Verkehrskonzept

Lüneburg – die Öko-Stadt der Zukunft?

| Lesedauer: 7 Minuten
Kim Ly Lam
Das Lüneburger Rathaus entstand um 1230 und ist noch heute Hauptsitz von Rat und Verwaltung der Hansestadt Lüneburg.

Das Lüneburger Rathaus entstand um 1230 und ist noch heute Hauptsitz von Rat und Verwaltung der Hansestadt Lüneburg.

Foto: Kim Ly Lam und Fynn Freund / HA

Lüneburgs Oberbürgermeister Ulrich Mädge will mehr Nachhaltigkeit für die Hansestadt erreichen – und setzt auf Veränderung.

Bis 2030 sollen ausschließlich Elektrofahrzeuge für den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) durch die Innenstadt Lüneburgs rollen. Klassische Busse, Taxis und andere betriebliche Dieselfahrzeuge werden dann aus dem Stadtbild verschwinden, glaubt man Ulrich Mädge. Es sind ehrgeizige Ziele, die der Oberbürgermeister anlässlich des vergangenen Dieselgipfels anfang September verkündete – und bei einigen Bürgerinnen und Bürger Besorgnis erregen. Doch Mädge lässt sich nicht beirren. „Veränderung löst anfangs immer Skepsis aus, doch der Wirtschaft geht es gut. Es ist an der Zeit, dass wir uns dem Klimawandel widmen“, erklärt er. „Und die Zeit läuft uns davon.“

Der 67-Jährige strebt den Einzug der Elektromobilität in die Salzstadt an. Mit den Verkehrsbetrieben sitzt der Landkreis Lüneburg derzeit am Verhandlungstisch: Bis 2019 soll ein neuer Verkehrsvertrag abgeschlossen werden, der sich an klimapolitischen Vorgaben ausrichtet. Dazu zählen die Bereitstellung der notwendigen Infrastruktur und das Abstimmen der Kosten mit den städtischen und bundesweiten Fördermitteln. „Sonst schießen die Buspreise in die Höhe, wovon die Bürger nichts haben.“

Mädge kennt die Skepsis unter den Bürgern. Bereits in den 90er Jahren war Lüneburgs dienstältester Oberbürgermeister auf Gegenwind gestoßen; damals, als er die Innenstadt zum Wohle der Fußgänger autoarm machen wollte und einen Verkehrsentwicklungsplan aufsetzte, der den Autoverkehr einschränken sollte. Bei den TED-Umfragen erhielt die Stadtverwaltung magere 24 Prozent Zuspruch. In den Wahlen darauf wird Mädge jedoch wieder gewählt – und erhält den Rückhalt der Mehrheit. Mittlerweile prägen Fahrräder die Stadtlandschaft, der Verwaltung ist es gelungen, den Radverkehr auf 30 Prozent zu bringen. Nun wolle man auch die größeren Fahrzeuge umstellen.

Dieses Vorhaben setzt allerdings ein breites Netz an E-Tankstellen voraus, die nur begrenzt leistungsfähig sind. „Um den Umstieg der Taxi- und Handwerksbetriebe zu ermöglichen, müssen wir ihnen eine verlässliche Kapazität der Stromnetze garantieren können. Das ist eine Frage der Innovation.“ Mädge kritisiert, dass die Bundesebene sich bislang zu sehr auf den Pkw-Verkehr fokussiert habe. Das Potenzial der Elektromobilität sieht er im ÖPNV und in den eigenen städtischen Flotten. Dort wo es möglich ist, stelle man konsequent auf Elektro um; dennoch bräuchte es weitere Fördermittel vom Bund, um innovative Forschung anzustoßen.

Wie man denn die Bürgerinnen und Bürger von dem Umstieg überzeugen könnte? „Vorbild sein“, sagt Mädge. „Ich habe einen großen Dienstwagen und das ist der Bus, der mich seit 30 Jahren täglich zum Rathaus bringt.“ Daneben sucht der Oberbürgermeister das Gespräch auf Augenhöhe. „Wir müssen auf die Menschen eingehen und jeden mitnehmen. Da reichen keine Hochglanzbroschüren aus.“ Nach einem anstrengenden Arbeitstag habe ein Handwerker schließlich keine Lust mehr, sich mit politischem Papierkram zu befassen. Die persönliche Ebene müsse her.

