Harburg
Bilderchronik erschienen

Durch und durch beseelt von Marmstorfs Geschichte

Marmstorfer Bilderchronik: Heinrich Böttcher ist mit seiner Kutsche vorgefahren. Neben ihm sitzt August Peters. In der Kutsche (v. l.): Hermann Böttcher, Heinrich Meyer und Gustav Köster. Das Foto entstand in den 50er-Jahren auf dem Feuerteichweg

Marmstorfer Bilderchronik: Heinrich Böttcher ist mit seiner Kutsche vorgefahren. Neben ihm sitzt August Peters. In der Kutsche (v. l.): Hermann Böttcher, Heinrich Meyer und Gustav Köster. Das Foto entstand in den 50er-Jahren auf dem Feuerteichweg

Foto: privat / HA

Seit 30 Jahren erforscht Hobby-Chronist Herbert Schulz (73) die Geschichte des Stadtteils, in dem er seit 52 Jahren lebt. Jetzt ist sein zweites Buch erschienen.

Wer sich jahraus, jahrein mit der Vergangenheit beschäftigt, dessen Zeitempfinden bewegt sich mutmaßlich in anderen Dimensionen als den üblichen. Herbert Schulz ist so einer. Seit 30 Jahren erforscht und dokumentiert er die Geschichte Marmstorfs – seit 52 Jahren Heimat und Zuhause des 73 Jahre alten Hobby-Chronisten. Insgesamt 26 Jahre hat er gebraucht bis seine Marmstorf Chronik, eine Geschichte über das Leben der Menschen von der Steinzeit bis in die Moderne, Anfang 2014 fertig war. Jetzt ist sein neues Buch erschienen: die „Marmstorfer Bilderchronik“. Fertiggestellt in Rekordzeit, jedenfalls brauchte er für dieses zweite Werk nur vier Jahre.

Mehr als 500 Exemplare hat Schulz davon im Eigenverlag drucken lassen: 180 historische Fotos auf 160 Seiten, jeweils versehen mit kurzen Erläuterungen. Lediglich sechs der Fotos, die er in dem Buch dokumentiert, sind zuvor schon mal veröffentlicht worden. Dass die Bilderchronik nun druckfrisch vorliegt, hängt mit Schulz’ erstem Buch zusammen. „Ich hab damals schnell gemerkt, dass ich in der Marmstorf-Chronik nur einen Bruchteil meiner Fotos unterbringen kann.“

Wie viele Bilder er in den vergangenen Jahren archiviert hat? So genau weiß Schulz, der vor seiner Pensionierung vor zehn Jahren als Offset-Druckermeister in Reinbek gearbeitet hat, das selbst gar nicht. „Bei 2000 habe ich aufgehört zu zählen“, sagt er. Und auch sonst hat sein Archiv mittlerweile beachtliche Ausmaße angenommen: Auf 85 Aktenordner ist es angewachsen.

Das Material hat er akribisch aus unterschiedlichen Quellen zusammengetragen. Schulz stöberte in den Archiven des Kiekeberg- und des Helms-Museums, aber auch denen der Hamburger Hochbahn, der Stadt Lüneburg sowie im Staatsarchiv Hannover. Besonders dankbar ist er aber auch den Marmstorfern, die ihn mit Material versorgten: „Von der Ur-Bevölkerung habe ich sehr viel bekommen.“

Schulz selbst lebt zwar seit 52 Jahren in Marmstorf, doch zur Ur-Bevölkerung zählt er nicht. Denn geboren und aufgewachsen ist er in Stellingen. Dass er 1965 umzog nach Marmstorf, hatte ganz pragmatische Gründe: Hier konnte er sich den Traum vom Eigenheim verwirklichen. „Ein kleines Reihenhäuschen, zu mehr reichte es damals nicht“, sagt er rückblickend.

20 Jahre später war dann mehr drin: Er kaufte das Haus am Rüterskamp, wo er bis heute lebt, inzwischen allerdings allein. Denn Tochter und Sohn sind seit langem aus dem Haus, und von seiner Frau ist er geschieden. Doch wegzuziehen, kommt für Schulz nicht in Frage. Denn zum Haus gehört auch ein 1000 Quadratmeter großer Garten – Schulz’ zweite große Leidenschaft und auch ein Grund dafür, warum er für sein erstes Buch mehr als zwei Jahrzehnte gebraucht hat, denn nur in der dunklen Jahreszeit hat er daran gearbeitet: „Sonst ist der Garten dran“.

