Harburg
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Kita zu Besuch im Wohnpark Außenmühle

Hände hoch und mitsingen. Liana Klawitter (r.) gibt den Ton an und erklärt die Handzeichen: so lernen Senioren nebenbei noch Gebärdensprache

Hände hoch und mitsingen. Liana Klawitter (r.) gibt den Ton an und erklärt die Handzeichen: so lernen Senioren nebenbei noch Gebärdensprache

Foto: Katharina Geßler / HA

Begegnung der Generationen:Einmal im Monat gehen Kinder vom Schneverdinger Weg in die Seniorenanlage in ihrer Nachbarschaft.

Wilstorf.  Es ist ein Projekt, bei dem alle Beteiligten gewinnen: An jedem letzten Freitag im Monat machen sich 18 Mädchen und Jungen der Kita Schneverdinger Weg auf zum Senioren-Wohnpark Außenmühle am Kapellenweg. 650 Meter, die sie zu Fuß gehen. Ein Klacks, auch für diese Kinder, von denen keines älter als sechs ist. Gleichwohl gelingt ihnen an diesen Tagen immer wieder aufs Neue so etwas wie ein Quantensprung: sie überwinden eine Generationenkluft, die besteht, seit es normal geworden ist, dass Alte und Kinder voneinander getrennt leben, betreut in ihren jeweiligen Einrichtungen.

Die Idee für das Projekt hatte Linda Wulf (58) vor drei Jahren. Sie ist die Dienstälteste in der Wilstorfer Kita am Schneverdinger Weg 1 a und seit 38 Jahren Erzieherin. Sie kam ihr daheim in Meckelfeld. Nachdem in ihrer Nachbarschaft ein Seniorenheim gebaut worden war, beobachtete sie immer wieder alte Menschen, zu deren größten Vergnügen es augenscheinlich gehörte, die Kinder zu beobachten, die sich vor der Eisdiele auf der Straßenseite gegenüber tummelten. Hüben die Alten, drüben die Jungen. „Das ist doch eigentlich traurig“, habe sie damals oft gedacht, erzählt Linda Wulf. Eine Gedanke, der zu einer Idee reifte. Mit der sie offene Türen einrannte: bei ihren Kolleginnen Liana Klawitter und Dorit Püschel, vor allem aber auch bei ihrer Chefin, Kita-Leiterin Ute Bechtel. Die freut sich auch nach drei Jahren noch: „Es ist ein Projekt, das ans Herz geht.“ Der Nutzen sei zwar nicht messbar, gleichwohl aber von unschätzbarem Wert: „Es werden ethische Grundwerte vermittelt“, sagt Bechtel mit Blick auf das große Ganze.

Linda Wulf geht es pragmatischer an: „Es ist toll, wie unbedarft die Kinder auf die Senioren zugehen.“ Und dabei ihr ganz eigene Sicht auf das Leben und die Menschen ohne Umstände und im Handumdrehen modifizieren. Linda Wulf erzählt in diesem Zusammenhang gerne die Geschichte von dem Dreijährigen, der am Tag vor seinem ersten Besuch im Seniorenheim stolz verkündet hatte, seine Tante habe kürzlich Geburtstag gehabt und sei echt alt geworden: „Die ist schon 27, wirklich!“ Beim Besuch im Senioren-Wohnpark machte der Junge dann große Augen und staunte als habe er einen Schatz entdeckt: „Boah, die sind ja richtig, richtig alt.“ Ein Ritterschlag, jedenfalls war es eine herzliche Begegnung, der noch viele weitere folgten.

So wie an diesem Freitag. Der April macht endlich mal wieder auf Frühling. Die Kinder und ihre Erzieherinnen sind bester Laune. Jeweils sechs Mädchen und Jungen aus drei Gruppen versammeln sich vor der Kita. Immer zu zweit halten sie sich an den Händen, dann geht’s los. Eine bunte Kolonne, die immer mal wieder ins Stocken gerät, weil der eine seinen Schuh verloren oder die andere getrödelt hat. Besondere Vorsicht gilt beim Überqueren der Straßen: kein Kind geht allein, alle hören auf ein Kommando – das ihrer Erzieherin.

Als die Kinder vorm Wohnpark ankommen, ist Maria Jensen schon da. Gestützt auf einen Stock wartet sie auf die muntere Truppe. Der Besuch der Kinder: es ist für sie ein besonderes Ereignis. Sie hat sich herausgeputzt, die Haare sind frisch gemacht, sie trägt eine zweireihige Perlenkette: „Ein Geschenk meines Mannes“, erzählt sie gleich. Und auch, dass er schon vor mehr als einem Jahrzehnt gestorben ist. Der Clou aber ist ihr Alter. Sie sieht so vital und lebensfroh aus, dass sie es nur zu gerne preisgibt: 89 ist sie. Dass diese Angabe ihr Gegenüber regelmäßig in Staunen versetzt, ist eine der Freuden des Alters, die jeder schätzt, der seine Vergänglichkeit bereits spürt. Über das Kommen der Kinder freut sie sich aufrichtig: „Dann kommt richtig Leben ins Haus.“

Sie wecken bei den Senioren Erinnerungen, an eigene Kinder bzw. Enkelkinder. Es belebt ihren Alltag, beschert eine schöne Abwechslung. Zusammen mit den Kindern singen oder basteln sie. Selbst die, die im Rollstuhl sitzen, können mitmachen. Linda Wulf und ihre Kolleginnen haben da schon erstaunliche Dinge erlebt. Eine Seniorin, die sich immer verweigerte und nur stumm dabei saß, sang auf einmal lauthals mit, als ein Lied gesungen wurde, dass sie noch aus ihrer Kindheit kannte. Umgekehrt blüht ein autistischer Junge, der in der Kita meist nur beobachtend am Rand steht, im Zusammensein mit den Senioren regelrecht auf. Neue Horizonte öffnen sich – für beide Seiten. Der Kontakt mit den Kindern gewährt auch Senioren, die nicht mehr mobil sind, einen Blick auf das Leben außerhalb des Wohnparks.

Mädchen und Jungen, die ein Zusammenleben mit Großeltern nicht kennen, sehen, wie sich Menschen im Lauf eines Lebens verändern. Es gibt Adjektive, die für beide Gruppen stehen. Verträumt, unselbstständig, eigensinnig, störrisch oder unvernünftig. Vieles wird in Kitas wie in Seniorenunterkünften angeboten, vom Bemalen der Ostereier bis zum Basteln von Weihnachtsschmuck. Also kann man es auch zusammen angehen. Für Kita-Leiterin Ute Bechtel ist allerdings dies am wichtigsten: „Dass wir lernen, respektvoll miteinander umzugehen, jung und alt.“