Harburg
Neugraben-Fischbek

Sportler in Süderelbe schlagen Alarm

Joachim Stoltzenberg lehnt am maroden Tor eines Bolzplatzes – für ihn Sinnbild der Misere in Süderelbe

Joachim Stoltzenberg lehnt am maroden Tor eines Bolzplatzes – für ihn Sinnbild der Misere in Süderelbe

Foto: Michael Rauhe

Vereine beklagen dramatische Mängel in der Infrastruktur – Hallen und Sportplätze sind oft nicht mehr zu nutzen.

Neugraben.  Nachdenklich lehnt Joachim Stoltzenberg am rostigen Fußballtor auf dem aufgeweichten Grandplatz Schutzhütte in den Harburger Bergen. Wildschweine haben das Spielfeld nebenan durchpflügt. An Fußballspielen ist auf der einstigen Rasenfläche schon seit Langem nicht mehr zu denken. Einen Zaun um die beiden abseits der Siedlung im Wald gelegenen Plätze gibt es nicht. Flutlicht? Fehlanzeige. Der Fahrweg zu den maroden Umkleidekabinen ist von Schlaglöchern übersäht und führt mitten durch das Naturschutzgebiet. Der Weg ist unbeleuchtet. „Für Kinder ist das hier bei Dunkelheit im Grunde unzumutbar“, sagt Stoltzenberg. „Es ist ein Jammer. Aber es passiert einfach nichts.“

Dennoch spielen regelmäßig 28 Erwachsene und sieben bis acht Kindermannschaften auf dem Grandplatz unter schwierigen Bedingungen Fußball, versichert Stoltzenberg. „Wir haben den Raum, wir haben die Flächen. Aber die Infrastruktur im Stadtteil fehlt.“ Rund 28.900 Menschen leben zurzeit in Neu­graben-Fischbek. 12.000 bis 14.000 neue Bewohner sollen nach Prognosen von Stadtplanern in den nächsten Jahren hinzukommen. Schon jetzt stößt die Infrastruktur des sich rasant entwickelnden Stadtteils mit drei Flüchtlingsheimen an Grenzen. Das ruft den FC Süderelbe auf den Plan.

„Neugraben-Fischbek ist ein sehr schöner Stadtteil, direkt am Rande der Harburger Berge im Süden der Stadt Hamburg gelegen“, heißt es in einem von Stoltzenberg im Auftrag des Vereinsvorstandes verfassten Offenen Brief an den Hamburger Senat. Die „Schönheit der Natur und die gewachsene Bebauung“ treffe jedoch auf Bausünden der 1960er- und 70er-Jahre. Soziale Brennpunkte seien das Ergebnis – etwa in der Sandbek- und Petershofsiedlung in Neuwiedenthal.

Der Anteil von Bürgern mit Migrationshintergrund liege – zusammen mit dem Nachbarstadtteil Hausbruch – bei 50 Prozent. Viele Bürger leben von staatlicher Hilfe. Hamburg benötige dringend bezahlbaren Wohnraum, vor allem angesichts des Zuzugs von Asylbewerbern und Flüchtlingen, heißt es weiter in dem Brief. Da es die „Kleinstaaterei in Deutschland“ nicht zulasse, dass der dringend benötigte Wohnraum in den niedersächsischen Nachbargemeinden wie Seevetal oder Rosengarten entstehen könne – und sich andere Hamburger Stadtteile dem Siedlungsbau schlicht „verweigerten“ – setze der Senat erneut auf Neugraben-Fischbek.

Soweit, so gut. In den kommenden Jahren sollen dort nun mit Vogelkamp, Fischbeker Heidbrook und Fischbeker Reethen drei neue Großsiedlungen für die besagten 12.000 bis möglicherweise 14.000 Einwohner entstehen. Das Wachstum findet Stoltzenberg im Grunde in Ordnung. Aber angesichts schon heute hoffnungslos überfüllter S-Bahnzüge in Stoßzeiten, Schienersatzverkehr an Wochenenden, der ständig überlasteten A 7 sowie der Hauptverkehrsader Cuxhavener Straße hegt er Bedenken.

Von fünf Sportplätzen sind allenfalls drei zu nutzen

„Es fehlen allein 300 bis 400 Kitaplätze. Das einzige Gymnasium hat seine Kapazitätsgrenze erreicht. Und der katholischen Schule droht die Schließung“, heißt es in dem Brandbrief. Das Freizeitangebot für Jugendliche im Stadtteil sei stark eingeschränkt. Das betreffe zunehmend den Vereinssport. „Schon heute fehlt in Neugraben-Fischbek eine Zweifeldsporthalle, um den aktuellen Bedarf zu decken. Kindermannschaften erhalten im Winter zum Teil gar keine Hallentrainingszeiten“, sagt Stoltzenberg.

