seinem grundlegenden Buch aus dem Jahre 1908 gab er als Ziel vor, „zur Entwicklung junger Menschen beizutragen, damit sie ihre vollen körperlichen, intellektuellen, sozialen und geistigen Fähigkeiten als Persönlichkeiten, als verantwortungsbewusste Bürger und als Mitglieder ihrer nationalen und internationalen Gemeinschaft einsetzen können.“ Weithin unbekannt ist, dass nach einer Erhebung aus dem Jahre 2011 weltweit mehr als 38 Millionen Kinder und Jugendliche in 216 Ländern zu den Pfadfindern gehören. Die Zahl der Altpfadfinder, die die jungen unterstützen, beläuft sich auf 58 Millionen. Neben den christlichen Pfadfindern gibt es eine Reihe von kirchlich nicht geprägten Verbänden.

Vor einigen Tagen ist eine Studie über die jungen Christen in der Kirche mit dem Titel „Jung – Evangelisch – Engagiert“ erschienen. Die Universität Tübingen hat 3000 repräsentativ ausgewählte Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 18 und 26 Jahren nach ihrer Einstellung zu Kirche und Gesellschaft befragt. Mit einem für viele erstaunlichen, für mich aber vertrauten Ergebnis. Religiöse Erziehung und das Aufwachsen mit der Kirche haben einen deutlichen Einfluss auf späteres gesellschaftliches Engagement. Die jungen Leute finden es für ihr Leben wichtig, Menschen zu helfen und sich politisch zu engagieren. Mehr als die Hälfte (56 Prozent) sind ehrenamtlich tätig. Bei den Religionslosen sind es nur 38 Prozent. Kirchliche Teenager sind also hilfsbereiter als andere. Beachtenswert ist, dass sich die befragten jungen Erwachsenen nicht nur in der Kirche und für die Kirche engagieren. Wie bei anderen jungen Leuten auch rangieren bei ihnen die Ehrenämter im Sport, in der Schule und in Jugendorganisationen auf den vorderen drei Plätzen. Evangelische Jugendliche sind auch häufiger in Parteien und Gewerkschaften aktiv.

Der Autor der Studie, Prof. Friedrich Schweitzer, bemerkt, dass gerade junge Menschen zu den am stärksten engagierten Menschen gehören. Das ist auch für mich neu. Ich ging bisher davon aus, dass die über 65-Jährigen die zahlenmäßig stärkste Gruppe in Ehrenämtern ist. Für den Direktor des Deutschen Jugendinstituts, Thomas Rauschenbach, ist das Ergebnis allerdings nicht verwunderlich. Er stellt fest, dass die Öffentlichkeit zu wenig Kenntnis davon nimmt. Ganz offensichtlich ist dieses Thema in anderen Studien über die Einstellung Jugendlicher zu wenig untersucht. Gesamtgesellschaftlich und im Blick auf die Politikverdrossenheit ist es beachtlich, dass aktive junge Christen die Demokratie stärken.

Helge Adolphsen ist emeritierter Hauptpastor des Hamburger Michel. Er lebt in Hausbruch. Seine Kolumne erscheint im Zwei-Wochen-Rhythmus