Harburg
Freilichtmuseum

Kiekeberg gibt ersten Einblick in neues Großprojekt

So soll die "Königsberger Straße" mal aussehen

So soll die "Königsberger Straße" mal aussehen

Foto: HA

In der "Königsberger Straße" will das Freilichtmuseum die Nachkriegszeit darstellen. Bau kostet mehr als sechs Millionen Euro.

Ehestorf.  Mit einem Treckwagen zum Thema Flucht und Vertreibung schlägt das Freilichtmuseum am Kiekeberg das erste Kapitel der „Königsberger Straße“ auf. Das Großprojekt holt die Zeit von 1949 bis 1970 ins Freilichtmuseum. Erstmals erforscht es de Kulturgeschichte der Nachkriegszeit bis 1970 in der ländlichen Region und bildet so das Erscheinungsbild von Dörfern in ganz Deutschland nach.

Sechs Häuser einschließlich Gärten, Straßenlampen, Litfaßsäule und Telefonzelle werden aufgebaut: eine Tankstelle mit angeschlossener Werkstatt, eine Ladenzeile mit modernen Geschäften, ein Doppelhaus und ein Siedlungshaus, ein Aussiedlerhof und ein Quelle-Fertighaus. In etwa zwei Wochen sollen die Bauarbeiten beginnen.

Kiekeberg sichert sich Nachkriegsgebäude im Originalzustand

Voraussichtlich innerhalb von fünf Jahren soll die „Königsberger Straße“ fertig sein. Dazu konnte sich das Museum Nachkriegsgebäude im Originalzustand sichern. So stellt eine Tostedter Familie ihr komplettes Haus zur Verfügung, das der Großvater aus Königsberg aufgebaut hatte. „Die Besitzerfamilie hängt an dem Haus. Da sprudelten die Geschichten geradezu“, sagt Eggert.

An dieser Familiengeschichte kann das Museum zeigen, was in der Nachkriegszeit alles geschehen ist. „Das ist für uns wie ein Sechser im Lotto“, sagt Zimmermann. Am Landkreis Harburg, der überproportional viele Menschen aufnahm, lässt sich beispielhaft für ganz Deutschland zeigen, wie sich die Integration der Neubürger damals vollzog. Dass das Museum einen ganzen Straßenzug nachbaut, sei in der räumlichen Dimension in der Freilichtmuseumslandschaft einmalig, sagt Zimmermann. Deshalb war es wichtig, viele Förderer für das Projekt zu gewinnen.

Neue Ausstellung kostet 6,18 Millionen Euro

Die Kosten der „Königsberger Straße“ sind mit 6,18 Millionen Euro immens. Unter anderem unterstützen Bund, Land, Landkreis, Metropolregion Hamburg, die Stiftung Niedersachsen, Sparkasse Harburg-Buxtehude und die Niedersächsische Sparkassenstiftung das Projekt. „Den ganzen Strauß an bunten Förderern zusammenzubinden, war gar nicht so leicht“, sagt Heiner Schönecke, Vorstandsvorsitzender des Fördervereins.

„Es erfordert viel Mut, eine ganze Straße nachzubauen und damit die Geschichte begehbar und erlebbar zu machen“, sagt Dr. Sabine Schormann, Direktorin der Niedersächsischen Sparkassenstiftung. „Das Projekt ist groß gedacht, wissenschaftlich tief unterfüttert und sehr gut erforscht.“

So wie auch die Geschichte des Treckwagens. Unvorstellbar, dass eine Mutter mit zwei Kindern in diesem kleinen Wagen schlief und so Flucht und Vertreibung überstand. Der Treckwagen sieht aus wie eine etwas größere Version eines Bollerwagens. Es ist das erste Ausstellungsobjekt für das Großprojekt „Königsberger Straße“.

Der Treckwagen stammt aus Bessarabien, dem nördlichen Schwarzmeergebiet, und weist auf das Schicksal vieler Millionen geflohener, vertriebener und umgesiedelter Menschen hin, die ab 1945 die ehemaligen deutschen Ostgebiete verlassen mussten. Hans Bierwag übergab den Treckwagen dem Freilichtmuseum am Kiekeberg.

Freilichtmuseum erzählt auch Geschichten von der Flucht

Als kleiner Junge ist Hans Bierwag mit seinen Eltern Albert und Eugenie und der fünf Jahre älteren Schwester Dagmar im September 1940 von Bessarabien in ein Lager in Bayern und dann nach Malken ins damalige Westpreußen umgesiedelt worden. In dem kleinen Holzwagen war die Familie unterwegs. Nur wenige Jahre später kam der Treckwagen erneut auf der Flucht vor der sowjetischen Armee, die am 18. Januar 1945 begann, zum Einsatz.

Mit Verwandten, vier Fahrern und einem Dienstmädchen floh die Familie Richtung Westen. Kleidung, Bettzeug, Lebensmittel, Hafer, Pferdefutter, ein paar Haushaltsgegenstände und persönliche Dinge nahmen sie mit. Bei Eiseskälte bis zu minus 25 Grad und hohem Schnee kämpfte sich die Familie zwei Monate lang gen Westen, versuchte auf Höfen in Pommern und Mecklenburg unterzukommen.

„Wenn wir mit den Menschen über die Flucht sprechen, sind sie den Tränen nahe“, sagt Alexander Eggert, Abteilungsleiter Volkskunde am Freilichtmuseum am Kiekeberg. „Deshalb ist es wichtig, die Geschichte der Familie zu erzählen.“ Besonders bitter sei die Erfahrung gewesen, Verletzte nicht versorgen zu können. „In der größten Not mussten die Fliehenden nur auf sich selbst schauen“, sagte Eggert.

Hans Bierwag habe auf der Flucht vergleichsweise Glück gehabt. So habe sich der Stifter des Treckwagens an die Zeit erinnert, sagte Eggert: „Wir kamen gut durch, trotz bitterlicher Kälte und teils hohem Schnee. Wir hatten keine Fliegerbombenangriffe oder Konfrontationen mit Kampfverbänden. Mitunter kamen wir durch kriegsbeschädigte, abgebrannte Dörfer und Städte, blieben selbst aber verschont.“ Am Ende kam die Familie nach einer Zwischenstation 1947 nach Oerbke (Heidekreis).

Der Treckwagen hatte den 3000 Kilometer langen Weg von Tarutino in Bessarabien (heute Ukraine) über Westpreußen bis nach Oerbke heil überstanden. Abgesehen von einem Rad, das 1956 beschädigt wurde, ist der Wagen noch im Originalzustand.

„Die Umsiedlung und Flucht der Familie steht stellvertretend für das Schicksal von Millionen von Menschen“, sagt Museumsdirektor Stefan Zimmermann.

Umsiedlung

Im Juni 1940 besetzte die Rote Armee Bessarabien, die nördliche Schwarzmeerregion. Mit Hilfe des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrages hatte Adolf Hitler die Besetzung gebilligt, verlangte im Gegenzug aber die Umsiedlung der dort lebenden deutschstämmigen Bevölkerung.

Rund 93.500 Menschen verließen im September 1940 ihre Höfe. Nach einer Quarantänezeit wurden die Bessarabiendeutschen zu deutschen Staatsangehörigen. Nur wer als „rassisch wertvoll“ und „politisch zuverlässig“ eingestuft wurde, durfte sich in den Ostgebieten ansiedeln. Nur wenige Jahre später mussten die „Heimgeholten“ vor der sowjetischen Armee in Richtung Westen fliehen.