Harburg
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Wie die IBA Harburg veränderte

Hans-Christian Lied, Leiter des Amtes für Stadt- und Landschaftsplanung, sitzt am Lotsekanal vor dem Kaispeicher am Veritaskai

Hans-Christian Lied, Leiter des Amtes für Stadt- und Landschaftsplanung, sitzt am Lotsekanal vor dem Kaispeicher am Veritaskai

Foto: Angelika Hillmer / HA

Entwicklungspläne von 2008 für den Binnenhafen wurden modifiziert: mehr Wohnungen, weniger Büros.

Harburg.  „Die IBA Hamburg ergreift die Chance, eine sensible Hafenkonversion auf den Weg zu bringen und so zu einer Steigerung der Attraktivität des Standortes, auch im wirtschaftlichen Sinne, beizutragen und den Charme des Binnenhafens zu bewahren.“ Das schrieb – etwas umständlich - der damalige Geschäftsführer der Internationalen Bauausstellung (IBA) Hamburg, Uli Hellweg, im Vorwort des Buches „Denkmalwelt Harburger Binnenhafen“. Dort zeigte die IBA vor zehn Jahren die Entwicklungsperspektiven des Gebiets auf. Was ist daraus geworden? Ein Rundgang mit dem Leiter der Harburger Stadtplanung Hans-Christian Lied.

Schon 2008 gaben herausragende Projekte dem Binnenhafen ein modernes Gesicht und bildeten einen reizvollen Kontrast mit denkmalgeschützten Gebäuden. Der zum Bürokomplex umgebaute Thörl-Silo am Schellerdamm und der Veritasspeicher am Lotsekanal vereinigen dieses Miteinander sogar in einem Gebäude.

Auch die Mischung aus Wohnen, Arbeiten und Freizeit war damals schon geplant, doch entstanden zunächst hauptsächlich Büroflächen. Die ersten großen Wohnungsbauprojekte liefen im Rahmen der IBA: die Schlossinsel-Marina, das Projekt Maritimes Wohnen am Kaufhauskanal an der Harburger Schlossstraße, Studentisches Wohnen am Schellerdamm und Wohnen am Hafencampus gleich nebenan.

Die Lärmbelastung bleibt ein Problem beim Wohnungsbau

„Die gewerbliche Entwicklung zum Innovations- und Forschungsstandort dominierte die beiden ersten Jahrzehnte der Umgestaltung“, sagt Lied. „Wohnen war in dem ehemaligen Hafengebiet kaum möglich. Hierfür musste zunächst neues Planrecht geschaffen werden. Vor allem die bestehende Lärmbelastung, aber auch das Potenzial des maximal zulässigen Gewerbelärmeintrags stellen eine Herausforderung dar.

Doch die Wohngebäude auf der Schlossinsel und weitere Projekte zeigten, dass sich dieser Konflikt lösen lässt – durch eine geeignete Gebäudestellung mit lärmabgewandten Seiten und durch besondere Fenster. In den vergangenen zehn Jahren sind im Binnenhafen rund 1000 Wohnungen entstanden, und wir sehen ein Potenzial von weiteren 1500 Wohnungen“, so Lied. Rund die Hälfte dieses Potenzials wird in verschiedenen Projekten bereits anvisiert.

Die „Denkmalwelt“ Binnenhafen bildet die charmante Grundnote im Konzert aufstrebender Büro- und Wohngebäude. Das IBA-Buch nennt acht „konkret geplante Büroprojekte“. Fast 70.000 Quadratmeter neue Nutzflächen sollten sie schaffen.

Vier Projekte sind heute verwirklicht: der östliche Anbau eines weiteren Bürogebäudes beim Kaispeicher am Veritaskai, ein neues Bürohaus schräg gegenüber, ein Bürohaus neben dem umgebauten Silo am Schellerdamm und die Umnutzung der ehemaligen Schmirgelfabrik an der Blohmstraße – in dem Backsteingebäude residiert das Harburger Bauunternehmen HC Hagemann (Arne Weber).

