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Seevetal sucht Platz für weitere Gewerbeflächen

Betriebe und Investoren drängen in das südliche Hamburger Randgebiet. Die kommunale Politik setzt uneingeschränktem Wachstum Grenzen

seevetal. Bei Gewerbetreibenden gefragt: Die elf Gewerbegebiete der dörflich geprägten Gemeinde Seevetal am Rande Hamburgs sind fast voll. Die Kommune will weitere Wirtschaftsstandorte schaffen. Allerdings setzt die Politik schon seit Gründung der Gemeinde in den 70er Jahren Grenzen: Kein großflächiger Einzelhandel auf der grünen Wiese.

„Dadurch, dass die Politik sich hier früher massiv dagegen ausgesprochen hat, dass der Einzelhandel von den Ortszentren in Gewerbegebiete wandert, haben wir heute die Bebauungsplan-Regel, keinen großflächigen Einzelhandel in den Gewerbeflächen anzusiedeln“, sagt Gemeindesprecher Andreas Schmidt. Nach der politischen Maxime wären in den elf Gewerbegebieten nur verarbeitende Betriebe zu finden. LKW würde es keine geben.

„Wir wollen keine Rein-Raus-Betriebe. Aber es gibt Ausnahmen“, so Schmidt, der die Wirtschaftsentwicklung der rund 43.000 Einwohner zählenden Gemeinde koordiniert. Am Bosteler Feld in Hittfeld, einer der gerade größer werdenden Flächen, parken an Feiertagen Lastwagenflotten mehrerer Unternehmen. Die Gemeinde beherbergt einige Speditionen, wie die DB Cargo oder den Seevetaler Transport Service. Das habe historische Gründe und sei nur in Einzelfällen möglich. In der Regel solle viel Verkehr vermieden werden, so Schmidt.

Vor allem heimische Unternehmen sitzen hier im Rennen um Gewerbeplätze am längeren Hebel. So ist das Bellandris Matthies Gartencenter genau genommen kein verarbeitendes Gewerbe, sondern ein Garteneinzelhandel, der seit Jahrzehnten am Rande Hittfelds sitzt. Mit dem geplanten Umzug des Gartenhandels an die Hittfelder Landstraße wird die westliche Fläche des Bosteler Feldes frei. „Wir sind nicht Eigentümer der Fläche, dürfen aber bei der Auswahl des Folgeunternehmens mitreden“, sagt Schmidt.

Das ist reiner guter Wille. Denn an vielen Stellen wünscht die Kommune zwar Mitspracherecht, kann sich aber als Nicht-Eigentümer lediglich auf die Grenzen des Baurechts stützen, das von der Politik der 70er Jahre geprägt wurde. Ein Grund, warum heute zum Beispiel doch Einzelhandel an der Hittfelder Landstraße betrieben wird. Die Entstehung der Gewerbefläche lief größtenteils von privater in private Hand. Verstärkt in den 80er Jahren siedelten sich dort Einzelhändler an, wo vorher noch Wohnhäuser standen.

Anders sähe das mit einer Bodenbevorratungspolitik aus, sagt Schmidt, und meint das Aufkaufen von Flächen, welche die Gemeinde in Zukunft für diverse Ideen nutzen könnte. Damit würde politischer Einfluss auf die Wirtschaftsentwicklung und die konkrete Auswahl der ansiedelnden Betriebe sicher gestellt sein. Doch diese Strategie wird in Seevetal nicht verfolgt. Die Flächen sind knapp. Schon in den 80er Jahren musste das eigentliche Moor östlich von Meckelfeld unter großem Aufwand hergerichtet werden, damit eines der größten Gewerbegebiete mit rund 38,5 Hektar Fläche entstehen konnte.

Durch die Nähe zu Hamburg, die gute Erschließung der Gemeinde durch den öffentlichen Nahverkehr und drei Autobahnen, sind die Standorte hier gefragt. „Wir wollen weitere Flächen für Gewerbe suchen“, sagt die Gemeindebürgermeisterin Martina Oertzen (CDU).

