Harburg
Sprötze

Bagger fressen sich durch Sprötzes Brücke

Von beiden Seiten arbeiten sich die Bagger an der Brücke von der Mitte bis zu ihren Rändern vor

Von beiden Seiten arbeiten sich die Bagger an der Brücke von der Mitte bis zu ihren Rändern vor

Foto: Corinna Panek / HA

Bahnstrecke Hamburg-Bremen musste wegen Abrissarbeiten am Wochenende stillgelegt werden. Bahnverkehr wurde umgeleitet.

Sprötze.  Wo sonst täglich rund 300 Züge im Nah-, Fern- und Güterverkehr vorbeirasen, herrschte am Sonnabend Stillstand, aber dennoch keine Stille. Bagger legten Strohballen, Plastikfolien und Holzplatten auf die drei Gleise – Vorbereitungen für den Abriss der Brücke, die in Sprötze im Verlauf der Bundesstraße 3 die Bahnstrecke Hamburg-Bremen überquert.

„Am Freitagabend wurden die Gleise ab 19 Uhr nacheinander stillgelegt. Seit heute, 6.30 Uhr, bis Montag früh ist die Strecke für die Abrissarbeiten voll gesperrt“, erläutert Christian Magill, Sachgebietsleiter Brücken bei der niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr in Lüneburg.

Er steht mitten auf dem Gleis, die Oberleitungen sind ausgehängt und liegen neben den Schienen, teils ummantelt von Plastikröhren. In den vergangenen Wochen waren bereits neue Oberleitungsmasten aufgestellt worden. Einige waren direkt am Widerlager der Brücke befestigt. Da die neue Brücke länger wird, mussten neue Masten gesetzt werden.

Unterhalb der Brücke werden die „Baggermatratzen“ aufgeschichtet – Plastikfolie, Strohballen und Holz im Wechsel. Damit soll das Risiko verringert werden, dass die herabfallenden Brückenteile später das Gleis beschädigen. „Die Brücke wiegt rund 250 Tonnen“, sagt Magill, „würde das Material auf einmal abgerissen werden, könnte das die Gleise in ihrer Position verschieben.“

Das bedeutet, die Züge müssten dann möglicherweise durch eine Kuhle fahren. Damit das nicht passiert, wird die Brücke stückweise abgebrochen. Dennoch werden auch dann die Gleise hinterher vermessen, um Höhenunterschiede im Gleisbett auszuschließen. Für den Fall der Fälle stehen sogenannte Rüttelstopfmaschinen bereit, die das Gleisbett wieder unterfüllen und somit anheben könnten.

Gegen Mittag sieht es noch so aus, als wäre alles im Plan, ab 14 Uhr sollte zunächst die Holzverkleidung der Brücke entfernt werden. Weil die Brücke schon seit Jahren bröckelt, wurde das Holzgeländer zusätzlich zum normalen Brückengeländer angebracht, um zu verhindern, dass von Autos aufgewirbelte Betonbrocken wie Steinschlag auf durchfahrende Züge herabfallen.

Sie könnten sich – je nach Geschwindigkeit – zum tödlichen Geschoss entwickeln. Anschließend sollte die Brücke abgerissen werden – hierfür waren drei bis vier Stunden angesetzt. Doch die Gleissicherung verzögert sich, am späten Nachmittag erst konnte die Holzverkleidung entfernt werden. „Dabei konnten wir eine halbe Stunde Zeitverlust wieder aufholen“, sagt Magill. „Die Jungs sind noch ganz entspannt.“

Bau einer Behelfsbrücke war erst gar nicht vorgesehen

Rund 30 Arbeitskräfte sind an diesem Tag im Einsatz. Gegen 17.30 Uhr ist es endlich soweit. „Die Bagger werden jetzt umgerüstet, dann kann es losgehen“, sagt Magill. Die Maschinen erhalten scherenartige Werkzeuge, die die Brücke wie mit Kneifzangen auseinanderreißen. Auf jeder Seite der Brücke beißen bis zu drei Bagger an, sie arbeiten sich von der Mitte zu den Rändern. Inzwischen ist es dunkel, Scheinwerfer leuchten die Baustelle aus. Wie Dinosaurier wirken die Bagger mit ihren scharfzähnigen Mäulern.

Ein paar Schaulustige stehen auf der Behelfsbrücke, die bis zur Fertigstellung der neuen Bahnüberquerung den Verkehr zwischen Buchholz und Soltau aufnimmt. Bis spät in die Nacht ist das Rattern und Wummern der Abrissbagger in Sprötze zu hören. Der Bahn-Fernverkehr wurde während der Sperrung umgeleitet, für den Metronom gab es Ersatzverkehr mit Bussen zwischen Tostedt und Buchholz.

Im Mai 2018 wird der neue Überbau eingehängt, im August soll die neue Brücke fertig sein. Ein Jahr später wird die Behelfsbrücke wieder abgebaut. Das gesamte Brückenneubauprojekt wird dann sechs Jahre in Anspruch genommen haben – obwohl die reine Bauzeit weniger als ein Drittel davon ausmachen dürfte. Vor allem die Abstimmung mit der Bahn über die notwendigen Vollsperrungen der Strecke machten das Projekt langwierig.

Alte Brücke seit 2013 nur noch einspurig befahrbar

Der Bau einer Behelfsbrücke war zunächst gar nicht vorgesehen, wurde aber vor allem auf Drängen der Gemeinde Tostedt nachträglich realisiert. Die Gemeinde wäre vom Umleitungsverkehr am stärksten betroffen gewesen. Dadurch verzögerte sich der Brückenneubau um ein weiteres Jahr, was aber in Kauf genommen wurde.

Die alte B3-Brücke war seit Frühjahr 2013 nur noch einspurig befahrbar gewesen, wurde ab 2014 für große Lkw und ab Ende 2015 schließlich für alle Fahrzeuge über 3,5 Tonnen gesperrt. Untersuchungen hatten ergeben, dass die Brücke schwer beschädigt und ein Neubau unausweichlich war. Die Gesamtkosten beziffert die Niedersächsische Straßenbaubehörde auf rund 4,5 Millionen Euro.