Harburg
Harburg/Halle

Ausreißerhund „Adam“ nach einem Jahr wieder zu Hause

Hunderüde Adam ging in die für Haley aufgestellte Lebendfalle

Hunderüde Adam ging in die für Haley aufgestellte Lebendfalle

Foto: privat / HA

Der Collie-Mischling aus Halle an der Saale wurde nach einjähriger Odyssee 300 Kilometer entfernt im Eißendorfer Forst eingefangen.

Harburg/Halle.  Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit reichte. Cornelia Krohn aus Halle an der Saale schloss die Tür auf, jemand sprach sie an, sie drehte sich um, die Haustür stand einen Spalt weit offen. Und schon Adam war weg. Das war am 13. Februar 2017. Gerade zwei Wochen zuvor hatten sie und ihr Mann den damals zweijährigen Collie-Mischling aus dem Tierheim adoptiert.

Adams Spur verlor sich schnell, monatelang gab es kein Lebenszeichen von dem Rüden. Jetzt ist der Mischling nach einjähriger Odyssee wieder aufgetaucht – 300 Kilometer entfernt im Eißendorfer Forst, an der Grenze zwischen Landkreis und Bezirk Harburg. Mit der Hilfe eines Spezialisten konnte der extrem scheue Rüde in eine Falle gelockt und gesichert werden.

Dass Adam nach so langer Zeit gefunden wurde, war purer Zufall. Die ehrenamtlichen Helfer des Tierschutzvereins hatten an mehreren Stellen im Eißendorfer Forst Futterstellen präpariert, die eigentlich für die Anfang Februar in Rosengarten-Langenrehm entlaufene Australian-Shepherd-Hündin Haley gedacht waren. Die Hündin war mehrfach im Wald gesehen worden. Die Fotos der Wildkameras an den Futterstellen zeigten jedoch einen anderen Hund.

„Wir haben sofort gesehen, dass es sich um einen Streuner handelt“, sagt Dennis Macziewski, der gemeinsam mit anderen ehrenamtlichen Helfern der Hunde-Suchgruppe Kleiner Nördlicher Bereich entlaufene Hunde sichert. Innerhalb von sechs Tagen, erinnert sich Macziewski, seien sechs Sichtmeldungen von dem Streuner eingegangen, alle entlang der A 7 im Eißendorfer Forst.

Die Helfer veröffentlichten Fotos des unbekannten Hundes auf Facebook. Eine Facebook-Nutzerin, die ebenfalls bei der Hunde-Suche engagiert ist, erkannte Adam dann von alten Suchmeldungen wieder. „Sie hat uns angerufen“, sagt Cornelia Krohn. „Und ich dachte, das könnte er tatsächlich sein.“

Krohn griff daraufhin zum Telefon und machte Heino Krannich auf den Fall aufmerksam. Der gelernte Forstwirt und ehemalige Leitende Tierpfleger im Wildpark Lüneburger Heide hat es sich zur Aufgabe gemacht, entlaufene Hunde einzufangen. Krannich präparierte eine Lebendfalle nahe einem Kleingartenverein mit Futter. „Und dann“, erzählt Krannich, „gab es ein Armdrücken mit dem Hund.“

Denn Adam wollte nicht in die Falle gehen. Zwar lockte ihn der Duft von Putenhals und Bratwürstchen regelmäßig dorthin. Das konnte Krannich von seinem ganz in der Nähe geparkten Auto aus dank der Wildtierkameras live verfolgen. „Einmal war er sogar schon drin, hat die Falle aber nicht ausgelöst.“ Drei Tage und Nächte saß Krannich in seinem Auto und wartete, die Helfer versorgten ihn in der Zeit mit Kaffee und belegten Brötchen.

Zu groß war die Gefahr, dass Passanten oder Kinder sich an der Falle verletzen oder den Hund stören und wieder verjagen würden. Erst am dritten Tag, kurz vor Mitternacht, schnappte die Falle zu. Adam war gesichert. „Unsere Freude war sehr groß“, erzählt die ehrenamtliche Helferin Nicole Lorenz.

Lorenz war bei der Sicherung dabei und nahm Adam in der Nacht mit nach Hause. Ein hinzugerufener Tierarzt bestätigte schließlich durch Auslesen des Chips, dass es sich tatsächlich um das in Halle entlaufene Tier handelte.

