Harburg
Neu Wulmstorf

Eine Grundschule erfindet sich neu

Sieht so aus, als machte diesen Schülern der Grundschule am Moor das Lernen dort Spaß. Um den Anforderungen der Zukunft gerecht zu werden, wollen Schulleiterin Astrid Kracht und ihr Kollegium ganz neue Wege gehen. Die Chance dazu bietet der anstehende Umzug in das Gebäude der Hauptschule am Vossbarg

Sieht so aus, als machte diesen Schülern der Grundschule am Moor das Lernen dort Spaß. Um den Anforderungen der Zukunft gerecht zu werden, wollen Schulleiterin Astrid Kracht und ihr Kollegium ganz neue Wege gehen. Die Chance dazu bietet der anstehende Umzug in das Gebäude der Hauptschule am Vossbarg

Foto: Bianca Wilkens / HA

Grundschule am Moor: Lernhäuser sollen Klassen ersetzen. Neu Wulmstorf würde so die Schullandschaft auf den Kopf stellen.

Neu Wulmstorf.  Wenn sich dieser Entwurf für den Ganztagsbetrieb in der Grundschule am Moor tatsächlich durchsetzt, nimmt die Gemeinde Neu Wulmstorf so etwas wie eine Vorreiterrolle in der Schullandschaft im Landkreis Harburg ein. Den anstehenden Umzug der Grundschule am Moor in das Gebäude der Hauptschule am Vossbarg sehen die Grundschulen und die Verwaltung als Chance, um Schule und Bildung ganz neu zu denken und die Weichen für die nächsten 20 bis 30 Jahre zu stellen.

Seit zwei Jahren befasst sich eine Arbeitsgruppe aus Lehrern, Eltern und Verwaltungsvertretern mit den Chancen und Herausforderungen eines Ganztagsbetriebs, ließ sich von anderen Schulen inspirieren und holte sich Hilfe von Stefan Niemann von „SICHT.weise“, einem Beratungsbüro für Bildung und Schulen aus Verden.

Das Zeitalter der Digitalisierung und Individualisierung erfordere eine neue Form des Lernens, sagte Stefan Niemann in der jüngsten Sitzung der Fachgremien, in dem das neue Raum- und Lernkonzept vorgestellt wurde. Heute komme es in der Bildung vor allem auf die „Softskills“ an, wie etwa Teamfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein“, sagte Niemann. „Wir glauben, dass die heutige Schule flexibel in ihrer Struktur sein muss, um auf diese Entwicklung reagieren zu können.“ Es ist ein Abschied von der Schule mit Universalgelehrten. Stattdessen sollen die Kinder kreativ sein, Kontexte herstellen und miteinander arbeiten können.

Auch Christoph Walter, Konrektor an der Grundschule am Moor, machte deutlich, wie massiv sich die Anforderungen an die Grundschulen in den vergangenen Jahren verändert hätten. „Schule soll heute individualisiert unterrichten, fördern, fordern, forschendes und entdeckendes Lernen vermitteln, Präventionsprogramme durchführen, gesellschaftliche Missstände aufgreifen und den Umgang mit digitalen Medien lehren“, sagte er. „Klar ist, dass das, was die Schule heute leisten soll, nicht in Gebäuden stattfinden kann, die 30 Jahre alt sind.“

Umbaukosten auf acht Millionen Euro geschätzt

Zumal die Grundschulen etwa zehn Jahre lang einen Stillstand hinnehmen mussten. Weil unklar war, wie sich der Schulstandort in Neu Wulmstorf in Zukunft entwickelt, konnten die Schulen keine Veränderungen vornehmen, geschweige denn investieren. Unter dem Strich lässt sich die zentrale Erkenntnis der Arbeitsgruppe so zusammenfassen: Lernen braucht Platz und Orientierung, Struktur und Bezug zum Raum.

Die Lösung für all diese Ansprüche sehen die Pädagogen in sogenannten Lernhäusern. Das heißt: In der Schule werden mehrere kleine Abteilungen gebildet, die eine enge Zusammenarbeit ermöglichen. Die Idee ist, insgesamt fünf Lernhäuser mit jeweils den Klassen eins bis vier zu errichten. Das ermögliche eine alters- und klassenübergreifende Zusammenarbeit, sagte Walter.

Multiprofessionelle Teams aus Lehrern und Sozialpädagogen sollen jeweils einem Lernhaus zugeordnet werden und für eine bessere Beziehungsarbeit sorgen. „Alle Kinder in dem Lernhaus kennen alle Lehrer. Alle Lehrer kennen alle Kinder“, sagte Walter. Auch die Lehrervertretung werde erleichtert. Nach Auffassung von Pädagogen und Verwaltung sei das eine Lernumgebung, die sich an den heutigen Bedürfnissen der Kinder orientiert.

Einziger Haken dieses Vorreitermodells: die hohen Kosten. Grob geschätzt erfordert ein Umbau der Hauptschule am Vossbarg, in die die Schüler der Grundschule am Moor umziehen, für fünf Minischulen eine Investition von acht Millionen Euro. Das hat Dirk Landwehr, Geschäftsführer vom Hamburger Büro „Trapez Architektur“ ermittelt.