Die drei Schwimmbäder in Neuwiedenthal, Neugraben und im niedersächsischen Neu Wulmstorf seien marode, Abhilfe nicht in Sicht. Von den fünf vorhandenen großen Sportplätzen in Neumoorstück, am Kiesbarg, Röttiger-Kaserne, Schutzhütte und Opferberg sind allenfalls drei tatsächlich nutzbar. Neben Schutzhütte falle seit Jahren auch der Rasenplatz Neumoorstück neben der Stadtteilschule Neuwiedenthal flach, weil es mit Rücksicht auf die Anwohner auch hier kein Flutlicht gibt. Damit fehlt insbesondere in der dunklen Jahreszeit eine grundlegende Voraussetzung für das Vereinstraining, das üblicherweise um 16 Uhr beginnt und bis in die Abendstunden läuft,

Immerhin hat der FC Süderelbe vor zwei Jahren einen kleinen, zusätzlichen Trainingsplatz am Kiesbarg erhalten. Aber das reicht laut Stoltzenberg für die Zukunft bei Weitem nicht aus. „Wir müssen schon heute einen Teil der Kinder, Jugend-, Frauen- und Herrenmannschaften auf Trainingsplätze in benachbarte Stadtteile schicken.“ Ein neuer Trainingsplatz soll in der Cuxhavener Straße unmittelbar zwischen Sandbek-Siedlung und dem Neubaugebiet Fischbeker Reethen entstehen.

Aber auch hier sind Konflikte programmiert: Der Platz soll lediglich 15 Stellplätze für Pkw erhalten. Auf einen Aufenthaltsraum für die Mannschaften und überdachte Zuschauerränge haben die Planer laut Stoltzenberg verzichtet. „Es ist irrwitzig, was hier geschieht“, sagt der Sportfunktionär. „Hier werden Wohnungen für 3000 Menschen neu gebaut. Darunter werden sehr viele Flüchtlinge sein. Leute, die in einen Sportverein gehen, sind schnell integriert. Beim Fußball ist es egal, ob du Rot, Grün oder Blau bist und welche Sprache du sprichst. Aber das Angebot in Neugraben reicht hinten und vorne nicht.“

Der Trainingsbetrieb wird heruntergefahren

Mit Inklusions- und Integrationsteams auf andere Stadtteile auszuweichen, sei im Alltag kaum praktikabel. Die Folge: Aus Platz- und Terminmangel in den wenigen noch verfügbaren Hallen trainieren die Teams statt zweimal pro Woche nur noch einmal. Mannschaftsgrößen von 28 Kindern – statt der gewünschten 18 bis 20 Kinder – sind Normalität. Immerhin wird die leerstehende Uwe Seeler-Halle im Neubaugebiet Fischbeker Heidbrook auf dem Gelände der ehemaligen Röttiger-Kaserne jetzt für 1,7 Millionen Euro saniert.

Für Stoltzenberg ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Weitere Hallenschließungen stünden unmittelbar bevor. „Wir als Sportverein sind fassungslos. Wo sollen all die Jugendlichen hin, die neu zu uns ziehen? Wir erwarten ein Verkehrskonzept, das die Lage verbessert. Und klare Anlaufpunkte für Soziales, Kultur, Freizeit und Jugend.“

Nördlich der Elbe gebe es 15 Sportplätze, die den Anforderungen an den Regionalfußball genügten oder entsprechend umgebaut werden könnten. Südlich der Elbe keinen Einzigen. Neue Bolzplätze im Vogelkamp und im Fischbeker Heidbrook – bei gleichzeitigem Wegfall des Bolzplatzes am Falkenbergsweg – könnten darüber ebenso wenig hinwegtäuschen wie der neue Sport­streifen nahe der Flüchtlingsunterkunft Ascheland. „Für den Vereinssport haben diese Plätze keine Bedeutung“, sagt Stoltzenberg.

Hamburger Sportbund unterstützt die Forderungen

Schützenhilfe erhält er vom Hamburger Sportbund (HSB). Bei einem Zuwachs von geschätzten 12.000 Einwohnern sei mit rund 4000 zusätzlichen Vereinsmitgliedern zu rechnen, heißt es in einer aktuellen Bedarfsanalyse vom November vorigen Jahres für Neugraben-Fischbek, die dem Abendblatt vorliegt. Davon würden rund 620 Sportler Fußballangebote wahrnehmen. Zusätzlich zum Status quo seien somit 31 Mannschaften mit jeweils 20 Spielern zu erwarten. Um dem Bedarf gerecht zu werden, seien rechnerisch mindestens 1,7 neue Fußballplätze vonnöten. De facto seien es sogar 2,7 Plätze, meint Stoltzenberg.

Außerdem sind nach Berechnungen des HSB rund 1300 Sportler in innenraumgebundenen Sportangeboten zu erwarten. Es sei zudem davon auszugehen, dass rund 430 Sportlerinnen und Sportler in klassischen Sportarten nachfragen, die in Schul-Sporthallen stattfinden. Daraus ergebe sich ein Bedarf von drei Hallenfeldern für Vereinssportler. Außerdem hält der HSB eine neue Gymnastikhalle mit höheren baulichen Qualitäten am Standort der Schule Ohrnsweg für sinnvoll. „Wir brauchen ein zusätzliches Gymnasium und eine zusätzliche Stadtteilschule. Und zwar sofort“, ergänzt Stoltzenberg.