Harburg
Neu Wulmstorf

Fußweg oder Straße? Posse um Radweg

"Lebensfremd" sei die neue Verkehrsregel an der Wulmstorfer Straße, sagen Matthias Groth (DLRG), Tobias Handtke (SPD), Hartmut Wiegers (Schützenverein), Joachim Czychy (TVV) und Pastor Florian Schneider

"Lebensfremd" sei die neue Verkehrsregel an der Wulmstorfer Straße, sagen Matthias Groth (DLRG), Tobias Handtke (SPD), Hartmut Wiegers (Schützenverein), Joachim Czychy (TVV) und Pastor Florian Schneider

Foto: Bianca Wilkens / HA

Bergauf soll der Fußweg benutzt werden, bergab aber die Fahrbahn – das sorgt bei Anliegern nur noch für Kopfschütteln.

Neu Wulmstorf.  Die Lage ist kompliziert. Berg hoch dürfen die Radfahrer, die in Richtung Wulmstorf unterwegs sind, zwar den Fußweg an der Wulmstorfer Straße nutzen. In umgekehrter Richtung hingegen müssen sie auf der Straße fahren. Eigentlich sollte die neue Regelung für mehr Verkehrssicherheit sorgen. In Neu Wulmstorf sind jedoch viele Menschen vom Gegenteil überzeugt.

Am diesem Fall in Neu Wulmstorf wird einer der größten Streitpunkte in der Radverkehrspolitik sichtbar: Die Frage, wo die Radfahrer am besten aufgehoben sind – auf der Straße oder auf dem Fuß- und Radweg? Die Fronten sind verhärtet, und die Angst vor Unfällen ist groß.

Diese Angst schwingt mit, wenn die Vereinsvertreter, die ihren Standort in der Nähe der Wulmstorfer Straße haben, über die neue Verkehrsvorschrift sprechen. Fast die gesamte Jugendarbeit der Gemeinde hat dort ihren Standort. Der TVV, die DLRG, die Feuerwehr, der Schützenverein und die Lutherkirche sind dort ansässig. Alle wollen, dass die Kinder und Jugendlichen, die ihrem Hobby nachgehen und den Konfirmandenunterricht besuchen, auf ihren Fahrrädern hin- und wieder zurück nach Hause kommen.

Vereine sehen junge Radfahrer in Gefahr

Seitdem die neue Regel gilt zweifeln die Vereine jedoch an der Verkehrssicherheit. „Wenn die Kinder und Jugendlichen womöglich noch im Dunkeln auf der Straße fahren müssen, ist das eine immense Gefährdung“, sagt Hartmut Wiegers, Vorsitzender des Schützenvereins.

Zuvor mussten sich die Radfahrer mit den Fußgängern den Weg an der Wulmstorfer Straße teilen. Richtig war das nicht, da die Rechtslage bundesweit längst eine andere war. Die Radwegbenutzungspflicht wurde bereits 1997 nach einer Novelle der Straßenverkehrsordnung abgeschafft. Das heißt: Statt auf dem Bürgersteig sollen Fahrradfahrer ab elf Jahren gleichberechtigt auf der Straße fahren.

Da die Radfahrer damit ins Blickfeld der Autofahrer gelangen, versprechen sich Verkehrsplaner davon sinkende Unfallzahlen. Ausnahmen soll es nur aus Sicherheitsgründen geben. Der Allgemeinde Deutsche Fahrrad Club (ADFC) wies in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder auf die geänderte Rechtslage hin und ermahnte den Landkreis Harburg, die Verkehrsregelungen endlich anzupassen. Ebenso kritisierte der ADFC, dass der Kreis die Radfahrer gemeinsam mit Fußgängern auf viel zu schmale und holprige Wege zwänge. Zuletzt schrieb der Radfahrerverband einen offenen Brief an Landrat Rainer Rempe und forderte ihn auf, endlich nachzubessern.

Genau das machte der Landkreis dann, unter anderem eben auch an der Wulmstorfer Straße in Neu Wulmstorf: Doch nachdem er die Radwegebenutzungspflicht aufgehoben hatte, reagierten die Vereine empört. „Die Fahrradfahrer sind auf der Straße nicht zu sehen“, sagte Matthias Groth, Vorsitzender der DLRG.

