Harburg
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Buggy Fit – Das Programm für junge Mütter

Beim schnellen Walking an der Außenmühle kommen die Mütter ganz schön ins Schwitzen (v.l.): Ulrike, Anja, Trainerin Christiane Jaensch-Korn, Franziska und Melanie

Beim schnellen Walking an der Außenmühle kommen die Mütter ganz schön ins Schwitzen (v.l.): Ulrike, Anja, Trainerin Christiane Jaensch-Korn, Franziska und Melanie

Foto: Hanna Kastendieck

„Die Fitmacher“ : Christiane Jaensch-Korn führt beim „buggyFit“ an der Außenmühle junge Mütter schonend wieder zu neuer Fitness.

Jonas hat einen schlechten Tag. Die Eckzähne kommen. Selbst die Faust hilft nicht. Also brüllt er. Zum Sport muss er dennoch mit. Charlotte zerrt am Dreipunktgurt. Sie ist bestens gelaunt und freut sich auf die Runde. Sayeh liegt im Kinderwagen und schläft sich aus, während Mama Ulrike richtig Gas gibt. Sie ist vor acht Monaten Mutter geworden. Jetzt will sie mal wieder richtig in Bewegung kommen, schwitzen, Muskeln spüren und Schweiß auf der Stirn fühlen. Sie will sich auspowern und step by step zu alter Stärke zurückfinden. Also ist sie hier. Genauso wie Anja, Melanie und Franziska. Es ist Montag, 14 Uhr — es ist Zeit für buggyFit.

Hinter dem Namen steckt ausgefeiltes Outdoor-Fitnessprogramm für frischgebackene Mütter, die beckenbodenschonend mit Kind im Kinderwagen oder Trage an der frischen Luft vom Mama-Alltag auftanken wollen. Angeleitet von einer ausgebildeten Trainerin begeben sich die Mamis und ihre Sprösslinge auf einen sportlichen Rundkurs, gespickt mit Kraft-, Ausdauer- und Entspannungsübungen. Der Kinderwagen oder Buggy dient dabei nicht nur für den Transport der Babys, sondern auch als Fitnessgerät, das vielfältig zum Einsatz kommen kann.

„Das Workout ist speziell auf die Bedürfnisse von Frauen nach einer Schwangerschaft abgestimmt und besteht aus einem effektiven Mix aus Kraft- und Ausdauertraining, Power Walking Einheiten, Rücken-, Beckenbodentraining, Rückbildungsgymnastik sowie Dehnungsübungen“, sagt Christiane Jaensch-Korn. „Dabei werden Buggys, Treppen, Parkbänke und Zäune in das ganzjährige Training eingebunden.“ Bei regelmäßiger Teilnahme könne die junge Mutter spielend leicht ihre alte Figur und Fitness wieder erlangen.

Trainiert wird in Parkanlagen deutschlandweit. Seit ein paar Jahren auch rund um den Außenmühlenteich. Christiane Jaensch-Korn hat das Sportangebot als Franchisenehmerin von buggyFit nach Hamburg gebracht. Elf Mal die Woche gibt sie Kurse: in der Hafencity, am Alsterlauf, im Niendorfer Gehege, im Jenischpark, im Eilbektal und im Hamburger Stadtpark. In Harburg ist sie vier mal die Woche im Einsatz. Zweimal wird an der Außenmühle, zweimal indoor trainiert.

Dass Christiane Jaensch-Korn einmal ihren beruflichen Alltag im schwarzen Trainingsanzug statt in Blazer und weißer Bluse verbringen würde, hätte auch sie sich noch vor ein paar Jahren nicht träumen lassen. Sie, die Ehrgeizige, die Marketingexpertin, Eventmanagerin, Karrierefrau mit zwei Studiengängen. Typ Führungskraft. Bei der Expo in Hannover ist sie Chefin eines 270-Mann starken Teams, verantwortlich für das leibliche Wohl der Staatsoberhäupter dieser Welt.

Sie leitet beim Hamburg Airport das Bankett- und Konferenzzentrum einer großen deutschen Fluggesellschaft und anschließend in der Autostadt Wolfsburg elf Jahre stellvertretend das im Produktmanagement für Vertrieb und Technik. Sie hat einen sicheren Arbeitsplatz, ein ziemlich gutes Gehalt und einen exzellenten Ruf.

