Harburg
Buchholz/Harburg

Schüler wollen weniger „Mami-Taxis“

Gehörten zu den Siegern des Buchholzer Wettbewerbs zur Reduzierung von „Mami-Taxis“: die „Robbenklasse“ der Waldschule

Gehörten zu den Siegern des Buchholzer Wettbewerbs zur Reduzierung von „Mami-Taxis“: die „Robbenklasse“ der Waldschule

Foto: Lutz Kastendieck / HA

Buchholzer Liste regte einen Wettbewerb an, um den auswuchernden Fahrservice vieler Eltern einzudämmen. Stadtrat zeichnet drei Projekte aus.

Buchholz.  Es ist längst ein gewohntes Bild vor Schulen in Stadt und Landkreis Harburg. Morgens zwischen 7.30 und 8 Uhr werden im Sekundentakt Kinder vorgefahren. Auch in Buchholz hat diese Praxis in den vergangenen Jahren drastisch zugenommen. Im November 2015 regte die Fraktion Buchholzer Liste (BuLi) im Stadtrat deshalb einen Schul-Wettbewerb an, um einen Diskurs über das „Phänomen Taxi-Mamis“ in Gang zu setzen.

„Eine Studie der Uni Wuppertal hat aufgezeigt, dass Schulkinder, die zu Fuß zur Schule gehen, sicherer leben als solche, die mit dem Auto gebracht werden“, sagt Andreas Eckhoff. Mehr noch würden „Taxi-Mamis“ andere Kinder auf deren Schulweg nicht selten gefährden. Das sei auch ein Grund, warum Buchholzer Eltern ihre Sprösslinge nur ungern mit dem Rad zur Schule fahren ließen. „Das wird für viele schlicht als zu unsicher empfunden“, so Eckhoff.

Die Initiative der BuLi fand tatsächlich Widerhall in der Buchholzer Kommunalpolitik. Zwar wurden von dem ursprünglich vorgeschlagenen 6000-Euro-Preisgeld für die drei besten Projekte zum Thema nur 2000 bewilligt. Dennoch gab es für die Erstauflage des Wettbewerbs gleich sechs Bewerbungen von fünf Schulen. Aus denen hat eine Ratsjury schließlich drei Preisträger ausgewählt.

Am Mittwochvormittag hatte sich Bürgermeister Jan-Hendrik Röhse auf den Weg gemacht, um die Urkunden und Schecks persönlich zu überreichen: Im Albert-Einstein-Gymnasium, in der Mühlenschule sowie in der Waldschule.

Dort herrschte in der Klasse 3 d bereits morgens gespannte Vorfreude. Kommt schließlich nicht alle Tage vor, dass das Stadtoberhaupt zu Gast ist.

Röhse lobte den Einsatz, mit dem sich die Jungen und Mädchen der „Robbenklasse“ an dem Wettbewerb beteiligt hatten. Denn beworben hatten sie sich mit einer 20-seitigen XXL-Zeitung im A 2-Format. „Das war schon sehr beeindruckend. Und hat gezeigt, wie ernsthaft ihr euch mit dem Thema befasst habt“, sagte er.

Sechs der „Robbenkinder“ werden täglich chauffiert

Von den Schülern erfuhr der Bürgermeister dann, dass ihr Wettbewerbsbeitrag tatsächlich ein Gemeinschaftswerk aller gewesen sei, wie Emma versicherte. Nachdem der Erste das Plakat mit dem Aufruf entdeckt habe, seien sich die Schüler rasch einig gewesen, ihre Meinung zum Thema in einer Fotostory darzustellen, so Kiana. „Das bot sich geradezu an, weil wir an dem Projekt fächerübergreifend arbeiten konnten: in Deutsch, Kunsterziehung und Sachkunde“, berichtete Klassenlehrerin Bettina Milt. Unterstützung erhielt sie dabei von ihrem Kollegen Klaas Waßmuth-Vietheer. Der Kunstlehrer erklärte sich sofort bereit, die Fotos beizusteuern.

Fehlte nur noch eine überzeugende Storyline. Doch auch die fand sich schneller als gedacht. „In zwei Arbeitsgruppen erarbeiteten die Schüler mit großem Einfallsreichtum ein Drehbuch, in das viele interessante Ideen einflossen“, sagt Bettina Milt.

Zur Hauptfigur wurde Ben Noah. Weil er ziemlich weit weg wohnt, wird er täglich von seiner Mutter mit dem Auto zur Schule gefahren. Das nervt nicht nur, weil sie ihn beständig mit lästigen Fragen traktiert. Sondern weil er unterwegs oft seine Mitschüler sieht, wie sie fröhlich gemeinsam zu viert und zu fünft zur Schule pilgern.

Dabei machen sie immer wieder interessante Entdeckungen. Sie beobachten am Wegesrand Eichhörnchen, Hunde und Katzen. Und immer ist da einer von ihnen, der was Spannendes oder Lustiges zu erzählen hat. Klar, wäre Ben Noah da am Liebsten dabei. Das wünscht er sich selbst, das wünschen ihm aber auch seine Klassenkameraden.