Immer noch brach liegt das weitgehend denkmalgeschützte Ensemble der ehemaligen New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie im Bereich Nartenstraße/Neuländer Straße. Hier sollten nach 2008 mehr als 20.000 Quadratmeter Büroflächen entstehen. Von einem „Schiffskompetenzzentrum zur Ausbildung von Kapitänen“ und einer Veranstaltungshalle ist im Buch „Denkmalwelt“ zu lesen.

Auf der Schlossinsel sind Büros und Parkhaus geplant

Aber auch vom Fund von Schadstoffen (Nitrosaminen) im größten Gebäude entlang der Neuländer Straße. Er machte diese und weitere Planungen unter dem Projektnamen „Ecocity“ zunichte. Jetzt soll dort als Projekt „Hafenquartier“ eine gemischte Bebauung mit Büros und Wohnungen entstehen.

Das schadstoffbelastete Gebäude soll zum Parkhaus werden. „In dem Komplex wird vermutlich deutlich weniger Bürofläche entstehen als zunächst geplant“, sagt Lied. Konkreter wird er nicht, denn es laufen noch Abstimmungen zwischen dem Investor und dem Bezirk, der einen maßgeschneiderten Bebauungsplan vorbereitet. Nur so viel: „Die Bewältigung des Verkehrs- und Gewerbelärms ist ein wichtiger Punkt.“

Ein weiteres Projekt betrifft die Brachfläche am Lotsekai auf der Schlossinsel, gegenüber vom Kanalplatz. Dort sollen Bürogebäude und dazu noch ein Parkhaus heranwachsen. Lied: „Wir hatten schon zu IBA-Zeiten, im Jahr 2006, einen Wettbewerb für diese Fläche durchgeführt. Damals gab es zwei Sieger. Ein Entwurf war auf das Unternehmen Becker Marine Systems zugeschnitten, das inzwischen an der Blohmstraße gebaut hat. Der zweite Siegerentwurf ist nach wie vor aktuell.“

Der Standort am Lotsekai sei sehr prominent, deshalb müsse die Fläche besonders sorgfältig vermarktet werden, betont Lied. Der übrig gebliebene Siegerentwurf beinhaltet zwei langgestreckte rund fünfgeschossige Gebäude, deren obersten drei Stockwerke aus dem Gebäudegrundriss bis zur Wasserkante des Lotsekai hinausragen, ähnlich wie Gebäude am Sandtorkai in der HafenCity.

Das trifft auf Widerspruch des Musemshafen Harburg, der Kollisionen mit Schiffstakelagen befürchtet, wenn ein größerer Segler am Lotsekai festmachen will. Aber ob dieser Entwurf überhaupt umgesetzt oder womöglich ein neuer Wettbewerb initiiert wird, ist ohnehin noch nicht abzusehen. Schließlich ist für das Baufeld noch kein Investor gefunden. „Der Landesbetrieb für Immobilien und Grundvermögen wird die Fläche demnächst öffentlich ausschreiben“, kündigt Lied an.

Andere Projekte haben in den vergangenen zehn Jahren mehrfach ihr Gesicht verändert, etwa Arne Webers „Channel X“, ein geplantes Büro-Hochhaus am Veritaskai/Westlicher Bahnhofskanal (neben Segel-Raap). Nachdem der Druck auf dem Wohnungsmarkt zunahm und die Investitionen in Wohnungen zunehmend lukrativer wurden, entstand „Channel X2“, das Projekt eines 18-stöckigen Hochhauses mit hochwertigen Wohnungen.

Doch das wäre mit hohen Lärmschutzauflagen verbunden. Also schrumpfte der Turm zu einer fünf- bis sechsstöckigen Blockrandbebauung mit leisem Hinterhof. Inzwischen ist auch diese Planung vom Tisch. Möglicherweise kommt nun doch ein Bürohochhaus…

Komplett an Biss verloren hat das achte Projekt namens Shark. „Eine städtebauliche Sensation“ versprach die Binnenhafen-Werbezeitschrift „Channel News“ im Frühjahr 2008: Investor Arne Weber wollte am südlichen Ende des Ziegelwiesenkanals ein Gebäude in Form einer Hai­flosse errichten, ein siebengeschossiges Bürohaus. Es sollte als Firmensitz von HC Hagemann dienen und ein ökologischer Vorreiter sein.

