Heimfeld

Kunst verbindet – Stein für Stein Freunde sein

| Lesedauer: 8 Minuten
Hanna Kastendieck
Schülerin Tamy aus Deutschland und die Flüchtlingskinder Lionel aus Togo (l.) und Maya aus Syrien (vorn) verschönern das Treffpunkthaus mit Mosaiken

Schülerin Tamy aus Deutschland und die Flüchtlingskinder Lionel aus Togo (l.) und Maya aus Syrien (vorn) verschönern das Treffpunkthaus mit Mosaiken

Foto: Hanna Kastendieck / HA

Das Mosaik-Projekt des Harburger Künstlerpaars Katrin Regelski und Gunnar Schröder soll geflüchtete und einheimische Jugendliche zusammenbringen.

Sie hocken zusammen, als wären sie alte Freundinnen. Dabei kennen sich Maya und Tamy erst seit ein paar Tagen. Die eine kommt aus Syrien, die andere aus Marms­torf. Und vielleicht hätten die beiden Mädchen sich nie angefreundet, wenn sie nicht gemeinsam an einer Sache gearbeitet hätten. Stein für Stein haben sie am Treffpunkthaus Heimfeld ihr Mosaik geklebt. Stein für Stein Berührungsängste abgelegt und Vertrauen aufgebaut.

Die beiden Schülerinnen der Goethe-Schule-Harburg sind zwei von mehr als 50 Jugendlichen verschiedener Harburger Schulen, die am Mosaik-Projekt „Kunst verbindet“ teilgenommen haben. Zusammen haben die Schüler in den vergangenen Monaten die schmucklose Eingangsfassade des gelben SAGA-Gebäudes in der Friedrich-Naumann-Straße in ein farbenfrohes Portal verwandelt. Und über gemeinsame Kreativität neue Freundschaften geschlossen.

Die Idee, deutsche Schüler und Flüchtlingskinder gemeinsam etwas erschaffen zu lassen und auf diese Weise Grenzen zu überwinden, kommt vom Harburger Künstlerpaar Katrin Regelski und Gunnar Schröder. Die beiden, die nicht nur beruflich, sondern auch privat ein Paar sind, haben bereits in der Vergangenheit mit Mosaik-Projekten gute Erfahrungen gemacht. 2008 klebten sie mit mehr als 100 Schülern der Schule Grumbrechtstraße eine gegossene Figur mit Fliesensplittern, im Laufe der Jahre kamen drei weitere großflächige Mosaikarbeiten auf dem Schulgelände hinzu.

50 Kinder haben jeweils150 Arbeitsstunden investiert

Wie gut sich die Arbeit am Mosaik auch in Sachen Integration eignet, konnten sie nun mit dem von der Stadt Hamburg geförderten Projekt am Treffpunkhaus Heimfeld beweisen. Etwa 50 Schüler haben in den vergangenen Monaten in 30 verschiedenen Veranstaltungen rund 150 Arbeitsstunden in die Verschönerung der Fassade investiert, haben ihre Entwürfe erst zeichnend zu Papier gebracht und anschließend Stein für Stein zum Mosaik an die Hauswand geklebt.

„Es ist wirklich beeindruckend, mit welcher Freude die Kinder bei der Sache waren, wie kreativ und einfallsreich sie das Projekt bereichert haben“, sagt Katrin Regelski, selbst Mutter dreier Kinder. „Und es ist überwältigend, wie offen diese Generation aufeinander zugeht. Es ist ein wirklich tolles Projekt der Begegnung geworden.“

Begegnung wie diese von Maya und Tamy. Erstere stammt aus Syrien, ist zwölf Jahre alt und floh im Mai 2016 mit ihren Eltern vor der Bedrohung durch den Krieg. Freunde, Tante und Onkel, die Großeltern, das vertraute Umfeld, ihr Zuhause ließ sie zurück.

Als sie in Hamburg ankam, kannte sie niemanden und sprach nur vier Worte, die ihr Vater sie gelehrt hatte: Hand, Hund, Mund und Mond. Heute spricht Maya fließend deutsch, hat die Internationale Vorbereitungsklasse (IVK) am Friedrich-Ebert-Gymnasium erfolgreich absolviert und besucht seit Beginn des Schuljahres die 6. Klasse der Goethe-Schule-Harburg.

Die Heimat fehle ihr, sagt sie. Und die alten Freunde. Als ihr Lehrer sie ansprach, ob sie nicht beim Mosaikprojekt mitmachen wolle, war sie sofort Feuer und Flamme. Weil sie gerne handwerklich arbeitet, und weil sie es mag, gemeinsam mit anderen etwas zu gestalten. Mit Tamy zum Beispiel, die genauso alt ist wie sie und ebenfalls auf die Goethe-Schule-Harburg geht.

