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Ein neues Haus für die Lebensmittelretter

Miriam Winzer von der Initiative Foodsharing und Diakon Martin Blankenburg an der neuen Verteilstation für Lebensmittel an der St.-Marien-Kirche

Miriam Winzer von der Initiative Foodsharing und Diakon Martin Blankenburg an der neuen Verteilstation für Lebensmittel an der St.-Marien-Kirche

Foto: Lena Thiele / HA

Gegen den Überfluss: Am „Bethlehem-Fairteiler“ an der Lüneburger St.-Marien-Kirche kann jeder Essen spenden und abholen.

Lüneburg.  Zwei grüne Kisten mit Eisbergsalat, eine mit Rosenkohl und Radieschen stehen auf dem Tisch an der Wand, in einem Regal reihen sich mehrere Töpfe mit Schnittlauch aneinander, auch frischer Majoran und Minze gehören zum Angebot im neuen „Fairteiler“ neben der katholischen Kirche St. Marien in Lüneburg.

In dem kleinen Holzblockhaus hat die Iokale Foodsharing-Initiative vor Kurzem ihren neuen Standort zum Tauschen von Lebensmitteln eröffnet. Die Station trägt den Namen Bethlehem — hebräisch für Haus des Brotes.

Die Lebensmittelretter oder Foodsaver, wie sie sich nennen, wollen auf die Verschwendung von Lebensmitteln aufmerksam machen und eine Möglichkeit anbieten, Übriggebliebenes an andere Menschen weiterzugeben. Ihre „Fairteiler“ sind Orte, an denen jeder noch genießbares Essen abgeben oder sich selbst bedienen kann. Zusätzlich bestücken die Foodsaver die Regale mit Lebensmitteln, die sie täglich von Supermärkten, Bäckereien und Marktständen abholen.

„Wir fahren in der Regel zweimal am Tag zu unseren Kooperationspartnern, immer zwei oder drei von uns“, sagt Miriam Winzer. Die 23-Jährige studiert Umweltwissenschaften an der Leuphana-Universität und gehört zu den etwa 40 Lüneburgern, die regelmäßig auf Abholtour gehen. Oft nutzen sie ein übergroßes Lastenfahrrad, um ihre Ausbeute zur Ausgabestation zu transportieren.

Wer wann welche Tour übernimmt, das regeln die Ehrenamtlichen über eine Online-Plattform der bundesweiten Foodsharing-Initiative. Dort sind etwa 150 Teilnehmer für Lüneburg registriert. Um selbst etwas in der Station abzugeben oder abzuholen, ist eine Anmeldung nicht notwendig.

Eine Konkurrenz zur Tafel seien sie nicht, betont Miriam Winzer. Die Foodsaver holen nur ab, was sonst im Müll landen würde. Sie bekommen vor allem Obst, Gemüse und Backwaren, aber auch Milch, Joghurt und Fertiggerichte.

So landen dann auch mal reife Mangos, veganes Gulasch, Couscous-Salat oder ein ganzer Sack mit Brot im Regal. „Ich bin selbst manchmal überrascht, was da alles dabei ist und entdecke immer wieder Neues“, sagt Miriam Winzer. „Letztens habe ich zum ersten Mal schwarzen Rettich probiert.“

Bereits vor drei Jahren arbeitete die Studentin an einem Uni-Forschungsprojekt zum Foodsharing mit. Dabei kam heraus, dass die Nutzer ihre Einstellung zu Lebensmitteln änderten. „Viele haben sich gefragt, warum bloß so viel weggeworfen wird. Das ist doch schon ein toller Anstoß.“

Dieser Gedanke war auch der Auslöser bei der katholischen Gemeinde, mit der Initiative zusammenzuarbeiten. Bereits seit zwei Jahren setzen sich Gemeindemitglieder im Arbeitskreis „Laudato Si“ — angelehnt an eine Schrift, in der Papst Franziskus auch die Lebensmittelverschwendung anprangert — damit auseinander, wie die Kirche ihre Arbeit nachhaltiger gestalten kann.

„Wir haben uns zum Beispiel mit Umweltmanagement und Carsharing auseinandergesetzt und Bäume gepflanzt“, sagt Diakon Martin Blankenburg. Als er im Frühjahr dieses Jahres hörte, dass die Foodsaver einen neuen Standort suchten, entstand die Idee, diesen neben der Kirche einzurichten.

Zuvor wurden bereits seit etwa vier Jahren Lebensmittel in einem Hauseingang am Rotenbleicher Weg verteilt, doch dieses Haus sollte nun abgerissen werden. Ein zweiter Standort an der Ritterstraße war zwar bereits eingerichtet und ist weiterhin in Betrieb. „Aber der reichte auf Dauer einfach nicht aus“, sagt Miriam Winzer. „Die Kooperation mit der Gemeinde war einfach eine großartige Lösung.“

„Wir wollen dem Ansatz einen würdigen Ort geben“, sagt Martin Blankenburg. Der 56-Jährige kümmerte sich darum, dass das Blockhaus an der Friedenstraße errichtet werden konnte. Eine Bodenplatte musste gegossen, Elektrik für Licht und Kühlschrank eingerichtet und das Holzhäuschen aufgebaut und ausgestattet werden.

Die Kosten von etwa 5700 Euro hat zunächst die Gemeinde übernommen, Martin Blankenburg ist aber zuversichtlich, dass ein Großteil über Spenden finanziert werden kann. Sein Büro liegt direkt neben dem neuen „Fairteiler“, und so hat er auch schon selbst nach Feierabend einen Blick in die Kisten geworfen und etwas mitgenommen, Schnittlauch oder Champignons.

Oft geht der Diakon hinüber, um kurz mit den Menschen zu reden, die dort nun ein- und ausgehen. Es sei jetzt schon ein Ort, an dem die Leute miteinander ins Gespräch kämen. „Das finde ich spannend.“ Die Lebensmittel lagerten selten lange in der Station, so Miriam Winzer. Viele Studenten, aber auch Angestellte und Freiberufler machen mit, auch einige Besucher des sonntäglichen Gottesdienstes haben bereits Taschen mit Lebensmitteln mitgebracht oder sich bedient.

Den Initiatoren geht es in erster Linie darum, zum Umdenken anzuregen und möglichst viele Lebensmittel vor dem Müll zu bewahren. Jeder könne seinen Teil beitragen, sagt Miriam Winzer. „Das Angebot ist frei und offen für jeden.“

Der „Fairteiler“ ist täglich geöffnet

Lebensmittel, die abgegeben werden, müssen noch genießbar sein. Das Mindesthaltbarkeitsdatum darf überschritten sein, ein eventuell angegebenes Verbrauchsdatum dagegen nicht.

Der „Fairteiler“ ist montags bis freitags von 10 bis 16 Uhr geöffnet, sonnabends von 13 bis 18 Uhr und sonntags vor und nach dem Gottesdienst. An einem Sonntag im Monat informiert die Initiative am „Fairteiler“, Friedensstraße 8, über das Projekt. Termine auf www.katholische-kirche-lueneburg.de.

Die Foodsaver tauschen sich hier aus: www.foodsharing.de.