Harburg
Serie

"Auf Achse": Nachts, wenn der Milchwagen kommt

Abladestation Milchwerk Zeven: Auch um 0.30 Uhr herrscht hier noch reger  Betrieb

Abladestation Milchwerk Zeven: Auch um 0.30 Uhr herrscht hier noch reger Betrieb

Foto: Angelika Hillmer / HA

Containertrucker, Heidekutscher, Polizist – sie und viele andere sind täglich viele Kilometer beruflich unterwegs. Heute am Steuer: Molkerei-Fahrer Thomas Detjen.

Als Thomas Detjen kurz nach 21 Uhr den Motor seines Milchsammelwagens startet, ist dies bereits seine zweite Tour an diesem Mittwoch. Seit fast 26 Jahren klappert der 49-Jährige Bauernhöfe in Nordniedersachsen ab, inzwischen für die Deutsche Milchkontor GmbH in Zeven. Er ist einer von 1030 Mitarbeitern des Milchwerks, das unter anderem Frischkäse, Milchpulver und Tiernahrung herstellt. Detjen und die rund 100 Kollegen des Fahrdienstes sorgen dafür, dass der Milchzufluss nicht ins Stocken gerät.

Am frühen Abend war Detjen im Raum Buxtehude unterwegs. Seine zweite Tour führt ihn nun zu sieben Höfen in Pattensen und Umgebung. Zunächst geht’s auf die A 1. „Seitdem sie dreispurig ist, kommt man gut voran. Besonders nachts. Deshalb fahre ich gern in der Nachtschicht“, sagt der Junggeselle. Die Schicht beginnt um 18 Uhr und endet gegen 4 Uhr morgens.

Auf der Autobahn fließt der Verkehr. Vor allem Lkw sind jetzt noch unterwegs. Thomas Detjen wechselt auf die A 7 und verlässt sie kurz vor 22 Uhr an der Ausfahrt Thieshope. In Pattensen führt ein schmaler Wirtschaftsweg den großen Tankwagen plus Anhänger zur ersten Abnahmestelle am Ortsrand. Der Tankwagen fasst 15.000 Liter Milch, der Anhänger weitere 12.500 Liter. In dieser Nacht werden beide nicht voll.

Kein Mensch lässt sich am Außenstall sehen. Auch an den anderen Höfen ist der Sammelwagenfahrer meist allein. Detjen: „In der Nachtschicht sieht man oft niemanden. An den Wochenenden kommen manchmal Hofbewohner später heim. Aber es gibt auch Stellen, an denen ich noch nie jemanden getroffen habe.“ Die Höfe werden jeden zweiten Tag angefahren, immer auf derselben Tour, deshalb zur selben Tageszeit.

Detjen nimmt den Schlauch seines Tankwagens und verbindet ihn mit dem Kühltank im Vorraum eines Laufstalls. Die Milch darf maximal sechs Grad warm sein – der Bordcomputer misst 4,1 Grad. Hinter dem Tank rappelt der Melkroboter. „Da ist keine Kuh drin, der macht gerade einen Reinigungslauf“, erläutert Detjen. Ein Blick in den offenen Laufstall zeigt, dass die meisten Tiere wiederkäuend auf dem Boden liegen. Aber einige trotten herum. „Die gehen auch nachts in den Melkroboter“, sagt der Fahrer.

Die letzte Sperrung eines Betriebes liegt Jahre zurück

In wenigen Minuten ist der Kühltank entleert und 4500 Liter Milch in den Anhänger geflossen – die Pumpe kann bis zu 1000 Liter pro Minute bewegen. Der Bordcomputer zeigt automatisch den Lieferanten – so nennt Detjen die Milchbauern – an, den er dank GPS-Navigation erkennt. Ebenfalls automatisch werden Proben genommen: Etwas Milch fließt in die Sammelprobe, die am Ende der Tour aus der gesamten Milchmenge im Tankwagen gezogen wird.

Zudem wird von jedem Lieferanten eine individuelle Probe abgezapft. „Wenn in der Milch eine bestimmte Keimzahl überschritten ist, wird der betroffene Betrieb gesperrt“, erläutert Detjen. „Das gilt ebenso für den so genannten Zellwert, der Euterentzündungen anzeigen kann.“ Eine solche Maßnahme komme aber äußerst selten vor, sagt Detjen. Die letzte Sperrung eines Betriebs, an die er sich erinnern könne, liege Jahre zurück.

Um 22.18 Uhr setzt sich das Gespann wieder in Bewegung und steuert Betrieb Nummer zwei an. Er liegt ebenfalls in Pattensen und liefert gut 3100 Liter Milch – „in guten Zeiten sind es 1000 Liter mehr“, kommentiert Detjen das Ergebnis. Es sei üblich, dass die Milchleistung zum Spätsommer hin abnimmt, erklärt der Landwirtssohn entschuldigend. Im Frühjahr, nachdem die Bauern ihre Kühe auf die Weide gebracht haben, steigt die Menge ein wenig. Doch jetzt wächst das Gras nicht mehr so üppig, und der Milchfluss nimmt ab.

Kommen die Kühe zum Winter in den Stall, steigt die Menge bei guter Fütterung allmählich wieder an. Detjen nutzt die großzügige Rangierfläche, um den Anhänger abzustellen. Denn bei den nächsten Hofanfahrten wird’s eng. Auch diese Betriebe liegen in Pattensen, sie liefern zusammen 2500 Liter Milch. Bei Hof Nummer vier ist der Platz vor dem Wirtschaftsgebäude mit dem Kühltank so eng, dass sich die Beifahrertür nicht öffnen lässt.

