Harburg
Heimfeld

Sandweste hilft Schülern, sich besser zu konzentrieren

Foto: Katharina Geßler / HA

Inklusionsexpertin Gerhild de Wall brachte die Idee aus den USA mit. Die Begeisterung ist groß – bei Schülern, Lehrern und Eltern.

Heimfeld.  Die Zahl der Kinder, die unter Wahrnehmungsstörungen leiden, Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren und/oder es kaum schaffen, mal eine Weile ruhig auf ihrem Stuhl sitzen zu bleiben, wächst. Gerhild de Wall kennt das nur zu gut.

Die Sonderpädagogin ist Leiterin der Abteilung Inklusion an der Schule Grumbrechtstraße und hat, um genau diesen Kindern zu helfen, an der Heimfelder Schule eine Idee umgesetzt, die sie in den USA kennenlernte, wo sie einige Jahre unterrichtete: Sie hat sich beim Schulverein für die Anschaffung einer Sandweste stark gemacht. Die ist inzwischen so begehrt, dass nun sieben weitere gekauft werden sollen.

Die Wirkungsweise dieser Westen erklärt die Sonderpädagogin: Kinder, die unter Wahrnehmungsstörungen litten, hätten ein besonderes Problem. „Bei ihnen kommen all die Reize, die auf sie einströmen, verquer an“, sagt de Wall: „Das stürzt sie ins Chaos.“ Und genau das produzieren sie denn auch. Die mit zwei Kilogramm Sand gefüllte Weste trägt zur Beruhigung bei: „Sie verteilt Gewicht und Druck gleichmäßig und flächendeckend auf die Muskel- und Belastungssensoren. Das steigert die kognitive Leistungsfähigkeit des Kindes.“

Kinder, die sich nicht konzentrieren können, die zappelig sind, mit dem Stuhl so lange kippeln bis sie unterm Tisch liegen oder sonst wie den Unterricht stören – all das erlebt Maren Greuel, Klassenlehrerin in Lerngruppen der ersten und zweiten Klassen, immer wieder. Auch sie ist von der positiven Wirkung der Sandweste überzeugt: „Für die Kinder ist das wie behutsames Handauflegen, das gut tut“, sagt sie, lächelt und ergänzt: „Mein Problem ist, dass ich nur zwei Hände habe.“

Bei den Mädchen und Jungen ist die Weste heiß begehrt

Als Sonderpädagogin de Wall an diesem Tag mit der Sandweste in der Hand den Klassenraum betritt, in dem ihre Kollegin Maren Greuel gerade die Lerngruppe 9 – Kinder zwischen sechs und acht Jahren – unterrichtet, rufen die Mädchen und Jungen sofort durcheinander: „Kann ich sie haben.“ „Ich will auch.“ „Aber zuerst ich, bitte.“

Spätestens jetzt wird klar, wie begehrt das gute Stück ist. Warum? Die Kinder erklären es auf ihre ganz eigene Weise. „Die macht mich ruhig“, sagt ein Junge. „Ich kann mich besser konzentrieren, weil das so gut tut“, ein anderer. Ein Mädchen in der Klasse findet sie schlicht „cool“ und ihr Sitznachbar fühlt sich wohl wie Supermann, wenn er die Weste trägt. „Die macht mich stark“, sagt er mit der ganzen Kraft der Überzeugung seiner sieben Jahre.

Je nach Gewicht (2 bis 5 Kilogramm) und Größe (medi, maxi, super maxi) kosten diese Sandwesten 145 bis 165 Euro. Barbara Truller-Voigt, deren Sohn Frederick (9) auch die Schule Grumbrecht­straße (570 Schüler, 90 Lehrer, Sonderpädagogen und Erzieher) besucht, war sofort angetan.

Als Gerhild de Wall ihr von den Erfahrungen erzählte, die sie in Amerika gemacht hatte, recherchierte sie und wurde im Internet fündig. Vor drei Jahren kaufte sie Frederick eine 2 -kg-Sandweste, die er bis heute nutzt. „Er zieht sie von ganz allein an“, sagt seine Mutter: „Er hat das Gefühl, dass sie ihm hilft.“

Er selbst bestätigt das: „Die Weste macht mich ruhiger. Und meine Schrift ist dann auch nicht mehr so krakelig.“ Frederick habe viel mehr Kontrolle über seinen Körper, erzählt seine Mutter: „Er kann sich besser konzentrieren. Dank der Weste kann er besser mitarbeiten, weil er dann nicht ständig damit beschäftigt ist, seine Arme und Beine unter Kontrolle zu halten.“

Und noch etwa spricht aus Sicht von Pädagogin de Wall für die Weste: „Die Kinder empfinden sie nicht als therapeutisches Hilfsmittel. Sie tragen sie einfach gern.“ Allerdings nie länger als 30 Minuten. Sonst könnte ein Gewöhnungseffekt einsetzen. Dass der und damit ein Nachlassen der Wirkung bei den Kindern der insgesamt elf ersten und zweiten Klassen einsetzen könnte, steht akuell indes nicht zu befürchten. Selbst wenn bald die sieben neuen Westen da sind, gibt es längst noch nicht genug. „Wir brauchen mindestens eine für jede Klasse“, sagt de Wall.

Anders lernen

Tag der offenen Tür in der Schule Grumbrechtstraße: Am Sonnabend informiert das Schulleitungsteam von 15 bis 18 Uhr unter anderem über Ganztagsangebot, Begabtenförderung und Inklusion. Auch Elternrat und Schulverein stehen Rede und Antwort. In den Klassen erläutern Pädagogen, was es mit Basis- und Projektunterricht sowie mit jahrgangsübergreifenden Lerngruppen von der Vorschule bis Klasse 6 auf sich hat.

1055 Euro hat die Peter-Mählmann-Stiftung der Haspa, vertreten durch Ralf Drewes, Leiter der Heimfelder Filiale, jetzt der Schule gespendet. Mit dem Geld soll der Kauf von sieben Sandwesten unterstützt werden.