Für Cornelia Krohn und ihren Mann kam die Erleichterung zeitverzögert. Krannich, erzählt Krohn, habe ihr vier Nachrichten auf dem Anrufbeantworter hinterlassen, „um 0.07 Uhr. Aber ich war vor Erschöpfung eingeschlafen.“ Erst gegen 4 Uhr sei sie wach geworden. „Und dann habe ich das ganze Haus zusammengeschrien vor Freude.“

Am nächsten Tag machte sich das Ehepaar sofort auf den Weg nach Niedersachsen, um seinen Hund abzuholen. Bis auf eine leichte Augenentzündung hatte Adam von seiner einjährigen Tour durch die Wildnis laut Krohn keine Blessuren davongetragen. Für die Hundehalterin war die Zeit ohne Adam schwierig. „Das ist ein dauerhafter Schmerz, der einen begleitet“, sagt sie.

Sie und ihr Mann haben viel versucht, um Adam wiederzubekommen, sie haben Futterstellen am Haus in Halle eingerichtet, Kameras installiert, sogar Tierkommunikatoren haben sie eingeschaltet. „Wir haben immer gesagt, wir geben nicht auf, aber wir haben nicht mehr wirklich damit gerechnet ihn zu finden. Es ist ein Wunder.“ Noch einmal, sagt Krohn, werde ihr das nicht passieren; Adam ist nur noch mit Sicherheitsgeschirr unterwegs.

Von Haley, der in Langenrehm entlaufenen Australian-Shepherd-Hündin, gibt es hingegen immer noch keine heiße Spur. Die ehrenamtlichen Helfer haben mehrere Futterstellen für sie eingerichtet. „Aber sie hat sie nicht angelaufen“, sagt Dennis Macziewski von der Hunde-Suchgruppe Kleiner Nördlicher Bereich. Die derzeitigen frostigen Temperaturen seien problematisch. Wer Haley sieht, sollte nicht versuchen, sie selber einzufangen, sondern die Helfer unter der Telefonnummer 0177-71 9 12 72 informieren.

„Hinterherlaufen ist ein böser Fehler“

Tipps vom Ex-Tierpfleger – Heino Krannich hat sich auf das Einfangen entlaufener Hunde spezialisiert

Heino Krannich kennt sich aus mit der Sicherung entlaufener Hunde. Auch im Fall des vor einem Jahr in Halle verschwundenen Collie-Mischlings Adam waren die Methoden des 58-Jährigen erfolgreich. 365 Tage im Jahr, jeden Tag zu jeder Uhrzeit, ist der im niedersächsischen Wittingen lebende Krannich für jene erreichbar, denen ihr Hund weggelaufen ist. Jeden Tag, erzählt Krannich, erhalte er drei bis acht Anrufe von Menschen, die ihr Tier wiederhaben wollen.

Manchmal gibt er telefonische Ratschläge, in anderen Fällen reist er zum Ort der letzten Sichtung – quer durch Deutschland, notfalls auch quer durch Europa. Krannich, gelernter Forstwirt, hat dank seiner Kenntnisse als Leitender Tierpfleger im Wildpark Lüneburger Heide „schon immer“ geholfen, Tiere zu fangen. Seit fünf Jahren widmet er sich nur noch der Sicherung entlaufener Hunde. „Es ist gar nicht mehr möglich, etwas anderes zu tun.“

Wenn Hunde weglaufen, verfielen viele Halter in „blinden Aktionismus“, sagt Krannich. Heißt: Sie laufen hinterher, rufen den Namen des Tieres, in ihrer Stimme schwingt Panik mit. Aus der Sicht des Hunde-Experten machen sie damit alles falsch. „Das Hinterherlaufen ist ein böser Fehler. Wenn man dann auch noch den Namen des Tieres brüllt und Emotionen zeigt, dann ist der Hund weg und kommt nicht wieder.“

Stattdessen rät Krannich: Den Hund laufen lassen, eine Futterspur legen, wenn möglich eine Lebendfalle präparieren. Und warten. „Meiner Erfahrung nach kommen 80 Prozent der Hunde immer wieder an den Ort zurück, an dem sie entlaufen sind.“ Dabei kann es sich um Sekunden handeln – oder um Jahre.

Ein großes Problem sieht Krannich in Einfangversuchen wohlmeinender Außenstehender. „Das ist wirklich zu einem Sport geworden.“ Sichtmeldungen auf Facebook und anderen Internetseiten sieht er deshalb zwiespältig. Einerseits können sie helfen, das Tier zu sichern und den Halter ausfindig zu machen – wie im Fall von Adam. Andererseits besteht die Gefahr, dass fremde Menschen das Tier auf eigene Faust aufspüren wollen.