Harburg
Neßsand

Besuch auf der verbotenen Elbinsel

Eine der seltenen Besuhergruppen auf Neßsand - im Gänsemarsch

Eine der seltenen Besuhergruppen auf Neßsand - im Gänsemarsch

Foto: HA

Auf Neßsand vor Cranz führen Mitarbeiter der Umweltbehörde einmal im Jahr Naturinteressierte durch die sonst unberührte Wildnis.

Hamburg. Michael Klamm schippert zu seiner Insel gegenüber von Blankenese. Dort passt der Inselwart von Neßsand an jedem Wochenende mit schönem Wetter auf, dass niemand seine verbotene Insel betritt. Schließlich ist sie als Naturschutzgebiet streng geschützt. Am vergangenen Wochenende gab es eine Ausnahme: Klamm schippert nicht mit dem Behördenboot zur grünen Arbeitsstelle, sondern auf einer Barkasse mit 50 Schaulustigen „im Gepäck“: Einmal im Jahr, zum Langen Tag der Stadtnatur, führen Mitarbeiter der Umweltbehörde Besucher über die wilde Elbinsel am Rande des Mühlenberger Lochs. Ihr nördlicher Teil gehört zu Hamburg und ein bisschen auch zu Schleswig-Holstein, der weit größere südliche Teil zum Landkreis Stade.

Der einzige Anleger befindet sich unterhalb des markanten Radarturms unweit der Hauptfahrrinne. Kaum auf der Insel angekommen, erblicken die Besucher ein Zeichen der Zivilisation: Ein Backsteinhaus bietet dem Inselwart und bei Bedarf auch einigen Helfern Unterkunft im Ferienhausstil, inklusive kleinem Büro. Das nutzt Michael Klamm freitags gern als Telearbeitsplatz. Oftmals begleitet ihn seine Frau. Hier gibt es Strom und Wasser, Küche und Heizung. „In einer sehr alten Vereinbarung wurde festgelegt, dass Hamburg für Niedersachsen die Insel verwaltet und überwacht“, sagt Klamm. Er scheint darüber nicht unglücklich zu sein.

Die Insel wurde in den 1940er Jahren künstlich geschaffen

Am Haus stehen verschlossene braune Plastiktonnen. Sie enthalten Müll, der auf der Station anfällt oder den Klamm bei seinen Rundgängen aufgelesen hat. Alles muss zum Schiff geschafft und von dort aus zum Liegeplatz nach Finkenwerder gebracht werden. Umgekehrt muss der Inselwart Speisen, Getränke und jede Menge Werkzeug dabei haben. Wenn bei einer Reparatur der 13er-Schlüsel fehlt, lässt er sich nicht einfach holen.

Anhand von Karten und Luftaufnahme erklären Klamm und sein Kollege Christian Michalczyk vom Hamburger Naturschutzamt die Geschichte der künstlich geschaffenen Insel. Sie wurde Anfang der 1940er Jahre zwischen vorhandenen Elbleitdämmen aufgeschüttet. Damals wurden Sande im Mühlenberger Loch abgebaggert, um eine Landebahn für Wasserflugzeuge zu schaffen. In den Folgejahren wurde weiterer Sand aufgespült, so dass sich Neßsand mit der alten Elbinsel Schweinesand und dem später aufgespülten Hanskalbsand verband.

Schon 1952 entstand das 170 Hektar große, acht Kilometer lange Naturschutzgebiet Neßsand und entwickelte sich zur unberührten Wildnis. „Heute würde niemand auf die Idee kommen, dass dies eine künstlich aufgeschüttete Insel ist“, sagt Michalczyk. Der Blick schweift über Auwald, über mit Gras, Brombeeren und Büschen bewachsene Dünen und auf einen Uferbereich, dem man ansieht, dass hier der Elbstrom unablässig an ihm arbeitet. Kleine Buchten mit unterspülten Baumwurzeln wechseln sich ab mit Bereichen, an denen der Fluss offensichtlich Sand abgelagert. Westlich vom Radarturm erstreckt sich bei niedrigen Wasserständen ein einladender Strand. Er darf von Bootsfahrern genutzt werden, nur dürfen sie den Strandbereich nicht verlassen und nichts hinterlassen.