Mithilfe der Einrichtung einer Klimaschutzleitstelle wolle man diesen Kontakt intensivieren. Die Schaltzentrale versteht sich als Netzwerk, in dem die Fäden zusammenlaufen. Neben Mobilität stehen auch energietechnische Themen im Vordergrund, zu denen Privathaushalte, Wohnungsbauherren und das Gewerbe angesprochen werden. „Wenn wir Kampagnen zur Solar- und Energieberatung machen, merkt man, dass das Telefon heißläuft“, sagt Dr. Silke Panebianco. „Wir wollen die Menschen zusammenbringen und Impulse setzen, um den Bereich der Energieberatung zu stärken.“

So wüssten Bürgerinnen und Bürger oftmals nicht, dass die Vielzahl an Fördermitteln vom Bund nur durch Nachweis einer Energieberatung zugänglich ist. Mit der Dachkampagne „Klimaschutz Daheim“ sollen sinnvolle Maßnahmen greifbar gemacht werden. Im kommenden Jahr wolle man erstmals verstärkt Haushalte mit geringerem Einkommen am Weißen Turm und in Kaltenmoor ansprechen. „Es darf niemand von dieser Reise ausgeschlossen werden“, sagt Stefanie Nicklaus von der Leitstelle. „Wir tüfteln noch an konkreten Angeboten.“

Zeigen, dass Umweltschutz ökonomische Vorteile bringt

Schwierigkeiten hatte es anfangs auch beim Anwerben von Wirtschaftsunternehmen gegeben. Im Zuge dessen entwickelte die Schaltstelle die „Ökoprofit“-Kampagne. Das Ziel: Zeigen, dass Umweltschutz auch ökonomische Vorteile bringt. In den Jahren darauf wurde das Projekt jedoch abgelöst. „Derzeit arbeitet die Leuphana Universität Lüneburg verstärkt mit wirtschaftlichen Akteuren“, erläutert Panebianco. „Der Bereich der Nachhaltigkeit ist in den Fokus des Uni-Lebens gerückt.“

Für ihren klimaneutralen Campus wurde die Leuphana 2016 für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis nominiert. Die Universität will mitgestalten: Zu ihren laufenden Großprojekten zählt die „Zukunftsstadt Lüneburg 2030+“, die im Rahmen eines Wettbewerbs des Bundesforschungsministerium angestoßen und von der Stadt initiiert worden ist. 25 Visionen aus fünf unterschiedlichen Themenfeldern wurden in der ersten Phase von 750 Erstsemestern und 200 Praxisakteuren für die Salzstadt entwickelt. Nun gilt es, diese zu implementieren und konkrete Maßnahmen zu entwickeln.

Die Universität unterstütztdie Stadtverwaltung

„Die Resonanz in der ersten Phase war sehr erfreulich“, sagt Antje Seidel, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt. „Auch von Seiten der Studierenden kamen wichtige Denkanstöße, die wir zuvor nicht bedacht haben.“ Mit ihrer Erfahrung in der Forschung und der wissenschaftlichen Expertise wolle die Leuphana die Praxis der Stadtverwaltung ergänzen.

Auch zum sogenannten „Freiraum“, einem öffentlichen Treffpunkt der „Zukunftsstadt Lüneburg 2030+“, würden regelmäßig Bürgerinnen und Bürger kommen, um sich einzubringen. Die Uni plant, als Schnittstelle zwischen Zivilgesellschaft und Stadtverwaltung das Leben in der Salzstadt für die Zukunft zu rüsten.

Sowohl auf dem Campus als auch in der Stadt ist spürbar, dass Lüneburg im Wandel ist. Klimaschutz soll Mädge zufolge dennoch nicht als reine Veränderungsprozess begriffen werden. Viel mehr ginge es um Lebensqualität und die Anpassung an neue Randbedingungen. „Wenn Sie dieses 600-jährige Rathaus sehen, wissen Sie auch, was für eine innovative Kraft in der Bürgerschaft steckt“, sagt der Oberbürgermeister mit fester Stimme. Er wirkt zuversichtlich. „Diese Stadt ist einfach gut. Wenn wir uns zusammensetzen und Dinge anpacken, können wir unglaublich viel verändern - und erhalten.“

Die Hansestadt Lüneburg

Mit einer Flächevon 70,38 km² und knapp 76.500 Einwohnern gehört Lüneburg zu den mittelgroßen Städten Norddeutschlands. Die Salz- und Hansestadt am Rande der Heide wurde 956 erstmalig erwähnt und zählt über 1500 Einzeldenkmäler zu ihren historischen Schätzen.

Beliebt wurde die Stadt auch durch die ARD-Fernsehserie „Rote Rosen“. Auch das umstrittene Leuphana-Zentralgebäude des Stararchitekten Daniel Libeskind zieht Touristen an: Mehr als 100 Millionen Euro an Baukosten soll es verschlungen haben. Die Uni selbst wird von etwa 9000 Studenten besucht.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Harburg