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Schüler lesen der Politik die Leviten

Jugendtheaterprojekt "Als die Tiere streikten" in Jesteburg Hier: Die Tiere beraten, wie dem Wahnsinn der Welt beizukommen ist

Jugendtheaterprojekt "Als die Tiere streikten" in Jesteburg Hier: Die Tiere beraten, wie dem Wahnsinn der Welt beizukommen ist

Foto: Lutz Kastendieck / HA

Kammerspiele-Ensemblebeschäftigt sich mit den Problemen unserer Zeit. Es geht um die Umwelt, Trump und Rettung der Welt.

Jesteburg.  Die Uhr auf dem Plakat für das Theaterstück „Als die Tiere streikten“ zeigt es deutlich an: Es ist 5 vor 12! So dreht sich die Hommage an Erich Kästner, die am kommenden Sonnabend, 10. Februar, um 16 Uhr im Jesteburger Gemeindehaus St. Martin Premiere hat, vor allem um die Frage: Ist diese, unsere Welt eigentlich noch zu retten? Es ist ein äußerst ambitioniertes Vorhaben, dem sich das junge Ensemble um die erfahrene Regisseurin Loretta Wollenberg stellt. Doch die existenzielle Frage tangiert letztlich die Jugend besonders. Was für eine Welt erbt sie von ihren Eltern und Großeltern? Und welche Zukunftschancen wird sie noch bieten, wenn alles so weiter geht wie bisher?

„Als ich das Ensemble der Kammerspiele Gunther Malzacher im Herbst 2016 mit der Idee konfrontierte, stieß ich sofort auf reges Interesse“, erinnert sich Loretta Wollenberg. Überrascht habe sie das keineswegs. Kästners 1949 erschienener Roman „Die Konferenz der Tiere“ sei schließlich aktueller denn je. Kriegerische Konflikte gebe es noch immer viele, ebenso wie grassierenden Hunger und Armut sowie ungehemmte Umweltzerstörung. Wollenberg: „Dass Jugendliche diese Themen beschäftigen, ist doch nachvollziehbar.“

Dass sich die Generation Smartphone mit ihnen in einem Theaterstück auch aktiv auseinandersetzt, indes weniger. „Ich finde das aber hochinteressant und spannend“, sagt Lâle Yaman. Schließlich sollte sich vor allem die junge Generation Gedanken über den Zustand der Welt machen: „Die Alten müssen mit den Konsequenzen ihres Handelns nicht so lange leben, wie wir. Deshalb sollten wir mehr Verantwortung übernehmen.“

Mit 28 Jahren ist die Buchhändlerin aus Jesteburg die Älteste und Erfahrenste im Ensemble, dessen Gros zwischen 12 und 16 Jahre alt ist. Es ist bereits ihre vierte Produktion mit Loretta Wollenberg. Lâles Reife und Routine hat ihr denn auch die anspruchsvollste Rolle eingetragen, die zu vergeben war: US-Präsident Donald Trump.

„Das ist schon eine extreme Erfahrung. So zu sein wie er, finde ich schwierig“, sagt Lâle. Sie habe sehr viele Nachrichten geschaut, wie auch eine Parodie mit Alec Baldwin. „Oft denke ich: So dumm kann man als mächtigster Mann der Welt doch nicht sein.“ Immer wieder blase er seine Ansichten in die Welt hinaus, ohne sich der Konsequenzen seiner Worte bewusst zu sein. Das hätte unlängst erst wieder die Ankündigung bewiesen, Israels Hauptstadt nach Jerusalem zu verlegen.

So habe sich seit Kästners erstem Roman nach dem Zweiten Weltkrieg kaum etwas verändert. Eine internationale Konferenz, wie jüngst der verstörende G20-Gipfel in Hamburg, folgt der anderen, ohne dass die Kernprobleme der Menschheit gelöst werden. Das reflektieren die Jugendlichen aber nicht nur in den Sphären internationaler Diplomatie. Das sehen sie auch vor der eigenen Haustür.

Jeder Deutsche sorgt für37 Kilo Plastikmüll pro Jahr

„Naturschutz und umweltbewusstes Handeln sind Themen, die uns alle angehen und bei denen wir einen eigenen Beitrag leisten können“, sagt Finn Ole Frommhold. Der 19 Jahre alte Abiturient, der vor dem Studium erstmal eine Ausbildung zum Mechatroniker absolvieren will, ist der einzige männliche Akteur unter einem Dutzend junger Damen. Was seine Spielfreude aber nur anspornt. „Da gibt es die Szene mit den ganzen umherfliegenden Coffee-to-go-Bechern. Sie zeigt, wie gedankenlos viele Menschen mit wertvollen Ressourcen umgehen“, so Frommhold. Dass jeder Deutsche im Schnitt 37 Kilo Plastikmüll pro Jahr verursache, sei doch Wahnsinn.

Nicht minder wichtig findet Laila Kubasch die kritische Betrachtung des Umgangs mit digitalen Geräten und sozialen Netzwerken. Sie hätten großen Einfluss auf die zwischenmenschlichen Beziehungen – und diese schon stark verändert. „Die Menschen sollten wieder mehr miteinander reden und weniger herumdatteln“, sagt die 13-Jährige. Dass praktisch schon jeder Viertklässler ein Handy habe, finde sie „einfach nur krass“ und äußerst bedenklich.

„Im intensiven Gedankenaustausch zu unserem Theaterstück spielten die neuen Medien und deren exzessive Nutzung eine große Rolle“, sagt Loretta Wollenberg. Es sei deutlich geworden, dass sich die Jugendlichen eine Welt wünschen, die sie noch fühlen können, in der das haptische Erlebnis nicht vollends von smarter Technik verdrängt werde: „Videospiele auf der Couch mögen ihren Reiz haben, doch aktiv Sport zu treiben eben auch. Und viele wollen später ihr Auto noch selbst lenken und das nicht irgendeinem Chip überlassen.“ All das werde in dem Stück ebenso thematisiert, wie die große Politik.

Am Ende seines Buches lässt Kästner den Elefanten Oskar sagen: „Wir werden die Welt schon in Ordnung bringen! Wir sind ja schließlich keine Menschen!“ Das wollen Wollenbergs Protagonisten so nicht stehen lassen. „Wir müssen aktiv werden. Wir haben es selbst in der Hand“, sagt Lale.

Casting für den „Zauberer von Oz“

Gegründet wurde das Ensemble der Kammerspiele 2012 nach einem Casting in der Jesteburger Buchhandlung.

Zu den Requisiten des Stücks gehören auch viele Bücher, die von den Zuschauern am Ende mitgenommen werden können.

Für das Stück „Der Zauberer von Oz“ findet am 17. Februar ein Casting in der Kunststätte Bossard statt.