Angesichts dieser hohen Summe verfielen die Politiker nahezu in Schockstarre. Vor vier Jahren, als die Diskussion zur Umwandlung der Schullandschaft in Neu Wulmstorf zum ersten Mal aufkeimte, standen noch Kosten von rund zwei Millionen Euro im Raum.

„Wenn etwas Gutes, pädagogisch Sinnvolles umgesetzt werden soll, darf es schon mehr kosten. Aber dass dabei jetzt die vierfache Summe herauskommt, hat mich umgehauen“, sagte Gerhard Peters von der CDU. Sein Parteikollege, CDU-Fraktionschef Malte Kanebley, ist überzeugt, dass die acht Millionen Euro für den Umbau noch nicht einmal ausreichen werden. „Das ist nur eine grobe Schätzung. Keiner weiß, ob uns nicht ein Abenteuer erwartet“, sagte er.

Er verwies darauf, dass die Hauptschule noch gar nicht auf Schadstoffbelastungen geprüft wurde. Ende der 90er-Jahre wurden in dem Gebäude Ablagerung des Schadstoffs Polychlorierte Biphenyle (PCB), das als Weichmacher in Dichtungsmassen und Kunststoffen verwendet und 2001 weltweit verboten wurde, festgestellt. Die Räume in der Hauptschule mussten daraufhin saniert werden. „Keiner weiß, ob da alles rausgeholt wurde. Ein Umbau kann zum Fass ohne Boden werden“, sagte Kanebley.

Der Fraktionsvorsitzende der CDU schlug vor, sich näher mit einem Neubau als Alternative auseinander zu setzen. Die erste Kostenschätzung von 15,5 Millionen Euro vom Architekten Dirk Landwehr hält Kanebley für übertrieben.

Er verwies auf Raumkonzepte des Landes für Grundschulen, die mit deutlich weniger Quadratmetern auskommen. „Wir müssen uns sorgfältiger mit dem Thema auseinander setzen. Wir können nicht holterdiepolter eine Entscheidung auf der Grundlage von hingewurstelten Zahlen treffen“, sagte Malte Kanebley.

Doch sowohl Edzard Speer, Leiter der Hauptschule, als auch Astrid Kracht, Rektorin der Grundschule am Moor, warnten eindringlich davor, am Platz zu sparen. „Mit dem Ansatz vom Land, bekommen sie keine gute Schule mit modernen Maßstäben“, sagte Speer. Kracht machte deutlich, dass das hannoversche Raumkonzept für Grundschulen längst veraltet sei.

„Es ist viel Geld, aber wir brauchen diese Breite und diese Flächen. Wir brauchen dringend eine Verbesserung der Schulqualität in Neu Wulmstorf. Wir müssen Schule neu entdecken und größer denken“, sagte sie. Kracht appellierte an die Fraktionen, die Schulen zu unterstützen.

Rückendeckung bekamen die Schulleiter vom SPD-Fraktionsvorsitzenden Tobias Handtke. „Wir wollen eine familienfreundliche Gemeinde sein. Dann gehört gute Bildung dazu. Das Ziel muss sein, sich komplett abzuheben.“ Doch auch die SPD hat Kopfschmerzen angesichts der hohen Investition. „Wir müssen es nicht nur wollen, sondern auch finanzieren können.“

Eine Entscheidung steht jetzt noch aus. Der Ausschuss entschied angesichts der langen Diskussion bis in den späten Abend über den Vorstoß der CDU, einen Neubau eingehender prüfen zu lassen, im nächsten Jugendausschuss zu beraten. Der tagt am Donnerstag, 14. Juni, 19.30 Uhr, im Ratssaal des Rathauses, Bahnhofstraße 39, in Neu Wulmstorf.

Keine dritte Grundschule?

Nicht nur die Grundschule am Moor soll den Ganztagsbetrieb aufnehmen, sondern auch die GS an der Heide und die GS in Elstorf. Nach dem Ergebnis der Arbeitsgruppe soll das Konzept der Minischulen für alle Grundschulen gelten.

Bislang war wegen der steigenden Wohnbebauung und des enormen Bevölkerungszuwachses der Bau einer dritten neuen Grundschule im Kernort Neu Wulmstorf geplant. Darauf soll nach Möglichkeit verzichtet werden. Stattdessen gibt es Überlegungen, die GS am Moor mit fünf Zügen auszustatten und die GS an der Heide vierzügig zu bauen.

Nachdem die Grundschule am Moor in das Hauptschulgebäude gewechselt ist, soll die an der Heide voraussichtlich in das leer gewordene Gebäude der GS am Moor wechseln. Für das alte Gebäude der GS an der Heide ist ein Abriss geplant. Mit der Zukunft der GS an der Heide wollen sich die Gremien nach der Sommerpause beschäftigen.

Die Entscheidung, ob der Neubau einer dritten Grundschule im Kernort nötig ist, soll im Jahr 2022 getroffen werden. Klar ist, dass sich die Einführung des Ganztagsbetriebs in Neu Wulmstorf auf mindestens zwei Jahre verschiebt. Voraussichtlich kommt sie erst 2021.