Sie kommt aus Marmstorf und findet es gut, auf diese Weise Menschen unterschiedlicher Kultur und Herkunft kennenzulernen. „Man kommt ganz unkompliziert ins Gespräch“, sagt sie. „Einfach über das, was wir machen, zusammen Steine aussuchen, knipsen, kleben.“

Es ist ein intensives, stilles Zusammenarbeiten, das die Schüler hier erleben. Eine Verstehen ohne große Worte. Stein für Stein fügen die Teilnehmer ihr Mosaik zusammen bis ein harmonisches Ganzes entsteht. So wie bei Franzi und Veri. Sie ist zwölf Jahre alt, lebt in Heimfeld seit ihrer Geburt. Er ist zwölf Jahre alt und lebt auf dem Wohnschiff „Transit“ im Harburger Binnenhafen seit ein paar Monaten. Sein Vater ist bei ihm und seine Mutter. Die beiden Geschwister, neun und elf Jahre alt, sind noch immer in der alten Heimat: im Irak.

Veri erzählt, dass er vor dem IS geflohen ist. Zu Fuß. Mit seinem Vater. „Wir haben nur Wasser und etwas zu essen mitgenommen“, sagt er. Zwei Jahre liegt die Flucht zurück. Zwei Jahre, in denen Veri Deutsch gelernt, Freunde gefunden, Pläne für die Zukunft geschmiedet hat. Er wolle Polizist werden, sagt er. Ehrgeizig ist er. Eifrig. Stolz auf das, was er geschaffen hat: ein Mosaik mit einem Wasserfall. Jetzt gestaltet er mit Mitschülerin Franzi ein weiteres Motiv. Gemeinsam kleben sie es Scherbe für Scherbe zu einem harmonischen Ganzen zusammen.

„Das Mosaik als Kunstwerk passt zur Kultur des arabischen Raumes“, sagt Initiatorin Katrin Regelski. „Es ist eine Kunst, die verbindet.“ Über die Arbeit an den Mosaiken würden die Schüler zudem eine hohe persönliche Wertschätzung erfahren. „Sie werden selbstbewusster“, so die Erfahrung von Katrin Regelski, die mit ihrem Mann seit rund zwölf Jahren Kunstprojekte für Kinder und Jugendliche im Harburger Raum anbietet und darüber hinaus eine Kinder-Malschule betreibt.

Auch als Autorin ist sie tätig. Anfang der Woche erschien im Haupt Verlag ein weiteres Buch von ihr. „Werkstatt Skulptur“, so der Titel, zeigt einfache und zugleich künstlerische Projekte, die von Kindern und Jugendlichen auf vielfältige Weise umgesetzt werden können.

„Die Arbeit mit Kindern macht nicht nur Spaß, ist kreativ und witzig, sie ist vor allem eine wichtige Investition in die Zukunft“, sagt die gelernte Bildhauerin. Kunst diene dazu, dass Kinder lernen, innovativ und flexibel zu denken.

„Diese Fähigkeit braucht man doch in allen späteren Lebensbereichen und Berufen“, so die Künstlerin, die auch im kommenden Jahr ein größeres Mosaikprojekt in einer Harburger Einrichtung plant. Wo, das will sie noch nicht verraten. Aber auch hier wird es darum gehen, Kinder in schwierigen Situationen durch gemeinsames kreatives Arbeiten stark zu machen. Und ihnen zu zeigen, dass sie gemeinsam viel erreichen können.

Das Mosaik

Mosaik ist eine schon im Altertum bekannte Gattung der Maltechnik, bei der durch Zusammenfügen von verschiedenfarbigen oder verschieden geformten Teilen Muster oder Bilder entstehen. Dabei können viele Materialien verwendet werden. Stein-, Glas-, Papier-, Stoff- oder auch Ledermosaike sind möglich.

Auch in Deutschland befinden sich einige ältere Mosaiken, die aus der Zeit der römischen Besatzung stammen. Eines der bekanntesten ist das Dionysos-Mosaik in Köln, das 1941 bei Schachtarbeiten gefunden wurde.

Das Treffpunkthaus

Das Treffpunkthaus-Heimfeld liegt im Herzen von Heimfeld-Nord. Es wurde 1994 im Rahmen der „Sozialen Stadtteilentwicklung“ gebaut und ist bis heute ein gut genutztes Zentrum, das ein facettenreiches Angebot für die Bewohner in Heimfeld bereithält.

Zu den Angeboten gehören unter anderem die Spielplatzgruppe, die Mütterberatung, das Müttercafé, verschiedene Tanzgruppen, der Frühstückstreff, die Alleinerziehendengruppe und das kostenlose Mittagessen.

Auch Feste und saisonale Veranstaltungen stehen auf dem Programm. Dazu gehören der jährliche Neujahrsempfang in der Friedrich-Ebert-Halle sowie das Stadtteilfest Heimfeld und der Laternenlauf im November.

Am 6. Oktober wird die neue, mit Mosaiken geschmückte Fassade des Treffpunkhauses Heimfeld eingeweiht. Von 16 bis 18 Uhr sind alle Heimfelder Familien und Freunde des Hauses eingeladen. Ein Beitrag zum Buffet ist erwünscht. Infos gibt es unter www.treffpunkthaus.de

( hk )

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