Es ist 22.45 Uhr. Pattensen schläft. Nur vereinzelt ist hinter Fenstern noch Licht zu sehen, ab und an fährt ein Pkw vorbei. Der nächste Weg führt nach Garstedt zu einem „kleinen Anbindestall, so waren die Ställe früher alle“, sagt Detjen. Der Stall ist leer, die Kühe übernachten auf der Weide. Dem Kühltank sind nicht einmal 500 Liter abzugewinnen.

Nach klein kommt groß: Von einem Hof in Bahlburg sammelt Detjen fast 6100 Liter ein. Es ist nach 23 Uhr, aber hier herrscht noch Betrieb „Wir sind am Silo machen“, ruft der Landwirt dem Milchwagenfahrer zu – hier wird gerade Silage eingelagert.

Mehr wird nicht geredet, Detjen bleibt während des gut zehnminütigen Aufenthaltes allein. Zurück auf der Zufahrtsstraße fährt er zum zweiten Mal Slalom zwischen geparkten Pkw und einem Treckergespann. Zugestellte Straßen sind für ihn Routine. Ist er schon einmal stecken geblieben? „Nein, bisher bin ich noch überall durchgekommen“, sagt Detjen. Einmal habe er auf einer Tagestour von Passanten sogar Applaus bekommen, als er Engstellen, die den Außenspiegeln nur eine Daumenbreite Platz gelassen hatten, berührungsfrei gemeistert habe.

Um 0.30 Uhr herrscht noch reger Betrieb in der Station

Der letzte Hof auf dieser Tour liegt wieder in Pattensen. Hier werden noch einmal knapp 3000 Liter Milch gebunkert und der in der Nachbarschaft geparkte Anhänger wieder angekuppelt. Insgesamt 19.443 Liter Milch sind jetzt an Bord – normal seien 23.000 bis 25.000 Liter, so Detjen. „Wenn das so wenig bleibt, werden unsere Kollegen am Verwaltungssitz in Bremen die Tour auf andere Touren aufteilen.“

Um 23.30 Uhr rollt Detjen vom Hof mit Ziel Zeven. Eine knappe Stunde später steht das Gespann auf der Waage vor der Einfahrtschranke zur Anlieferstation. In der Halle mit drei langen Fahrbahnen können gleichzeitig sechs Fahrzeuge mit Anhängern abgefertigt werden. Auch um 0.30 Uhr herrscht reger Betrieb, aus zwei anderen Gespannen wird bereits die Milch herausgepumpt.

Thomas Detjen greift sich die Flasche mit der Sammelprobe der Milchladung. Er steigt ein paar Treppen hinauf zu einem Raum, in dem die Fahrer Schnelltests durchführen. Mit Teststäbchen und Prüfgerät werden pH-Wert der Milch und der sogenannte Hemmwert ermittelt. Der Säuregehalt (pH) soll ausschließen, dass schlecht gekühlte und dadurch angesäuerte Milch in Umlauf kommt. Ein hoher Hemmwert deutet auf Arzneimittelrückstände hin. Nur wenn beide Parameter stimmen, darf die Milch entladen werden.

Bei der Winsener Runde gibt es keine Probleme – Detjen entleert seinen Tankwagen. Er bereitet den Bordcomputer auf die dritte Tour dieser Nacht vor. Sie wird ihn zu drei Betrieben in Apensen und Beckdorf bei Buxtehude führen. Nach kurzem Aufenthalt auf der Waage verlassen die leeren Tankwagen und Anhänger das Zevener Betriebsgelände und verschwinden in die Nacht.

Milchkühe

Rund 15.000 Milchkühe werden in rund 150 Betrieben im Landkreis Harburg gehalten (Stand April 2014). Seit 1990 war ihre Zahl rückläufig, blieb einige Jahre an in etwa konstant und wuchs seit 2012 wieder, angetrieben durch das Ende der Milchquotenregelung im Frühjahr 2015. Gleichzeitig sank die Zahl der Betriebe.

Die Harburger Elbmarsch und die Wümmeniederung gelten als „milchwirtschaftliche Gunstregionen“. Sie haben einen hohen Grünlandanteil, hier ist die Milchwirtschaft traditionell verankert, weil das Basisfutter Weidegras/Grassilage relativ günstig erzeugt werden kann.

Deutsches Milchkontor

Das Deutsche Milchkontor, kurz DMK, ist Deutschlands größtes Molkereiunternehmen und wird von mehr als 8600 Milchbauern beliefert. 7200 Mitarbeiter sind an den 25 Standorten des genossenschaftlich organisierten Unternehmens beschäftigt. Allein in Zeven (Landkreis Rotenburg/Wümme) arbeiten 1030 Menschen.

Das Milchwerk in Zeven ist der größte Verarbeitungsstandort des DMK. Sein Einzugsbereich reicht von der Elbe bis in den Raum Bremen und Hannover. 1,36 Milliarden Liter Milch kann das Werk im Jahr verarbeiten. Bei einer jährlichen Milchleistung von rund 8000 Litern pro Kuh stehen rechnerisch gut 170.000 Kühe hinter dieser Menge.

Aus dem Zusammenschluss zweier großen Molkereien ist im April 2011 das DMK entstanden: aus der Humana Milchindustrie GmbH und der Nordmilch GmbH.