Adolphsens Einsichten

Die heilende Kraft des Lachens

Ex-Michel-Pastor Helge Adolphsen schreibt 14-täglich über die kleinen Erlebnisse des Alltags

Ex-Michel-Pastor Helge Adolphsen schreibt 14-täglich über die kleinen Erlebnisse des Alltags

Foto: Klaus Bodig / HA / Klaus Bodig

Ex-Michel-Pastor Helge Adolphsen macht sich diesmal Gedanken über die „Clown-Visite“ in Hamburgs Kliniken.

Seit zwei Jahren lebt unsere alte Freundin im Pflegeheim. Kurz vor Weihnachten haben wir sie besucht. Wir begrüßen Sie auf der Station für Demente. Sie sitzt im Rollstuhl. Sie erkennt uns nicht mehr. Ich nenne sie bei ihrem Namen, erzähle von unseren Besuchen in ihrem schönen Haus und Ihrem gepflegtem Garten. Sie antwortet nicht, spricht unverständliche Worte. Ihr Blick wandert immer wieder in dem großen Saal zu den beiden Clowns, die dort ihre Späße machen.

Manchmal lächelt sie, wenn die beiden Frauen mit ihrer roten Nase und den bunten Kostümen Faxen machen. Sie schicken Seifenblasen in die Luft. Die eine Clownin hat eine Ukulele dabei. Beide fangen an, Volkslieder zu singen. Dann fordern sie alle Anwesenden auf mitzusingen. Einige fallen ein: „Das Wandern ist des Müllers Lust…“ Beim Singen werden Erinnerungen oder Erinnerungsreste wach und aktiviert.

Ich kenne die Hamburger Klinik-Clowns und ihre Arbeit. Im Oktober des vergangenen Jahres haben sie ihr 15-jähriges Jubiläum gefeiert. Anfang November 2017 fand in der Friedrich-Ebert-Halle in Heimfeld ein Benefizkonzert für die Arbeit des Vereins statt. Mit dem inzwischen so bekannten wie erfolgreichen Chor „Gospel Train“ unter Peter Schult. Die Clowns gehen seit ihrer Gründung ins UKE und in andere Krankenhäuser. Besonders gern auf die Kinderstation. Ihren Einsatz dort nennen sie „Clown-Visite“.

Für die kleinen Kinder ist ihr Besuch eine mehr als willkommene Abwechslung im oft tristen und anstrengenden Tagesablauf. Die Spaßmacher kämpfen gegen die seelischen Belastungen und sorgen für Inseln des Glücks. Die Kinder vergessen dann für einen Augenblick ihre Angst und ihre Schmerzen. Auf einem Video des Vereins kann man das erleben. Ein gut zweijähriges Kind lacht und lacht und lacht.

Die ausgebildeten Clowns wissen darum, dass Lachen für diese Kleinen, aber auch für alle kranken Menschen, die beste Medizin ist. Clownbesuche sind Beziehungspflege mit Humor. Eine Clownin sagt es so: „Ein Lächeln ist die kürzeste Entfernung zwischen Clown und Kind.“

Die Lachforschung, die Gelotologie – welch klingender Name! – hat das nachgewiesen. Beim Lachen werden nicht nur 135 Muskeln aktiviert. Schmerzpatienten erfahren nach einigen Minuten des Lachens Erleichterung. Der Grund: Beim Lachen produziert der Körper entzündungshemmende Stoffe.

Die Clowns gehen auch in Hospize, Altenheime und in den „Kupferhof – Hände für Kinder“ in Wohldorf, eine segensreiche Einrichtung, die Ferien für schwer behinderte Kinder und ihre Eltern anbietet. Auch dort ist Lachen kostbar. Ich las von zwei Clowninnen, die regelmäßig ein Seniorenheim aufsuchen. Beide haben ein Gespür entwickelt, wann sie leise und behutsam sein müssen.

Sie berichten von einer Frau, die sich nicht gern berühren lässt. Manchmal schlägt sie die Hand der Clownin energisch zurück. Die hat erfahren, dass die Frau früher einen Dackel hatte. Nun spielen die beiden Hundetrainer und Hund. Die eine zeichnet mit ihren Armen einen Reifen in die Luft, die andere springt hindurch. Und erhält prompt ein Leckerli. Dann streichelt sie den Dackel Waldi. Die alte Dame strahlt über das ganze Gesicht und tätschelt Waldi den Kopf.

Mich hat sehr bewegt, was ich über einen Besuch in einem Hospiz las. Die alte Frau lag im Sterben. Die beiden Clowninnen haben sich ganz nah an ihr Bett gesetzt und ihr noch einmal Musik von Tschaikowski auf der Ukulele vorgespielt. Nur ganz leise war die Melodie zu hören. Die sterbende Frau hat sie wahrgenommen.

Die Nachfrage nach Clown-Visiten ist in Hamburg in den vergangenen Jahren gestiegen. Der rührige gemeinnützige Verein konnte im letzten Jahr gut 1500 Einsätze der Humorbotschafter durchführen. Er finanziert sich durch Spenden. Die rührige Vorsitzende Kathrin Schnelle sagt dazu: „Viele Erinnerungen und kostbare Momente mit den wunderbaren Klinik-Clowns wurden für mich beim Jubiläum wieder wach und damit eine große persönliche Dankbarkeit.“

Und ich frage mich und Sie mit Charles Dickens: „Gibt es schließlich eine bessere Form, mit dem Leben fertig zu werden, als mit Liebe und Humor?“