Harburg
Welle

So geht Erste Hilfe in der Wildnis

Nothilfe in der Natur: Imke Rbobbeund Daniel Zorn (vorn) lernten, den „verletzten“ Nils Heitkamp nur mit Hilfe von Ästen und Stoff zu versorgen

Nothilfe in der Natur: Imke Rbobbeund Daniel Zorn (vorn) lernten, den „verletzten“ Nils Heitkamp nur mit Hilfe von Ästen und Stoff zu versorgen

Foto: Michaela Rist/Johanniter. / HA

Für Wanderer und Abenteurer vermitteln die Johanniter Tricks, um Verletzungen in freier Natur zu behandeln.

Welle.  Was tun, wenn sich jemand auf Wanderschaft in Heide und Wald, fernab von Krankenwagen und Mobilfunkempfang, ein Bein bricht oder sogar einen Stock ins Auge bekommt? Zum Beispiel eine Trage aus Naturmaterialien bauen, lautet die Antwort des Johanniter-Regionalverbandes Harburg. Wie das funktioniert, zeigten sie am vergangenen Wochenende zum ersten Outdoor-Erste-Hilfe-Kurs in Welle.

Wegen Nieselregens startete der Lehrgang am Sonnabendmorgen drinnen, in der Pfadfinderunterkunft mitten im Weller Wald. Vier der neun Teilnehmer saßen um einen Tisch und bauten bunte Holzfiguren auf. Einer unter ihnen sprach ins Funkgerät.

„Wir üben so die Kommunikation, denn die Gruppe im anderen Raum muss dieser Gruppe eine Wegbeschreibung geben, anhand derer die Holzfiguren aufgebaut werden. Am Ende vergleichen wir den Aufbau der Figuren beider Gruppen, um zu sehen, wie gut der Weg geschildert wurde“, erklärt Trainerin Sandra Lambrich.

Diese Trockenübung bereitete die Teilnehmer auf den zweiten Kurstag am Sonntag vor. Dann nämlich mussten sie sich, nur mit einem Funkgerät gewappnet, gegenseitig im Gelände finden. „Im Wald gibt es keine Straßennamen. Wir müssen hier genau schildern, wo wir gegangen sind“, erklärt Lambrich. Die nebenberufliche Trainerin findet, dass besonders dieser zweite Kurstag bei den Teilnehmern gut ankam. Denn während der Sonnabend zum Kennenlernen der einzelnen Techniken diente, mussten die Lehrlinge am Sonntag selber entscheiden, was wie zu tun ist.

So spielten drei Freiwillige der Johanniter am Sonntag die Verletzten. Einer von ihnen war so geschminkt, als habe er einen Stock ins Auge bekommen. Ein anderer bekam eine Platzwunde an den Kopf gepinselt. Realistische Unfalldarstellung heißt das Ganze im Fachjargon und bedeutet, dass die neun Kursteilnehmer ohne Hilfe, lediglich mit Materialien aus der Naturumgebung, hier Helfer in der Not spielen mussten.

„Es geht darum zu lernen, was ich machen kann, wenn ich draußen unterwegs bin und keine Hilfsmittel habe“, sagt Nils Heitkamp, der bei der Planung des Kurses helfen durfte und nun selber teilnimmt. Den jungen Johanniter interessiert vor allem Eins: „Was gibt mir die Natur, um einer Person zu helfen?“

Mit Stöcken und Ästen aus dem Wald lassen sich zum Beispiel 20 verschiedene Tragen bauen. Die Johanniter-Trainerinnen Sandra Lambrich und Michaela Rist bauten einige mit den Teilnehmern nach, wie eine Krücke aus Ästen und Seilen. „Wichtig hierbei ist, dass ihr euch stabile Äste sucht, die nicht gleich zerbrechen. Und sie müssen eine Y-Form haben“, erklärte Lambrich den neun interessiert zuhörenden Teilnehmern am Sonnabend die Kniffe für eine gute Krücke.

Über das Y wickelten sie Schnüre und ein Stück Stoff, so dass am Ende bequem eine Hand auf die Seile gelegt werden konnte und das Konstrukt als Krücke dienen könnte.

Neben Standardlektionen, die in jeden Outdoor-Kurs gehören, wie das minimalistische Packen einer leichten Sanitätstasche, widmet sich der Kurs speziell den Gegebenheiten in der Heide- und Waldlandschaft. „Wir zeigen den Teilnehmern auch, dass sie, wenn sie in der Heide unterwegs sind, vermutlich keine Stöcke finden werden und deshalb keine Tragen bauen können“, erklärt Lambrich.

Dafür gebe es dort genug Moos, um Minischutzhütten zu bauen, die wie Naturzelte aussehen und den Verletzten warm halten, während Hilfe geholt wird. „Wir wollten einen Lehrgang zur Sicherheit in der hiesigen freien Natur anbieten, denn wir haben gemerkt, dass es viele Touristen in der Heide gibt“, erklärt Aleksandra Doneva, Pressesprecherin des Johanniter-Regionalverbandes. Gänzlich neu ist die Idee eines Erste Hilfe-Kurses im Freien nicht. In Bayern gibt es beispielsweise schon welche, die Notfallhilfe in den Alpen lehren.

Unvorbereitete Wanderungen in der Natur gehörten nach häuslichen Missgeschicken zu den zweithäufigsten Ursachen für Erste-Hilfe-Einsätze, vermutet Johanniter-Sprecherin Doneva. So war auch das Interesse an Hilfe zur Outdoor-Selbsthilfe am vergangenen Wochenende trotz Dauerregens relativ groß.

„Ich finde es sehr wichtig, dass ich mir in der Natur zu helfen weiß und in Notsituationen die Ruhe bewahren kann“, sagt Rentnerin Renate Heise, die in dem Outdoor-Kurs lernen möchte, ohne Krankenwagen und Sanitätstasche zurecht zu kommen. Andere, wie die Schwestern Imke und Wiebke Robbe brauchen die Weiterbildung für ihren Beruf, denn durch ihre psychologische Arbeit sind sie mit Patienten manchmal bis zu vier Nächten in der Natur unterwegs.

„Wir hatten die unterschiedlichsten Teilnehmer. Es war anfangs schwierig, alle auf die gleiche Ebene zu bringen“, meint Lambrich. Zum Ende des Kurses habe sie aber ein positives Feedback der Anwesenden einsammeln können: „Vor allem das Versorgen der Verletzten am zweiten Kurstag hat den Teilnehmern gut gefallen.“ Im kommenden Jahr wird es daher weitere Outdoor-Kurse geben.

Weitere Kurse

Im kommenden Jahr möchten die Harburger Johanniter weitere Outdoor-Erste-Hilfe-Kurse anbieten. Auch Unternehmen können die Trainer für Weiterbildungen mieten. Ein Zwei-Tages-Kurs kostet 160 Euro pro Person, ein Drei-Tages-Kurs 215 Euro. Weitere Informationen gibt es unter 040/768 66 62 oder ausbildung.harburg@johanniter.de