Harburg
Arbeitsmarkt

„Amazon hat hohe Bedeutung für lokalen Arbeitsmarkt“

Sönke Fock (Hamburg) und Kerstin Kuechler-Kakoschke auf dem Dach der Arbeitsagentur in Hamburg

Sönke Fock (Hamburg) und Kerstin Kuechler-Kakoschke auf dem Dach der Arbeitsagentur in Hamburg

Foto: Rolf Zamponi / HA

Kerstin Kuechler-Kakoschke und Sönke Fock, Chefs der Arbeitsagenturen für den Kreis Harburg und Hamburg, über die Chance auf Vollbeschäftigung.

Rolf Zamponi

Volle Auftragsbücher, neue Produktionsstätten, mehr Jobs – vom starken Wirtschaftswachstum profitiert der Arbeitsmarkt in Stadt und Landkreis Harburg. Die Arbeitslosenquoten sinken weiter, im Landkreis im Schnitt von 2017 auf 4,1 Prozent, im Bezirk liegt sie aktuell bei 8,4 Prozent. Ist im Landkreis Harburg sogar Vollbeschäftigung mittelfristig denkbar, von der Experten bei einer Quote von etwa drei Prozent sprechen? „Grundsätzlich glaube ich das, die Rahmenbedingungen sind sehr gut“, sagt Kerstin Kuech­ler-Kakoschke, Chefin der Arbeitsagentur Lüneburg-Uelzen.

Auch Sönke Fock, der die Arbeitsagentur in Hamburg leitet, sieht gute Chancen, die Quote der Erwerbslosen weiter zu senken: „Der Trend geht in die richtige Richtung.“ Seit dem Frühjahr 2011 seien die Arbeitslosenzahlen rückläufig. Zuvor lagen die Quoten lange im zweistelligen Bereich. Wobei eine weitere Senkung der Quote für Harburg deutlich schwieriger zu erreichen sei.

„Es ist eine Tatsache, dass viele Bewohner aus dem Umland in Hamburg arbeiten. Zum anderen haben wir in den Stadtgrenzen ein deutlich anderes Klientel“, so Fock. Dafür bietet der Bezirk Harburg ein Beispiel. Dorthin zieht es nicht nur viele Migranten, sondern auch einkommensschwache Familien. „Der Bezirk Harburg verzeichnet einen gänzlich anderen Zuzug als der Landkreis“, sagt Fock.

Eine besondere Herausforderung stellt für beide Agenturchefs die Integration von Flüchtlingen dar. „Hier sind unzureichende Deutschkenntnisse noch immer ein Haupthindernis. Sie sind für Ausbildung und Qualifikation aber unabdingbar“, sagt Kuechler-Kakoschke. Hinzu kommt, dass unser duales System in vielen Herkunftsländern der Migranten unbekannt ist.

Dennoch sei es im Vorjahr gelungen, 257 Flüchtlinge zu vermitteln. 46 von ihnen haben eine Ausbildung aufgenommen. Einen großen Anteil an dieser beeindruckenden Bilanz hatte das neue Amazon-Zentrallager in Winsen. Hintergrund: Für die hier angebotenen Jobs sind Deutschkenntnisse keine zwingende Voraussetzung.

Überdies ist die Amazon-Dependance auch ein Beispiel für die enge Kooperation zwischen den Agenturen, stammen doch 60 Prozent der 1800 vermittelten Beschäftigten aus Hamburg. Für sie gibt es inzwischen sogar einen Shuttle-Service, der am Hauptbahnhof startet.

„Ob man das nun wahrhaben will oder nicht: Amazon hat eine besondere Bedeutung für den hiesigen Arbeitsmarkt“, sagt Fock. Die Suchprofile des US-Unternehmens seien offen angelegt und die Federführung bei der Eingliederung hoch professionell.

Daran ändere auch das angekratzte Image des Handelsriesen durch jüngste Medienberichte zur Videoüberwachung von Mitarbeitern nichts. Fock: „Für uns ist entscheidend, dass die dort offerierten Stellenangebote gesetzeskonform sind, etwa hinsichtlich der Bezahlung, Arbeitsschutz und Arbeitsbedingungen. Und das sind sie.“

Problematisch sind für die Agenturen die oft zu langen Verfahren zur Klärung der Bleibeperspektive vieler Flüchtlinge. „Die Klarheit über den Aufenthaltsstatus ist für unsere Vermittlung aber essenziell“, sagt Fock. So gebe es in Hamburg etwa eine große afghanische Gemeinschaft, die nur befristeten, subsidiären Schutz genieße.

Die Zustimmung zu einer dreijährigen Ausbildung plus zwei Jahren Berufstätigkeit ist der einzige Weg für eine mittelfristige Perspektive. Immerhin sei es gelungen, im Vorjahr 2800 Flüchtlinge auf diese Weise zu integrieren, also etwa 14 Prozent aller Flüchtlinge. Doch unabhängig von der Dauer des Aufenthalts in Deutschland gehe es darum, Kompetenzen zu erkennen und zu entwickeln. Fock: „Damit sie etwas mitnehmen können, wenn es an den Wiederaufbau des Heimatlandes geht. Das betrachten wir als gelebte Entwicklungshilfe.“

Vom zunehmenden Fachkräftemangel profitiert unterdessen ein Bewerberkreis, der in der Vergangenheit oft nur schwer zu vermitteln war: ältere Arbeitssuchende ab 50 Jahren. „Hier hat sich ein beträchtlicher Wandel vollzogen“, sagt Kerstin Kuechler-Kakoschke.