„Während des Trainingsbetriebs ist auch die Hauptverkehrszeit auf der Wulmstorfer Straße. Dann wird es richtig brenzlig“, sagte TVV-Präsident Joachim Czychy. Pastor Florian Schneider von der Lutherkirchengemeinde mag jungen Besuchern des Konfirmandenunterrichts und älteren Gottesdienstbesuchern ebenso wenig zumuten, auf der Straße zu fahren.

Der SPD-Kreisfraktionsvorsitzende Tobias Handtke schaltete sich ein, weil auch er die Sicherheit der Radfahrer gefährdet sah. „Die Kurvenlage vor der Bedarfsampel mit der Kreuzung am Bredenheider Weg ist sehr schlecht einsichtig und sollte nur den Radfahrern vorbehalten sein, die sich dort auch sicher fühlen“, sagte er. Handtke forderte die Kreisverwaltung Mitte Mai auf, zu prüfen, ob die Radfahrer mit dem Hinweisschild „Radfahrer frei“ wieder auf dem Fußweg der Wulmstorfer Straße fahren dürften.

Sie dürfen. Der Kreis lenkte ein. Allerdings gilt das nur für bergauf, aber nicht bergab. Die Verkehrsbehörde stimmte einer Freigabe auf der linken Seite im Gegenverkehr wegen des zu schmalen Fußwegs und der vielen Einmündungen nicht zu. „Fährt der Radfahrer auf der Fahrbahn, hat er lediglich die Einmündung am Bredenheider Weg zu beachten. Fährt der Radfahrer auf dem linken Radweg, sind mindestens drei Einmündungen sowie diverse Grundstückseinfahrten zu passieren, welche klar als erhebliche Gefahrenpunkte erkannt sind“, lautete die Aussage der Verkehrsbehörde.

Darauf folgte eine zweite Welle der Empörung. Damit sei besonders viel Verwirrung gestiftet worden, sagte Tobias Handtke und hielt an seinem Antrag fest, die Regelung auch bergab anzuordnen. Die Vereinsvorsitzenden unterstützten ihn. Doch im Kreistag vor wenigen Tagen lehnten CDU, Wählergemeinschaft, FDP und Grüne seinen Antrag ab. Zurück bleiben ein wütender Tobias Handtke, verärgerte Vereinsvertreter und unsichere Eltern. Handkte kritisiert, dass die Stellungnahmen der Vereine und Verbände nie dem Fachausschuss vorgelegt worden seien. Die Lösung selbst findet er „total halbherzig. „So schafft man keine Akzeptanz für die neue Regel, sondern nur Skepsis.“

Gegen diese Skepsis versucht der ADFC jetzt anzugehen. Mit ihrer Forderung an die Kreisverwaltung, Fahrradpiktogramme auf der Wulmstorfer Straße anzubringen, drang Elisabeth Steinfeld, stellvertretende Vorsitzende des ADFC in Neu Wulmstorf, zwar nicht durch. Aber in den nächsten Tagen will der ADFC Aufklärung betreiben und unter anderem Postkarten verteilen.

Auf einem abgegrenzten Weg zu fahren, gebe den Radfahrern nur eine trügerische Sicherheit, sagte Steinfeld. „Die meisten Unfälle passieren auf dem Radweg, weil Autofahrer die Fahrradfahrer an Straßeneinmündungen übersehen“, sagt sie. Sie widerspricht der Aussage, Radfahrer seien auf der Straße nicht sichtbar. „Radfahrer sind sichtbar. Es sind nur die Autofahrer, die zu schnell und rücksichtslos fahren“, sagte sie.

Klare Regeln

Ein blaues Verkehrszeichen, das ein Fahrrad abbildet, bedeutet: Hier muss der Radweg benutzt werden. Die Verkehrsbehörden dürfen es nur bei einer „besonderen örtlichen Gefahrenlage“ aufstellen und nur, wenn der Radweg keine Schäden aufweist und breit genug ist.

Radwege ohne dieses Schild müssen von Radfahrer auch nicht benutzt werden. Wer möchte, darf auf der Straße fahren.

Kinder bis zum 8. Geburtstag müssen mit dem Fahrrad immer den Gehweg benutzen, auch, wenn ein Radweg vorhanden ist. Kinder zwischen acht und zehn Jahren können zwischen Rad- und Gehweg wählen.