Dass er zum Hobby-Historiker geworden ist, hängt mit einem Zeitungsartikel von 1987 zusammen, in dem es um die Chroniken von Dörfern aus dem Landkreis Harburg ging. „Wäre toll, wenn es so was auch für Marmstorf gäbe“, habe er damals gedacht, sagt Schulz und schmunzelt: „Ich war ja so naiv.“ Er habe ja keine Ahnung gehabt, was für ein Fass er damit aufmachte.

Auf die Sprünge geholfen hat ihm damals vor allem ein Mann: der inzwischen längst verstorbene ehemalige Leiter der Grundschule, Rudolf Schumacher. Der hatte 40 Jahre lang alles über das Dorf zusammengetragen und übergab Schulz sein Material. Zuvor allerdings musste der Jungspund von damals eine Prüfung über sich ergehen lassen. Der Schuldirektor legte Schulz fünf Chroniken anderer Gemeinden vor und fragte, welche ihm am besten gefalle. Schulz, damals Anfang 40, blätterte jede einzelne durch, las quer und traf schließlich seine Entscheidung. Das tat auch der Schuldirektor, der danach keine Zweifel mehr hatte: „Wir sind auf einer Wellenlänge.“ Das war so etwas wie der Ritterschlag – und bis heute die Basis für Schulz’ Lebenswerk.

Das Bildmaterial, das er in seinem jüngsten Werk veröffentlicht, stammt zu einem großen Teil von Ur-Marmstorfern, die Schulz in seiner Danksagung namentlich erwähnt. Er nennt die Liste ein Who is Who des Stadtteils. Gezeigt werden Bilder aus Appelbüttel, Lürade und Marmstorf, wobei der Marmstorf-Teil thematisch untergliedert ist (zum Beispiel Feuerlöschteich, Landwirtschaft, Schulen).

Herbert Schulz ist anzumerken, dass er stolz ist auf die beiden Bücher, sein Lebenswerk. Er sagt aber auch, ein drittes werde es nicht mehr geben: „Mein Tatendrang ist erschöpft“. In Zukunft will der sich darauf konzentrieren, sein Archiv zu ordnen und zu digitalisieren. Auch wenn das einer Sisyphusarbeit gleichkommt: „Das werde ich nie bis zum Ende schaffen.“ Schließlich ist da ja auch noch die Gartenarbeit.

Bilderchronik Marmstorf, 180 historische Fotos, 160 Seiten, 18 Euro (plus Versand), Herbert Schulz, Rüterskamp 2,
21077 Hamburg, Telefon 760 21 54 Dorfcharakter

Grabfunde belegen, dass das spätere Marmstorf bereits in der jungen Bronze- und Eisenzeit besiedelt war. 1196 wurde das Dorf erstmals urkundlich erwähnt. Im „Winsener Schatzregister“ von 1450 ist „Marmestorpe“ als Siedlung verzeichnet. Von 1645 an stand das Dorf unter Verwaltung der „Vogtei Höpen“. 1814 brannten Franzosen das Dorf nieder. Von 1830 an siedelten in Marmstorf verstärkt Menschen, die in Harburg arbeiteten. Mit dem Groß-Hamburg-Gesetz von 1937/38 ging Marmstorf an Hamburg über.

Nur wenige Ecken Hamburgs haben einen so schön erhaltenen Dorfkern. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Marmstorf kräftig gebaut, größere Projekte waren von 1954 an Krönenbarg und zwischen 1963 und 67 die Wohnsiedlung Ernst-Bergeest-Weg. In den 1970er-Jahren fürchteten die Einwohner zunehmend um das historische Erscheinungsbild ihres Stadtteils. 1979 wurden dann zum Schutz „eines der letzten gut erhaltenen Ortsbilder auf Hamburger Gebiet“ (so der Kulturhistoriker Hermann Hipp) eine Gestaltungsverordnung und ein Erhaltungsgebot erlassen.