Harburg
Buchholz

Von der Pflegekraft zur Ärztin – ein verrückter Weg

Dr. Alexandra Schiemang (42) studierte parallel zur Arbeit als Pflegefachkraft

Dr. Alexandra Schiemang (42) studierte parallel zur Arbeit als Pflegefachkraft

Foto: Katharina Geßler / HA

Alexandra Schiemang studierte und arbeitete parallel im Seniorenheim. Nun hat sie die Approbation zur Ärztin.

Buchholz.  Wo ein Wille ist, ist ein Weg, heißt es. Alexandra Schiemang ist ihren Weg gegangen, trotz vieler Widrigkeiten und mancher Schicksalschläge. Mit 42 Jahren hält die aus Kasachstan stammende Medizinerin jetzt ihre Zulassung als Ärztin in den Händen. Als sie die letzte Prüfung bestanden und die Approbation in der Tasche hat, kann sie es kaum glauben: Es fließen Tränen – bei ihr, aber auch manchem aus ihrer Familie. Und im Innern der frischgebackenen Ärztin keimt da plötzlich dieser Wunsch auf, den sie über Jahre stets im Keim erstickt hat: „Endlich ausschlafen!“

Die blonde Frau mit dem offenen Gesicht, deren herzliche Ausstrahlung mindestens so einnehmend ist wie ihr charmanter Akzent, hat während des gesamten sechsjährigen Medizinstudiums als Pflegefachkraft im Kursana Domizil Buchholz gearbeitet. „Ohne die Unterstützung der Direktorin, meiner Chefin Andrea Buro, und der Kollegen hätte ich das Studium nicht geschafft“, sagt Alexandra Schiemang. Motiviert habe sie auch die große Anteilnahme der Bewohner des Domizils: „Die Senioren haben bei jeder Prüfung mitgefiebert.“ Sie sind stolz auf „ihre“ Ärztin, genau wie Alexandra Schiemangs Familie: ihre Eltern, ihr Mann und ihre beiden Söhne.

Dass die Medizin ihr Ding ist, wusste Alexandra Schiemang früh. Sie begründet das mit einer Art Familientradition. Ihre Großmutter war Hebamme, ihre Mutter ist Neurologin: „Ich bin mit medizinischen Fachbegriffen aufgewachsen.“ Da war es nur folgerichtig, dass sie nach der Ausbildung zur Krankenschwester ein Medizinstudium begann. Doch 1998 war Schluss damit. Wegen des Zusammenbruchs der Infrastruktur in Kasachstan entschließt sich die deutschstämmige Familie, zu der ihr Vater, ein Pilot, und der ein Jahr jüngere Bruder gehört, zur Umsiedlung nach Deutschland.

Putzen gehen war keine Option

Erste Station der Familie ist das Auffanglager Friedland. Nicht gerade ein Ort, an dem Träume gedeihen. Eher einer, an manch ein Wunsch an der Realität zerschellt. Dass Alexandras Weg voller Steine sein wird, zeigt sich spätestens hier. Sie spricht kein Wort Deutsch und ihre Ausbildung wird nicht anerkannt. Mehr als ernüchternd auch die Begegnung mit Beratern des Arbeitsamtes.

Die sehen für die junge Frau nur eine Chance: Sie soll putzen gehen. Für Alexandra Schiemang, damals Anfang 20, ist das keine Option. Was sie auszeichnet, ist die seltene Gabe, nach den Sterne zu greifen und gleichzeitig nie die Bodenhaftung zu verlieren – eine offenbar erfolgversprechende Variante von Pragmatismus. Jedenfalls schafft sie es: Sie lernt Deutsch und bekommt nach einjähriger Weiterbildung die Anerkennung als Krankenschwester.

Buchholz wird zur neuen Heimat der Familie aus Kasachstan. Alexandra arbeitet als Krankenschwester im Krankenhaus und lernt hier ihren späteren Ehemann kennen. Nach der Heirat bekommt das Paar (2001 und 2007) zwei Söhne, und die junge Mutter beginnt neben der Arbeit ein Fernstudium in Pflegemanagement. Sie erkennt zwar schnell, dass das nicht ihr Ding ist („Ich hab’s nicht so mit Zahlen“). Trotzdem schließt sie es erfolgreich ab.

Die Stelle als Pflegefachkraft im Kursana Seniorenheim tritt sie an, weil die Arbeitszeiten besser mit dem Familienleben zu vereinbaren sind und: „Weil die Chemie stimmte“. Alexandra hatte dort gerade angefangen, als sie nach mehreren Absagen endlich die Zusage für einen Studienplatz für Medizin in Hamburg bekam. Die Heimleitung sorgt dafür, dass der Dienstplan mit dem Studium abgestimmt wird und Alexandra Schiemang weiterhin als Teilzeitkraft bei Kursana arbeiten kann – auch dann noch, als ihr Mann 2014 vorübergehend schwer erkrankt.

Es beginnt eine Zeit, von der rückblickend oft gesagt wird: gut, dass man vorher nicht weiß, was auf einen zukommt. Alexandra hat sich jedenfalls durchgebissen. Auch mit Hilfe ihrer Eltern, die gleich nebenan wohnen und sich um ihre Enkel kümmern, wann immer es erforderlich ist.

Und Alexandra? Die hat monatelang nicht eine freie Minute. „Manchmal, wenn der Wecker klingelte, wusste ich gar nicht, muss ich zur Arbeit oder in die Uni?“

Alexandra erinnert sich, dass ihre Mutter sie in der Zeit einmal gefragt hat: „Warum machst du das alles überhaupt?“ Die Tochter nahm es ihr nicht übel: „Sie hatte ja Recht, ich hatte alles – einen Mann, zwei Söhne, ein Haus.“ Und trotzdem fehlte etwas: „Ich wollte in meinem Traumberuf arbeiten.“

Während sie ein praktisches Jahr in der geriatrischen Klinik des Wilhelmsburger Krankenhauses Groß-Sand leistet, entscheidet sich Alexandra Schiemang für den Schwerpunkt Altersheilkunde: „Geriatrie wird nie langweilig. Es umfasst so viele Bereich von der Inneren Medizin über Neurologie und Orthopädie bis zur Psychiatrie“, sagt die Ärztin und ergänzt: „Außerdem kann ich gute mit alten Menschen.“

Wie es jetzt weitergeht, ist noch offen. Alexandra Schiemang schaut ihrer Zukunft erwartungsvoll entgegen. Sie hat gerade Bewerbungen verschickt – und genießt ein neues Lebensgefühl: „Ich gönn’ mit jetzt mal eine Pause.“

Begehrte Plätze

Der Andrang ist groß. Im Wintersemester 2017/18 gab es 43.184 Bewerber für ein Medizinstudium auf 9176 Plätze. Ohne Zulassungsbeschränkung geht es also nicht. Zu den Voraussetzungen, um in Deutschland Medizin studieren zu können, gehört zunächst eine Hochschulzugangsberechtigung. Diese erlangt man durch Hochschulreife, im Regelfall durch das Abitur.

Es gibt mehrere Wege ins Medizinstudium, der reguläre ist eine Anmeldung zu einer der 38 medizinischen Fakultäten Deutschlands über www.hochschulstart.de.