Statistik

Zahl der Verkehrstoten mehr als verdoppelt

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Jörg Riefenstahl
Bei diesem Unfall auf der Autobahn 1 zwischen Rade und Hollenstedt wurden drei Personen schwer verletzt

Bei diesem Unfall auf der Autobahn 1 zwischen Rade und Hollenstedt wurden drei Personen schwer verletzt

Foto: JOTO

16 Menschenkommen 2017 auf den Straßen des Landkreises ums Leben. Unfallursache Nummer Eins: Zu geringer Sicherheitsabstand.

Harburg.  Die Zahl der Verkehrstoten im Landkreis Harburg ist deutlich angestiegen. 16 Menschen kamen voriges Jahr bei Unfällen auf den Straßen ums Leben – das waren mehr als doppelt so viele wie ein Jahr zuvor. Das geht aus der aktuellen Unfallstatistik 2017 der Polizeiinspektion Harburg hervor. Im Jahr 2016 waren noch sieben Todesopfer zu beklagen – der tiefste Wert seit zehn Jahren.

Wo liegen die Gründe für den traurigen Anstieg? „Die bedauerlich hohe Zahl an Getöteten im vergangenen Jahr ist zum Großteil durch Unfälle entstanden, die nicht mit den klassischen Gefahren des Straßenverkehrs zu erklären sind“, sagt Frank Waldhaus, Sachbearbeiter Verkehr der PI Harburg. Allein sieben der 16 tödlichen Verkehrsunfälle haben sich demnach innerhalb geschlossener Ortschaften ereignet. Dort war nicht, wie etwa zu erwarten, die hohe Geschwindigkeit ursächlich für die fatalen Folgen. Sondern vor allem die Schutzlosigkeit, der Fußgänger oder Radfahrer im Straßenverkehr ausgesetzt sind. Einige Beispiele: Am 12. März lief ein betrunkener Mann in Stelle unvermittelt auf die Fahrbahn. Er wurde von einem vorbeifahrenden Auto erfasst und starb noch am Unfallort. Sechs Tage später fuhr ein Radfahrer in Neu Wulmstorf über die geschlossene Halbschranke eines Bahnüberganges. Was ihn dazu veranlasst hat, weiß bis heute niemand. Der Radfahrer wurde von der S-Bahn erfasst. Der Mann starb an den Folgen des Unfalls. Aber auch ohne geballte Kräfte kann Schlimmstes passieren: Als zwei Radfahrer mit relativ geringer Geschwindigkeit aufeinander zufuhren und zusammenstießen, war am Ende ein Toter zu beklagen. Am 29. April übersah ein Autofahrer in Meckelfeld, der im Schritttempo aus seiner Grundstücksausfahrt fuhr, eine Fußgängerin. Die ältere Dame stürzte. Sie erlag ihren schweren Kopfverletzungen.

Der Trend setzt sich im Stadtgebiet fort: Auf Hamburgs Straßen verzeichnet die Polizei für 2017 einen Anstieg der Fußgängerunfälle. Mit 1498 im Stadtgebiet waren es voriges Jahr vier Prozent mehr als im Jahr zuvor. Genaue Zahlen für den Bezirk Harburg wird die Polizei demnächst veröffentlichen.

Unfallursache Nummer Eins im Landkreis bleibt – wie im Jahr zuvor – mangelnder Sicherheitsabstand zum Vordermann, gefolgt von überhöhter Geschwindigkeit. Ein Indiz dafür, dass es viele Menschen anscheinend besonders eilig haben – oder es ihnen an Geduld fehlt. Einige Zahlen, in Klammern die Werte von 2016: Insgesamt 500 Unfälle (514) führt die Polizei auf mangelnden Sicherheitsabstand zurück. Überhöhte Geschwindigkeit führte in 473 (497) Fällen zum Unfall.

Auf den Autobahnen im Landkreis wurden voriges Jahr 1045 (999) Unfälle registriert. Bei zwei (zwei) Unfällen kam jeweils ein Mensch ums Leben, darunter war auch ein „Geisterfahrer“. 20 Unfallbeteiligte erlitten schwere Verletzungen. Ein Jahr zuvor waren es 36.

Die Zahl der Verkehrsunfälle mit anschließender Fahrerflucht ist mit 1516 (1541) ebenfalls gesunken. In 42,6 Prozent (44,3) der Fälle konnte der Beteiligte ermittelt und die Straftat somit aufgeklärt werden. Die hohe Aufklärungsquote sei ein „erfreulicher Beleg für die zunehmende Bereitschaft von Zeugen, Straftaten im Straßenverkehr zu melden“, heißt es aus Polizeikreisen. Sie zeige auch das hohe Risiko, dass diese Straftäter eingehen.

Gefahr von Alkohol am Steuer wird stark unterschätzt

Mit Abstand folgen Fehler beim Gewähren der Vorfahrt oder beim Abbiegen als Unfallursache. Dass viele Autofahrer die Gefahr von Alkohol am Steuer unterschätzen, verdeutlichen folgende Zahlen: In 123 (85) Fällen spielte Alkoholeinfluss die entscheidende Rolle als Unfallursache – eine bedenkliche Zunahme um 44 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Drogen- oder Medikamenteneinfluss spielte dagegen mit neun (16) Fällen im direkten Vergleich der Verkehrunfallursachen eine eher untergeordnete Rolle. Gleichwohl erwischte die Polizei 2017 bei ihren Kontrollen 310 (234) Fahrer, die unter Medikamenten- oder Drogeneinfluss standen. Gegen 420 (380) wurden Verfahren eingeleitet, weil sie unter Alkoholeinfluss fuhren.

Junge Fahrer im Alter von 18 bis 24 Jahren waren an 995 (1019) Unfällen beteiligt. In 755 (765) Fällen waren sie auch Unfallverursacher. „Etwa zwölf Prozent aller Unfälle werden durch Fahranfänger verursacht. Sie haben aber nur rund sechs Prozent Anteil an der Gesamtbevölkerung. Die Gruppe der 18- bis 24-Jährigen ist somit nach wie vor Risikogruppe im Straßenverkehr“, sagt Torsten Adam, Sprecher der Polizeiinspektion Harburg. Die Präventionsarbeit – angefangen von Radfahrprüfungen an Schulen, über Projekte wie „Runter vom Gas“, Schutzengel- oder das Fahrschulprojekt sei nach wie vor wichtig, um junge Menschen zu sensibilisieren.

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