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Dem Gloria-Tunnel-Projekt droht das Aus

Saffa und Marva malen im Kulturwohnzimmer

Saffa und Marva malen im Kulturwohnzimmer

Foto: xl

Studenten haben das Mitmach-Konzept „Kulturwohnzimmer“ etabliert. CDU und SPD bezweifeln Erfolg.

Harburg.  Der Gloria-Tunnel zwischen Lüneburger Straße und Seevepassage war lange Zeit ein Sorgenkind des Bezirks. Es gab sogar Zeiten, da sollte die Unterführung zugeschüttet werden – preisgekrönte Kunstwerke inklusive. Dann begann ein Umdenken in der Kommunalpolitik: Durch kulturelle Aktivität sollte der Tunnel belebt und mit sozialer Kontrolle versorgt werden. Das erste Projekt, ein Galeriecafé, scheiterte, für das zweite lehnt der Ausschuss für Kultur, Sport und Freizeit der Bezirksversammlung nun eine Geldspritze zur Fortführung ab.

Jener zweite Ansatz der kulturellen Belebung läuft derzeit: Im „Kulturwohnzimmer“ sollen die Harburger ein- und ausgehen und selbst kulturell aktiv werden. Es ist ein Projekt von Studenten des Fachs „Kunst in gesellschaftlichen Veränderungsprozessen“ an der Medical School Hamburg. Wie erfolgreich sie dabei sind, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Der Harburger Ausschuss ist ebenfalls keiner geschlossenen Meinung. Die Linkspartei möchte, dass die Bezirksversammlung die Ausschussempfehlung nicht übernimmt, hat einen entsprechenden Antrag eingebracht. Auch die Stadtteilkulturexperten des Bezirksamts wollen das Projekt gerne fortgeführt wissen. Lange diskutiert wird der Linken-Antrag wohl nicht: Wegen der Bezirksamtsleitungswahl wurden sämtliche strittigen Anträge der nächsten Sitzung in den Ferienausschuss überwiesen.

Das Kulturwohnzimmer war als Praxissemester-Projekt der Studenten gestartet. Seit Beginn des Sommersemesters im April ist der akademische Aspekt des Projekts allerdings beendet. Die zehn Studenten, die es betrieben, stecken jetzt in ihrer Prüfungsphase und führen das Projekt trotzdem fort. „Das ist für uns so etwas, wie unser Baby“, sagt Kunststudent Bo Jannik Hinrichsen. „Außerdem haben wir das Gefühl, hier etwas Gutes angestoßen zu haben und wollen das fortführen.“

An jedem Tag bieten die Macher des Wohnzimmers eine andere Aktivität. Wer mitmachen will, macht mit. Heute ist es Malen. Saffa und ihre große Schwester Marva drücken den Pinsel kräftig auf. In bunten Farben entsteht ein Meeresmotiv. Die Mutter der beiden rollt schon ungeduldig mit den Augen. „Nein, nicht noch ein Bild“ sagt sie so wortlos. „Aber morgen kommen wir wieder“, sagt Saffa, „und dann kneten wir einen Stein!“

Den Abgeordneten von CDU und SPD im Ausschuss finden solche Szenen hier zu selten statt: „Nach unserer Beobachtung ist hier oft gar nichts los“, sagt Holger Böhm, Sprecher der SPD im Kulturausschuss. „Da finden andere offene Angebote mehr Resonanz.“

Bo Hinrichsen verwahrt sich gegen den Vorwurf: „Bei offenen Angeboten ist die Resonanz nun mal sehr schwankend“, sagt er. „Es gibt tatsächlich mal Tage ohne Besucher. Dann gibt es welche mit 20.“

Neben der Arbeit mit den Besuchern hat sich das Kulturwohnzimmer schon mit anderen Initiativen vernetzt. So war die Staffeleistraße in der Harburger Fußgängerzone ein Gemeinschaftsprojekt des Kulturwohnzimmers und des Habibi-Ateliers in den Harburg-Arcaden, die Kulturstudenten halfen bei der Organisation der Jugendkonferenz “Youth Con“ im Bürgerzentrum Feuervogel und sie gestalteten das Gelände beim Umsonst-und-Draußen-Festival am Radeland.

Das Bezirksamt ist voll des Lobes über das Projekt: „Das Kulturwohnzimmer trägt entscheidend dazu bei, dass der Tunnel von Besuchern unterschiedlicher Herkunft und Alters als Begegnungsraum erlebt wird“, sagt Bezirksamts-Pressesprecherin Bettina Zech. „Es wird genutzt für gemeinsame Gespräche, künstlerische Aktivität, Lesungen oder zum Filme anschauen. Es ist mittlerweile gut im Bezirk vernetzt.“

Weil das Praxissemester vorbei ist, führen die Studenten das Projekt derweil als studentische Hilfskräfte für einen Stundenlohn von 11 Euro. Ab Herbst sind sie ausgebildete Akademiker. Dann schwebt ihnen ein Stundenhonorar von 25 Euro vor. „Dann werden aber auch nur noch zwei von uns pro Tag offiziell hier sein und abgerechnet werden.“

Immerhin 25.000 Euro soll die Weiterfinanzierung des Projekts in diesem Jahr kosten. „Wenn man bedenkt, was wir bis jetzt alles schon in diesen Tunnel gesteckt haben, ist das ein kleiner Betrag“, sagt Jörn Lohmann von der Linkspartei, „und wir haben auch nicht den Eindruck, den die große Koalition hat. Wir nehmen das Kulturwohnzimmer als gut angenommen wahr.“

„Das Geld soll aus dem Fonds kommen, der mal für die Flüchtlingsarbeit geschaffen wurde“, sagt SPD-Mann Holger Böhm. „Dieser Fonds läuft ohnehin zum Jahresende aus. Es wäre also nur eine kurzfristige Hilfe. Und mir fallen andere Projekte ein, die man fördern könnte, auch im Tunnel.“

Den Ausschussbeschluss finden Bo Hinrichsen und seine Kommilitonen ärgerlich. „Aber er ist nicht das Ende der Welt. Wir sehen uns auch nach anderen Töpfen um.“