Aktuell ist die Erweiterung eines der größten Gebiete im Gespräch. Im Januar beschloss der Maschener Ortsrat das Bauleitplanverfahren für einen 1,5 Hektar großen Anbau an das 32,5 Hektar große Gewerbegebiet Maschen ein zu leiten. Auch der Gewerbepark Beckedorf soll um 2,5 Hektar vergrößert werden. „Die Lage nahe Hamburg ist hoch interessant“, sagt Frank Lorenz, geschäftsführender Gesellschafter der Hamburger Lorenz-Gruppe, die die Fläche bereits erschlossen hat. Etwa vier Betriebe, die insgesamt 200 bis 250 Arbeitsplätze schaffen, will er ansiedeln. Die Nachfrage sei so hoch, dass er die doppelte Fläche bestücken könnte. Sobald der B-Plan durch die politischen Gremien gelaufen ist, wird westlich des bestehenden Gewerbegebietes gebaut.

Bereits im vergangenen Jahr wurde die sieben Hektar große Erweiterung des Bosteler Felds in Hittfeld eingeweiht. Noch stehen hier nur zwei Lagerhallen. Fast alle Grundstücke sind
verkauft. „Zwei Flächen zu je 3.500 Quadratmeter sind noch zu haben“, sagt Wilfried Seyer, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung im Landkreis Harburg. Etwa 350 Arbeitsplätze könnten hier auf den acht Grundstücken
entstehen.

„Der gesamte Landkreis ist im Vergleich mit anderen Regionen in der Metropolregion ein Prämiumstandort. Wir bekommen die Gewerbegebiete innerhalb von vier bis fünf Jahren voll. In Seevetal geht das sogar noch schneller“, sagt der Wirtschaftsförderer.

Ob Seevetal tatsächlich eine der am meisten nachgefragten Regionen um Hamburg ist, könne derzeit nicht beurteilt werden, heißt es aus dem Hamburger Büro der Metropolregion. „Beratung und Verkauf übernehmen die Landkreise und Gemeinden vor Ort“, sagt Andrea Färber, Referentin für Wirtschaft und Bildung. Die Entwicklung eines zentralen Monitoring-Systems, das Daten zu allen Regionen sammelt und auswertet, stecke noch in den Kinderschuhen. „Ziel des Projektes zur Zusammenarbeit in der Gewerbeflächenentwicklung ist eine optimierte gemeinsame Vermarktung der Gewerbeflächen in der Metropolregion Hamburg“, so Färber. Sicher ist, dass sowohl der Wirtschaftskoordinierer der Gemeinde als auch die Bürgermeisterin lautstark und wiederholt neue Gewerbeflächen fordern. „Ich muss Interessenten öfter absagen, als dass ich ihnen eine Perspektive bieten könnte“, bedauert Andreas Schmidt. Einer der Gründe für den Wunsch nach weiteren Gewerbegebieten ist im Geldbeutel der Gemeinde sichtbar. „Wir haben von 2010 bis 2017 eine wahnsinnige Steigerung in den Einnahmen durch Gewerbesteuern“, sagt Kämmerer Josef Brand. Von 14,6 Millionen pro Jahr sind die Einnahmen durch angesiedelte Unternehmen auf 27,9 Millionen gestiegen. Heute sind diese Einzahlungen der größte Plus-Posten im Budget.

Wo in Zukunft neue Gewerbeflächen erschlossen werden, können Politik und Verwaltung nur bedingt steuern. Sollte die Kommune Grundeigentümer sein, dann könnten die Entscheidungen Drahtseilakte werden. Denn zum Einen ist Seevetal durch die gute Verkehrsanbindung bei Unternehmen sehr gefragt und wirbt mit dieser. Zum Anderen hat die Gemeinde auch die Pflicht, ihre Bürger vor starkem Verkehrslärm, Abgasen und Lichtbelastung zu schützen.

„Natürlich wollen wir verkehrsbelastende Unternehmen nicht in die Ortsmitte, sondern an den Rand der Orte haben. Dort, wo die Bevölkerung möglichst wenig von Emissionen belastet wird“, sagt Schmidt. Vorzeigepark ist das Gewerbegebiet Beckedorf. „Wir haben hier tolle Betriebe innerhalb eines Grüngürtels“, so der Sprecher.