Hier im Einflussbereich der Tide leben zwei globale Kostbarkeiten: der seltene Schierlings-Wasserfenchel und die viel häufigere Grasart Wiebels Schmiele. Beide siedeln gern etwas versteckt unter Weiden und leben weltweit nur im Süßwasser-Tidebereich der Elbe. Klamm vergleicht sie mit dem chinesischen Panda, der nur in China lebt und für den das Land eine weltweite Verantwortung trägt. Er führt die Besucher zu zwei Standorten, an den die kniehohe Wiebels Schmiele gerade blüht – nicht ganz so beeindruckend wie der schwarz-weiße Sympathieträger auf vier Pfoten.

Jenseits des nördlichen Uferbereichs liegt eine weite Gras- und Buschlandschaft. Hier haben Elbe und Wind Dünen geformt, die längst bewachsen und damit befestigt sind. Angeschwemmtes Treibholz und Müll zeigen an, dass selbst im Inselinneren die Elbe Einfluss nimmt – wenn auch nur bei winterlichen Sturmfluten. Immer wieder sind Plastikflaschen und anderer angespülter Unrat zu entdecken. Auf den Vorschlag, hier mal eine Müllsammelaktion durchzuführen, reagiert der Inselwart mit einer abwehrenden Handbewegung: „Beim Einsammeln würde viel kaputt getreten. Das wiegt womöglich schwerer als der Müll.“ Tatsächlich. Auch unsere Gruppe, die zweigeteilt und brav im Gänsemarsch die Insel durchstreift, lässt einen Pfad der Verwüstung hinter sich. Und nicht immer sind nur Brombeeren und Brennnessel plattgetreten worden, sondern vereinzelt auch blühende Schönheiten wie die Karthäusernelke, die sich an dem sonnigen und meist trockenen Dünenstandort angesiedelt hat.

Die Umweltbehörde will Kleingewässer ausbaggern

Weiter geht’s durch einen Auwald aus Eichen und Weiden, der zurzeit ebenfalls weitgehend trocken liegt. Zerbissene junge Eichen zeugen davon, dass hier Rehe leben, ebenso Fuchs und Dachs. Am Übergang zu einer großen, parkartigen Lichtung mit einer stattlichen Weide in der Mitte schlängelt sich eine Kunststofffolie durch die Botanik. Ein Krötenzaun mitten im Nichts? Klamm lächelt: Nein, hier plant die Umweltbehörde eine Naturschutzmaßnahme: Kleingewässer sollen ausgebaggert werden, als Lebensraum für die in Hamburg seltene Kreuzkröte. Damit die hier bereits lebenden Zauneidechsen nicht unter die Räder kommen, wurden sie umgesiedelt. Die Absperrung soll sie nun daran hindern, in das geplante Teichbaugebiet zurückzukehren.

Es entspinnt sich eine Diskussion, wie weit menschliche Eingriffe in ein Gebiet, in dem sich die Natur unbeeinflusst entwickeln soll, sinnvoll sind – und sei es aus Naturschutzgründen. Eine Frage, auf die es keine eindeutige Antwort gibt. Zumindest nicht in der Diskussionsrunde auf Neßsand.

Michael Klamm bleibt gelassen, freut sich über das, was „seine“ Insel ausmacht: die wilde Natur. Zu ihr gehört ein Seeadlerpaar, das gerade zwei Junge groß zieht. Es hatte sich zunächst auf der niedersächsischen Seite ein Nest gebaut, doch die Behördenmitarbeiter zählten die Vögel als Hamburger Seeadler. Inzwischen hätten die majestätischen Adler ihren Nistbaum gewechselt, und seien näher an den Hamburger Teil herangerückt, sagt der Inselwart ohne ins Detail zu gehen.

Seit zwölf Jahren betreut Klamm Neßsand, genießt die unberührte Natur und die Sonnenuntergänge über der Unterelbe. Nach diesem Sommer soll Schluss sein: Der 64-Jährige geht in Rente. Ein Nachfolger ist schon gefunden. Wen wundert’s.