Fehlende Qualifikation hätte früher eine deutlich höhere Hürde dargestellt: „In Zeiten einer wachsenden Zahl an Engpassberufen werden heute alternative Einsatzmöglichkeiten wesentlich intensiver gecheckt.“ Das betrifft insbesondere den gesamten Dienstleistungssektor, den Einzelhandel, aber auch das Telefonmarketing.

Aus Sicht von Sönke Fock spielen bei der Vermittlung älterer Arbeitnehmer aber auch psychologische Probleme eine Rolle: „Etwa das Eingeständnis, dass die eigene Qualifikation oftmals nicht mehr ausreicht, um auf dem aktuellen Arbeitsmarkt die gewohnten Einkünfte zu erzielen.“ Im Landkreis stellt sich zudem das Problem der Mobilität. „Nach Hamburg kommt man vergleichsweise einfach. Aber die Verbindungen des öffentlichen Personennahverkehr innerhalb des Kreises erweisen sich oft als hemmender Faktor“, sagt Kuechler-Kakoschke.

Um vor allem ältere Frauen und Männer und Langzeitarbeitslose besser vermitteln zu können, haben beide Agenturen im Jahr 2013 die Integrationsinitiative INGA gestartet. Kommen auf einen Berater normalerweise 300 Arbeitssuchende, so sind es im INGA-Bereich nur 65. „Damit können wir Kunden deutlich intensiver beraten und auf dem Weg zurück in die Erwerbstätigkeit begleiten“, so die Agenturchefin. Die Bewerber müssten im Gegenzug bereit sein, das Lernen wieder zu lernen. Und dabei in immer stärkerem Maße Anpassungsqualitäten beweisen.

Mit einem gewaltigen Umbruch sehen sich derweil auch Schulabgänger konfrontiert. War früher die Palette der Ausbildungsberufe noch relativ überschaubar, so stehen heute rund 300 zur Auswahl. Hinzu kommt, dass es in Hamburg knapp 11.800 Ausbildungsplätze auf knapp 9900 Bewerber kommen.

„Das hohe Angebot hat allerdings auch eine Schattenseite: Viele Jugendliche lassen sich mit ihrer Wahl viel Zeit und orientieren sich deutlich zu spät“, sagt Fock. Wichtig sei aber, gemäß der individuellen Fähigkeiten und Talente frühzeitig eine Bewerbungsstrategie zu entwickeln. Dabei würden auch den Eltern als Berater eine wachsende Rolle zufallen.

Als großen Erfolg bewerten beide Agenturchefs die Jugendberufsagenturen (JBA), zu deren engen Partnern auch die Kommunen und Jobcenter zählen. Als eine der ersten in Hamburg wurde Anfang September 2012 die JBA in Harburg gegründet. Der Landkreis Harburg soll spätestens 2019 eine bekommen. „2018 brauchen wir noch für die Vorbereitung“, sagt Kuechler-Kakoschke.

„Die JBA leisten einen wertvollen Beitrag beim Übergang von der Schule in die Berufsausbildung. Damit auf diesem Weg niemand verloren geht, werden bereits vorab alle wichtigen Daten über die Schulabgänger erhoben. Das schafft Transparenz und ermöglicht jederzeit einen Überblick, wer noch Bedarf hat“, erklärt Fock.

Positiv ausgewirkt hätte sich in diesem Zusammenhang zudem das verpflichtende Fach Berufsorientierung in Stadtteilschulen ab Klasse 8. Trotz aller Anstrengungen seien in Hamburg am Stichtag 30. September 2017 von knapp 10.000 Bewerbern dennoch etwa 1400 ohne Lehrvertrag geblieben.

„Auch wenn die Arbeitslosenzahlen in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken sind, der Bedarf an einer qualifizierten, lebensbegleitenden Beratung durch die Agenturen steigt“, sagt Kerstin Kuechler-Kakoschke. „Wir brauchen pro Bewerber mehr Zeit.“ Die zunehmende Digitalisierung revolutioniert die gesamte Arbeitswelt durch den stetigen Wandel von Berufsbildern. „Qualifizierungen im Job oder für einen neuen Job wird immer notwendiger“, sagt Fock. „Wir müssen Firmen und Arbeitnehmern eine Orientierung geben. Uns geht die Arbeit nicht aus.“

Die Chefin

Kerstin Kuechler-Kakoschke (52) ist Diplom-Kauffrau und begann 1993 direkt nach dem Studium bei der Bundesanstalt für Arbeit als Trainee. Zuletzt hatte sie Führungspositionen im Jobcenter Region Hannover sowie in der Regionaldirektion Niedersachsen-Bremen inne. Seit dem 1. September ist sie Chefin der Agentur für Arbeit Lüneburg-Uelzen und für die Landkreise Harburg, Lüneburg, Uelzen und Lüchow-Dannenberg zuständig. Kuechler-Kakoschke ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter.

Der Chef

Sönke Fock (56) ist Jurist und hat am 1. Juli 1990 bei der Bundesagentur begonnen. Über Stationen in Neumünster, Neubrandenburg, Lübeck, Kiel und erstmals als Agenturchef wieder in Neubrandenburg kam Fock nach Berlin. Zuvor hatte er in der Zentrale in Nürnberg die Hartz-Reformen mit vorbereitet. Seit dem 1. Mai 2011 steht er an der Spitze der Arbeitsagentur Hamburg, der größten bundesweit. Damit ist Fock Chef von knapp 3000 Mitarbeitern bei der Agentur und beim Jobcenter. Fock ist ledig.