Harburg
Missbrauchs-Skandal

Täter suchten ihre Opfer gezielt aus

Pröbstin Ulrike Murmann, Historikerin Ulrike Winkler und Margarethenhort-Chef Rainer Rißmann arbeiten die 80er-Jahre auf.

Pröbstin Ulrike Murmann, Historikerin Ulrike Winkler und Margarethenhort-Chef Rainer Rißmann arbeiten die 80er-Jahre auf.

Foto: Lars Hansen / xl

Kirchenkreis und Margarethenhort untersuchen Missbrauchsfälle im Heim Haakestraße in den 80er-Jahren

Harburg.  Die Dienstanweisung an die pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Margarethenhort war deutlich: Die Angestellten des kirchlichen Kinderheims an der Haakestraße sollten „den Kindern die frohe Botschaft Jesus Christus’ vermitteln.“

Mit dem, was in den 1980er-Jahren zumindest einigen Mädchen und Jungen im Heim widerfuhr, hatte das wenig zu tun. Mitbewohner missbrauchten sie und die Mitarbeiter sahen weg. Erst 2016 wandten sich die ersten Betroffenen an die Öffentlichkeit. Seitdem bemühen sich Kirchenkreis und Margarethenhort um Aufklärung und Wiedergutmachung.

„Es ist uns sehr daran gelegen, die Strukturen von damals zu verstehen und mit diesem Wissen unsere jetzigen Strukturen zu hinterfragen, damit so etwas nicht noch einmal geschieht“, sagt Rainer Rißmann, Leiter des Margarethenhorts.

Damit das geschehen kann, haben der Kirchenkreis und der Margarethenhort Betroffene und Zeitzeugen aufgefordert sich zu melden und über ihre Erfahrung zu berichten. Die Betroffenen konnten sich an Pröpstin Ulrike Murmann wenden, die im Kirchenkreis Hamburg Ost für Prävention und Intervention zuständig ist. Die Zeitzeugen an den Margarethenhort und die Historikerin Ulrike Winkler. Sie ist Spezialistin für die Geschichte der Heimerziehung und selbst auch Erziehungswissenschaftlerin.

Betroffene und Zeitzeugen wurden unterschiedlich befragt: „Bei den Betroffenen ging es uns darum zu erfahren, was geschehen ist und auch darum, etwas an diesen Menschen wieder gut zu machen“, sagt Ulrike Murmann. „Es gehört viel Mut dazu, sich dem Schmerz und den Schuldgefühlen zu stellen, deshalb bin ich den Betroffenen dankbar!“

Zehn Betroffene hatten sich bei der Hotline gemeldet. Sie berichteten selbstbestimmt und ohne festen Fragenkatalog, so viel, wie sie bereit waren, preiszugeben. Allen betroffenen wurden individuelle Hilfsangebote gemacht. „Oft war es das erste Mal, dass ihnen jemand ihre Erlebnisse glaubte“, sagt Murmann, „Alle empfanden es als Genugtuung, dass ihre Aussagen Teil einer wissenschaftlichen Aufarbeitung wurden.“

Die Zeitzeugen befragte Ulrike Winkler stringenter. „Mir ging es darum, Strukturen herauszuarbeiten. Das geht mit einem Fragengerüst präziser, als wenn beim Erzählen Geschehnisse und ihre Interpretation verschmelzen.“

Gesichert ist, dass über einen Zeitraum von mehreren Jahren mindestens sechs ältere Heimbewohner und einige Täter von außerhalb jüngere Margarethenhortler missbrauchten. „Die Betroffenen waren überwiegend als kleine Kinder in den Margarethenhort gekommen und bindungsarm“, sagt Winkler, „sie wurden gezielt ausgesucht. Die Bauweise des Heims begünstigte die Missbräuche. Es gab enge Flure und viele tote Winkel. Es ist auch ein Versagen der Architektur. Dabei war das Gebäude in den 1970er Jahren als moderne Antwort auf alte Angstbauten geplant worden.“

Personalmangel und unzureichende Ausbildung des vorhandenen Personals hätten den Missbrauch begünstigt. Nicht alle sechs Wohngruppen seien von den Vorfällen betroffen gewesen. „Es gibt Bewohner aus der Zeit, die hauptsächlich positive Erinnerungen haben“, sagt Winkler, die die Ergebnisse jetzt in einer Studie zusammenfasst.

Rainer Rißmann zieht jetzt schon erste Schlüsse für seine Arbeit. „Wir müssen klarere Strukturen, Schutzkonzepte und Beschwerdeverfahren etablieren“, sagt er. „Grenzwertige Situationen entstehen es auch heute noch. Man ist aus der Sache nicht heraus, wenn man sich nur einmal damit beschäftigt. Das muss ein kontinuierlicher Prozess werden.“