Tatsächlich werden nur sechs der 23 „Robbenkinder“ regelmäßig mit dem Auto zur Schule gebracht. „Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil es sich bei der 3 d um eine Montessori-Klasse handelt, für die die Einzugsgebiete aufgehoben sind“, sagt Schulleiterin Kirsten Fuhrmann. Da die Schüler indes auch aus Trelde und Sprötze kämen, sei es in Einzelfällen unvermeidlich, dass sie von ihren Eltern gebracht und nachmittags wieder abgeholt würden.

Neuauflage des Wettbewerbs ist bislang noch ungewiss

„Wünschenswert wäre es dann aber, wenn die Eltern dafür die zehn Kiss & Ride-Parkplätze auf dem Schützenplatz nutzen würden, die die Stadt extra eingerichtet hat, und ihre Kinder nicht irgendwo absetzten“, mahnt Fuhrmann. Noch besser wäre freilich der Umstieg aufs Fahrrad oder die Schulbusse, wo immer es geht. Um dafür gleich bei den nächsten Erstklässlern zu werben, werde die Fotostory der 3 d jetzt digitalisiert, um sie bei Eltern- und Schulversammlungen künftig präsentieren zu können.

„Ob es zu einer Neuauflage des Wettbewerbs kommt, will der Rat erst entscheiden, wenn die Schulen nach einem Jahr berichten, ob ihre Projekte tatsächlich etwas bewirkt haben“, sagte Stadtsprecher Heinrich Helms.

Kiss & Ride

69 Prozent des gesamten Autoverkehrs in Buchholz entfallen laut einer Analyse für das Mobilitätskonzept 2025 auf Fahrten innerhalb der Stadt.

Deutlich zugenommen hat der Anteil von Elternfahrten zwischen Wohnort und Schule. Dabei verfügt die Nordheidestadt über ein dichtes Netz von Schulbuslinien.

In der Schweiz wurde unlängst ein Gesetz diskutiert, das Eltern verbieten sollte, ihre Kinder morgens direkt zu Schule zu fahren.

Mehrere deutsche Städt e wie etwa Cuxhaven und Köln haben in den vergangenen Jahren die Ausweisung von Halteverbotszonen vor Schulen und Kindergärten forciert.

Buchholz hat im Zuge des Ausbaus der Parkstraße die Schülerverkehre auf den Schützenplatz verlegt und in diesem Zusammenhang zehn Kiss & Ride-Parkplätze angelegt.

Der massive Auftrieb von Elterntaxis vor der Grundschule Alte Forst im Harburger Stadtteil Eißendorf führte im August 2012 dazu, die Straße In der Alten Forst zwischen sieben und neun Uhr zur Einbahnstraße zu erklären. Am morgendlichen Chaos geändert hat das kaum etwas.

KOMMENTAR

Traut den Kindern wieder mehr zu!

„Kurze Beine, kurze Wege“, lautete mal eine gängige und sehr vernünftige Devise. Jeder Schüler sollte seine Schule allein und am besten zu Fuß erreichen.

Das gilt offenbar schon lange nicht mehr. Früher festgeschriebene Schuleinzugsgebiete wurden vielerorts immer mehr aufgeweicht. Und findige Eltern in „Grenzgebieten“, hier zwischen Niedersachsen und Hamburg, schicken ihre Sprösslinge immer öfter sogar im benachbarten Bundesland zur Schule.

In Hamburg räumt man Elternwünschen bei der Schulwahl für ihre Kinder gern höchste Priorität ein. Und feiert Erfüllungsgrade jenseits der 90-Prozent-Marke ausdrücklich als „überaus positives Ergebnis“.

So geht man zwar lästigen Auseinandersetzungen aus dem Weg, nimmt aber gleichzeitig billigend in Kauf, dass auch Heerscharen von Grundschülern tagtäglich zur Schule chauffiert werden.

Was sich dabei insbesondere morgens zwischen 7.30 und 8 Uhr vor vielen Schulen abspielt, ist teilweise abenteuerlich und führt nicht selten zu chaotischen Verhältnissen. Zumal die Karossen gefühlt mit jedem Jahr größer und massiger werden. Längst finden sich in den Blechlawinen vor den Schulen auch viele schwere Geländewagen aller Marken.

Natürlich gibt es im ländlichen Raum entlegene Winkel, aus denen die Anfahrt zur Schule schwierig ist. Allerdings dürften trotzdem viele Touren übertriebener Fürsorge, dem Hang zur Bequemlichkeit oder schlechtem Zeitmanagement geschuldet sein.

Dabei gilt längst als valide belegt, dass der selbstständige Gang zur Schule Selbstbewusstsein und Eigenverantwortung der Kinder stärkt. Und sie überdies fitter macht, physisch wie mental.