Aber etwas wesentliches fehlt ihr: das Gefühl, auch das zu tun, was ihr wirklich Freude macht. Individualität, Flexibilität und die Möglichkeit eigener Entscheidungen. Es fehlte eine tiefe, innere Zufriedenheit.

Doch erstmal funktioniert sie weiter. Auch, als Töchterchen Joline Sophie 2009 auf die Welt kommt. „Ich bin zehn Wochen nach der Geburt wieder zur Arbeit gegangen“, sagt sie. „Die Kleine habe ich im Betriebskindergarten abgegeben. Zum Stillen hatte ich einen eigenen Raum. Ich konnte sie von meinem Arbeitsplatz aus sehen. Doch irgendwann wurde mir klar, wie schnell die Kleine groß wird. Kann das alles gewesen sein, habe ich mich gefragt.“

Die Antwort darauf ist eine Entscheidung für einen Neuanfang. Sie will sich selbstständig machen. Macht eine Ausbildung zum Personal Coach und hört von „buggyFit“. Sie macht ein paar Trainingseinheiten mit und beschließt, selbst als Trainerin aktiv zu werden. Sie ist ein sportlicher Typ, hat jahrelange Erfahrungen im Leistungsschwimmen. Sie bewegt sich gern. Und sie mag es, Menschen zu motivieren.

Also beschließt sie, die Fitnessidee für Mütter in der Region Hamburg zu verbreiten und sorgt als Marketingfachfrau dafür, dass sich das Angebot bereits vor ihrem Umzug von Wolfsburg in Hamburg rumgesprochen hat. „Ich überlasse nichts dem Zufall“, sagt sie. Als sie 2014 mit Mann und Tochter in Harburg ankommt, hat sie bereits eine Liste von Anmeldungen. Seitdem sind es stetig mehr geworden.

Das Training beginnt mit einer Aufwärmphase. Die Mütter stellen sich im Kreis auf, lockern die Muskeln. Die Kinderkarren haben sie am Wegrand geparkt, Blickrichtung Mama. Jonas, Charlotte, Sayeh und Jonas David sind auf diese Weise dabei. Und doch nicht im Weg. Dann kommt die Gruppe in Bewegung. Mit schnellen Schritten walken die Frauen am Außenmühlenteich entlang, die Buggies vor strammen Armen vor sich herschiebend. Sie machen lange Ausfallschritte, schnelle kurze Schritte, sie gehen schnell und schneller. An den Steinstufen zum Wasser halten sie an. „Jetzt fünfmal mit dem linken Bein die Stufe hoch, Arme mitnehmen“, ruft Christiane Jaensch-Korn. „Dann mit dem rechten Bein. Das ganze drei Mal wiederholen.“ Die Mütter stöhnen, die Kinder nehmen’s gelassen. Nur Jonas hat mit den Zähnen zu kämpfen. Mama Anja nimmt ihren kleinen Schreihals aus dem Wagen. Stille. Jonas ist zufrieden. Und Anja trainiert die restlichen 45 Minuten mit einer süßen Zehn-Kilo-Hantel auf dem Arm.

Weiter geht es im Stechschritt Richtung Stadtparktreppe. „Diese fünfmal rauf und wieder runter“, ruft die Trainerin. „Oben fünf Kniebeugen!“ Die Mütter folgen den Anweisungen. Christiane Jaensch-Korn hat unterdessen ein Auge auf die Kleinen. Sie schuckelt die Kinderwagen, reicht Spielzeug und Trinkflaschen. Charlotte, mit 17 Monaten, die älteste der kleinen Begleiter, hat sich inzwischen aus der Karre geschält. Mama Franziska nimmt sie auf die Schultern. Und los gehts, treppauf, treppab.

60 Minuten dauert der Kurs. Zum Schluss gibt es einen Buggy-Walking-Endspurt. Die Mütter beißen die Zähne zusammen. Die Kinder jauchzen vor Freude. Die Mütter sind geschafft. Sie denken daran, wie schön es jetzt wäre, die Füße hochzulegen und zu entspannen. Doch der Nachwuchs sieht das anders. Jetzt braucht er Bewegung. „Da“, ruft Charlotte und zeigt mit dem Finger auf den Spielplatz.

Mutter Franziska rollt mit den Augen. Pause? Feierabend? Füße hoch? — Von wegen!