Ein Bürogebäude in Form einer Haiflosse wurde nicht gebaut

HC Hagemann bezog inzwischen das komplett modernisierte Gebäude der Schmirgelfabrik, die Haiflosse ist planerisch abgetaucht. Statt dessen soll am Ufer des Ziegelwiesenkanals ein neues Leuchtturm-Projekt entstehen, der Hamburg Innovation Port (HIP), ein Forschungs- und Technologiezentrum.

Die Erdarbeiten zum ersten Bauabschnitt des HIP sind bereits im Gange. Und in der nahen und ferneren Nachbarschaft wachsen weitere Häuser heran. Wo der nächste Grundstein eines Großprojekts gelegt werden wird, darauf will sich Hans-Christian Lied ungern festlegen – „vielleicht beim Hotelprojekt am Veritaskai“.

Es ist eines von mindestens vier anvisierten Hochhäusern im Format des Channel Towers Ecke Karnapp/Schellerdamm, der weit sichtbaren Landmarke am südlichen Rand des Binnenhafens. Schon Baudezernent Jörg Heinrich Penner schrieb 2008 im Buch „Denkmalwelt“: „Je mehr Hafenflächen weiterhin maritim genutzt werden, desto mehr muss über die Aufwertung der anderen Grundstücke die Schaffung öffentlicher Freiflächen und die notwendige Sanierung der Straßen, Brücken, Siele und Kaimauern finanziert werden. Das spricht für eine hohe Bebauungsdichte. Einzelne Hochhäuser gehören als Silos zum historischen Hafenbild.“

Weitere Hochhäuser werden das zukünftige Gesicht des Binnenhafens prägen

Der Channel Tower ist das erste Hochhaus im Binnenhafen. Das (inklusive Antennenmast) 75 Meter hohe Bürogebäude wurde 2002 fertiggestellt und ist das Wahrzeichen für den channel harburg, also für die Entwicklung des einst verkommenen Hafenquartiers zum modernen Technologiestandort. Er ist das höchste Gebäude südlich der Elbe.

Das geplante Hotel am Veri­taskai soll das zweite Hochhaus im Binnenhafen werden. Der Bauherr, die Lorenzgruppe, hat im Dezember 2017 den Bauantrag für das geplante 4-Sterne-Hotel (Best Western Premium) mit 214 Zimmern, Gastronomie und Konferenzbereich eingereicht. Es wird 65 Meter hoch werden. Die Bauarbeiten auf dem ehemaligen Beach Club-Gelände sollen im Frühjahr beginnen und werden etwa zwei Jahre dauern.

In Nachbarschaft des Hotels sind zwei weitere Hochhäuser geplant. Eines soll im Rahmen des Projekts Hafenquartier zwischen den denkmalgeschützten Gebäude der ehemaligen Fabrik der New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie entstehen und voraussichtlich als Wohnhaus dienen. Das andere geplante Hochhaus gehört zum Projekt Neuländer Quarree. Beide Entwürfe wurden der Öffentlichkeit noch nicht vorgestellt.

Hochhaus Nummer fünf wird Teil vom Hamburg Innovation Port werden. Bauherr Arne Weber möchte als zweiten Bauabschnitt des geplanten Forschungs- und Technologiezentrums an der Blohmstraße ein 72 Meter hohes Gebäude errichten. Dazu muss der Bebauungsplan geändert werden. Die Öffentlichkeit hat am 19. Februar mit dem Architekten und dem Leiter der bezirklichen Stadtplanung, Hans-Christian Lied, über das Vorhaben diskutiert. Die Ergebnisse der Diskussion sollen am heutigen Montag dem Stadtplanungsausschuss vorgestellt werden.