Harburg
Marmstorf

„Wir arbeiten hier alle auf Augenhöhe“

Sebastian Beier (25) organisiert Bestellungen und Wareneingang in der Logistik-Abteilung

Sebastian Beier (25) organisiert Bestellungen und Wareneingang in der Logistik-Abteilung

Foto: Carlotta Sauer / HA

In den Elbe-Werkstätten sind Menschen mit und ohne Behinderung beschäftigt – ausgebildet wird dort auch.

Marmstorf.  Voller Konzentration schaut Sebastian Beier auf den Bildschirm vor ihm. Ruhig bewegt er die Computer-Maus über die von ihm geschriebene Liste. Die Maus bedient der 25-Jährige nicht mit der Hand, er bewegt sie mit dem Kopf und einer sogenannten „Head-Mouse“. Verharrt er mit dem kameragesteuerten Cursor länger auf einer Stelle der Tastatur, erscheint der entsprechende Buchstabe.

Beier arbeitet in der Abteilung „Mailing und Logistik“ der Elbe-Werkstätten, die Menschen mit Behinderungen beschäftigt. In den Arbeitshallen in Marmstorf koordiniert er Wareneingang und Bestellungen der Firma Fritz Kulturgüter GmbH, mit denen die Werkstätten zusammenarbeiten. Der 25-Jährige arbeitet von seinem elektrischen Rollstuhl aus.

Von seiner Spastik, die Sprache und Motorik erschwert, lässt er sich nicht einschränken. Berufliches regelt er immer per E-Mail. Außerdem wird er von einem freiwilligen Helfer unterstützt, der ihn gut versteht und im Zweifelsfall für die Mitmenschen übersetzen kann. Thorben Dierk (19) absolviert seit vergangenem September sein zwölfmonatiges Freiwilliges Soziales Jahr in den Elbe-Werkstätten.

Sebi, wie Beier von seinen Arbeitskollegen genannt wird, hilft seine Anwesenheit. Doch trotz Assistenzbedarf führt der junge Mann ein selbstbestimmtes Leben. Er wohnt alleine – wird lediglich von einem ambulanten Dienst unterstützt – und auch zu seinem Arbeitsplatz kommt er ohne fremde Hilfe. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln benötigt er von Barmbek nach Marmstorf 90 Minuten, per Smartphone kann er angeben, wann er in S-Bahnen ein- und aussteigen möchte.

„Mein iPhone ist mein Tor zur Welt“, sagt Beier. „Damit mache ich alles – Termine planen, kommunizieren, Musik hören.“ Mit der Nase wischt er über das Display und zeigt so Bilder vom letzten Skiurlaub. Die Pisten bewältigt er mit einem schneefesten Schlitten mit Kufen. Beier hat eine optimistische Art und geht ganz selbstverständlich mit seinem Handicap um.

Wenn er über seine Arbeit berichtet, holt er gerne weiter aus. „Ich war auch schon drei Monate in der Finanzkasse tätig, aber diese Arbeit war mir zu eintönig. Mein Kopf braucht Abwechslung. Die bekommt er bei der logistischen Tätigkeit. Ich bin gut darin, Sachen zu organisieren.“

„Genau dies ist Ziel unserer zweijährigen Berufsausbildung“, sagt Diana Otto (44), Fachdienst für Fortbildung und Entwicklung. „Wir möchten die Fähigkeiten jedes Beschäftigten fördern, ihn seinen Interessen entsprechend qualifizieren und eine für ihn passende Arbeit finden.“

Nach einem dreimonatigen Eingangsverfahren, in dem geprüft wird, ob die Personen in den Werkstattalltag passen, hospitieren sie in den verschiedenen Arbeitsbereichen wie Holzbearbeitung, Logistik und Gastronomie. Auch Beiers Weg bei den Elbe-Werkstätten begann 2010 im berufsbildenden Bereich. Zurzeit gibt es in Marmstorf sechs Berufsbildungsbereiche mit sechs Auszubildenden pro Gruppe.

Die Arbeitsbereiche sind doppelt so groß, hier kommt ein Betreuer auf zwölf Beschäftigte mit Assistenzbedarf. Koordinatorin Otto erklärt: „Das Wichtigste für den täglichen Umgang mit Menschen mit Behinderungen ist, jedem auf Augenhöhe zu begegnen. Wir sind alle gleichberechtigt.“

Der Weg durch die Arbeits- und Berufsbildungswelt der Elbe Süd gleicht einem Labyrinth, das sich durch den Standort am Nymphenweg 22 zieht. Große orangefarbene Türen sind hier die Tore zu verschiedenen Arbeitsbereichen. Schon von Weitem ist das Dröhnen der Maschinen und der Hobellärm aus dem Holzbereich zu hören. „An die Lärmbelastung müssen sich die Teilnehmer erst gewöhnen. Außerdem lernen sie hier, genau abzumessen und um die Ecke zu denken“, sagt Otto.

Gegenüber findet zeitgleich ein soziales Kompetenztraining statt, dass die Teilnehmer in Rollenspielen in der Kommunikation und dem Umgang mit sich selbst und anderen schult. Im hauswirtschaftlichen Berufsbildungsbereich bereiten sechs junge Leute Wraps vor, die sie während der Frühstückspause verkaufen. Mit dem Gong strömen alle Werkstattmitarbeiter in die große Kantine. Es wird geredet, gelacht, es ist laut. Die Stimmung ist gelöst und familiär. Nach einem weiteren Gong geht es zurück an die Arbeit.

Von 7.30 bis 15.30 Uhr werden in den Werkstätten Bodenleisten beklebt, Pakete verschickt, Schrauben einsortiert, Dokumente eingescannt und so digitalisiert. Die Arbeitszeiten sind flexibel und können für jede Person mit Assistenzbedarf an seine Bedürfnisse angepasst werden. Anpassung und kreative Lösungsansätze prägen die gesamte Arbeit der Elbe-Werkstätten.

Sigrid Wollmann (55), seit zehn Jahren Betriebsleiterin Rehabilitation von Elbe Süd, fasst zusammen: „Uns geht es um mehr als Qualifizierung und Beschäftigung. Wir unterstützen die Beschäftigten mit Assistenzbedarf auf ihrem Berufsweg, aber auch darin, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Wir befähigen sie dazu, eine Wahl zu haben.“

3100 Beschäftigte

Die Elbe-Werkstätten GmbH ist Arbeitgeber für 3100 Menschen mit Behinderung. Rund 200 von ihnen sind an externen Arbeitsplätzen in Unternehmen der freien Wirtschaft tätig. 2011 erfolgte die Fusion mehrerer Einzelwerkstätten zur heutigen Elbe-Werkstätten GmbH. Mit 50 Standorten im Großraum Hamburg ist sie die bundesweit größte Werkstatt für Menschen mit Behinderungen.

Zielsetzung ist die „Qualifizierung und Eingliederung in den beruflichen Alltag – auch im allgemeinen Arbeitsmarkt.“ Mehr als die Hälfte aller Beschäftigten haben eine geistige Behinderung, rund ein Fünftel ist psychisch erkrankt und zwölf Prozent haben eine Körper- oder Mehrfachbehinderung. Die Elbe-Werkstätten teilen sich in die Dienstleistungstochter PIER Service & Consulting GmbH sowie sechs Betriebsstättenverbände ein.