Harburg
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Faszinierende Weihnachtskrippen

Eine

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Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Ex-Michel-Hauptpastor Helge Adolphsen erinnert sich an einem Besuch bei der Krippensammlerin Mechthild Ringguth im Jahr 1983.

An diesen Adventstagen denke ich an die Krippen von Mechthild Ringguth. Im Advent 1983 rief sie mich an und lud mich mit meiner Sekretärin ein in ihr kleines Haus. „Es gibt was zu sehen“, sagte sie. Vom Keller bis zum Boden, auf der Treppe und sogar auf dem Spülkasten der Toilette: überall Krippen aus aller Welt. Mein Entschluss stand fest: Diese Krippen mussten im Michel ausgestellt werden.

12.000 Menschen kamen 1990 zur ersten Ausstellung in der Krypta des Michels und bestaunten die Krippen. Und Mechthild Ringguth erzählte jedem, der es hören wollte, die Geschichte jeder einzelnen Krippe. Die kleinste Krippe war in einem Kirschkern. Die aus Alaska stammenden Figuren waren aus 10.000 Jahre alten Mammutknochen geschnitzt. Eine Hamburger Krippe war zu sehen, in der die drei Könige zum Wasserverkäufer Hummel, zum Herings- und Putenverkäufer geworden waren.

Sie hatte große Pläne mit ihren Krippen. Sie wollte sie nach der Wende in den ehemals kommunistischen Ländern zeigen. Dresden, Riga, Ostberlin, St. Petersburg, Timişoara in Rumänien wurden Jahr für Jahr ihre Stationen. Selten habe ich einen Menschen erlebt, der sich so begeisterte und durchdrungen war von seiner Mission.

Die Rentnerin überredete Spediteure, Bischöfe, immer noch kommunistische Bürgermeister und Leute der Mafia. In St. Petersburg übernachtete sie in der St. Petri-Kirche, dem Ort ihrer Krippen. Damals war die Kirche noch ein Schwimmbad. Sie schlief auf einer Liege und wusch sich in einer Waschschüssel. „Warum soll ich anders leben als die Menschen um mich herum?“ sagte sie.

Die 70-Jährige ließ sich durch Bürokratie, Visumzwänge und korrupte Zöllner nicht entmutigen. Sie freute sich, in staunende und andächtige Augen zu sehen und ihre Schätze zu zeigen. „Sie glauben gar nicht, wie sie, die nichts vom christlichen Glauben wissen, in den Dunkelheiten ihres Lebens in meinen Krippen Zeichen der Hoffnung sehen. Gerade sie begreifen, dass Krippen die Botschaft des Friedens und der Versöhnung vermitteln. Möge der liebe Gott mir weiterhin Kraft geben, mit meinen Krippen unseren Glauben in die Herzen von Menschen zu pflanzen“, schrieb sie mir aus Klaipėda.

Irgendwann wurde ihr das Reisen und der aufwendige Auf- und Abbau der 190 Krippen zu schwer. Sie hätte die Krypta des Michels zu gern für die Dauerausstellung ihrer 500 Krippen gehabt. Das konnte ich ihr nicht gewähren. Ich bemühte mich um andere Orte. Vergeblich. Eines Tages rief sie überglücklich an: „Meine Krippen werden in der Heilig-Geist-Kirche in der Barlachstadt Güstrow sein.“

Am 1. Advent vor 10 Jahren wurde die Dauerausstellung eröffnet. Güstrow wirbt kräftig mit dieser Attraktion und betont zu Recht, dass die Krippen auch ethnologisch interessant sind. Alle sind von jeweils einheimischen Künstlern mit ortstypischen Materialien gefertigt.

Zugleich wird in ihnen eine besondere und eigene christliche Glaubensauffassung sichtbar. Mechthild Ringguth war es wichtig, dass alle Krippenmacher die wunderbare Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium gestaltet haben.

Eine Krippe ist mir besonders in Erinnerung. Sie ist ein Gemeinschaftswerk von Vertretern der drei großen Religionen. Christen haben Maria, Josef und das Kind geschaffen, Buddhisten die Hirten, Muslime die Könige. Über die Gegensätze und Gräben der Religionen hinweg haben sie sich geeinigt und verbunden. In der gemeinsam gestalteten Krippe sind sie vereint in der Verehrung Gottes, des Schöpfers der Welt.

In ihr sind sie verbunden: die Christen im Loben Gottes, des Vaters Jesu Christi; die Muslime in der Anerkennung der göttlichen Herrschaft über alle Lebensbereiche; die Buddhisten in der Ehrfurcht vor dem göttlichen Buddha. Voller Sehnsucht nach dem Frieden Gottes auf Erden, den die Friedlosigkeit und die Gewalt in den Köpfen der Menschen nicht Wirklichkeit werden lässt.

Welch eine Vision damals, für heute und erst recht für das Zusammenleben der verschiedenen Religionen, Kulturen und Länder in der Zukunft! Was könnte es bewirken für unsere zerrissene und bedrohte Welt, wenn der Ehrfurcht vor dem Frieden Gottes konkrete Schritte und überzeugende Taten folgen würden? Der Religionsfriede bleibt ein Stachel, aber auch ein Vorbild für den Weltfrieden. Mechthild Ringguth hat dazu mit ihren Krippen ihren schönen Beitrag geleistet.

In diesen Adventstagen wird in einem Teil der Michel-Krypta eine Dauerausstellung mit 60 Krippen eröffnet. Der 70- jährige Kurt Rechenberg, ein leidenschaftlicher Krippensammler, schenkt sie dem Michel. Die älteste stammt aus dem 15. Jahrhundert. Für den praktizierenden Katholiken ist der Michel Heimat. Ich glaube, Mechthild Ringguth wäre nicht neidisch. Sie würde sich über dieses Weihnachtsgeschenk freuen.

Helge Adolphsen ist emeritierter Hauptpastor des Hamburger Michel. Er lebt in Hausbruch. Seine Kolumne erscheint im Zwei-Wochen-Rhythmus