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Harburgs Obdachlose – wo sollen sie hin?

Obdachlose campieren mit ihren Habseligkeiten vormittags vor den Bankfilialen am Sand. Ein Sicherheitsmann beobachtet die Szenerie

Obdachlose campieren mit ihren Habseligkeiten vormittags vor den Bankfilialen am Sand. Ein Sicherheitsmann beobachtet die Szenerie

Foto: Jörg Riefenstahl / HA

Menschen liegen auf der Straße : Banken schließen ihre Vorräume – und die neue DRK-Tagesstätte wird erst im Januar fertig.

Harburg.  Schöne Aussichten für Harburgs Obdachlose: Wenn alles läuft, wie geplant, wird die neue Aufenthaltsstätte für Obdachlose des DRK Hamburg-Harburg am Außenmühlenweg im Januar 2018 eröffnen. 15 Schlafplätze für die Nacht und 20 Aufenthaltsplätze am Tage stehen ihnen dann zur Verfügung.

Bis es soweit ist, gibt es noch Einiges zu tun: Wenn die Baugenehmigung vorliegt, wird das Gebäude für 200.000 Euro saniert. Neue Küchen und Bäder und eine neue Inneneinrichtung werden eingebaut. Acht Arbeitsplätze sollen in der Tagesstätte entstehen. 25 ehrenamtliche Helfer werden den Betrieb unterstützen.

Was aber passiert mit Harburgs Obdachlosen, bis es soweit ist? Die Tage werden kürzer, die Nächte kälter, die dunkle Jahreszeit beginnt. Schlafplätze für Obdachlose sind in Harburg Mangelware. Nachdem Obdachlose voriges Jahr Zuflucht in Vorräumen von Banken am Sand und am Schlossmühlendamm gesucht hatten, haben die Geldinstitute reagiert: Die allermeisten schließen ihre Vorräume nach Geschäftsschluss ab.

Mit Aushängen weisen die Bankhäuser ihre Kunden auf die nächtlichen Schließungen hin. Die Santander Bank und die Santander Consumer Bank etwa sperren ihre SB-Zone „aufgrund von Verunreinigungen und Vandalismus“ zwischen 19.30 und 7.30 Uhr. Die Automatenzone der Postbank in den Harburg-Arcaden ist ab 20 Uhr dicht. Die Sparda Bank sperrt ihren SB-Bereich „aufgrund von wiederholtem Vandalismus und Übernachtungsgästen inklusive Hinterlassenschaften“ von 22.30 bis 5 Uhr früh.

Die Filiale der Sparkasse Harburg-Buxtehude „bleibt aus Sicherheitsgründen von 23 bis 5 Uhr“ geschlossen. Und gegenüber schließt die Commerzbank-Filiale „aufgrund von wiederholtem Vandalismus“ ihre Selbstbedienungszone „bis auf weiteres in den Abend- und Nachtstunden von 21 bis 6 Uhr früh“. Das Credo lautet: Obdachlose sollen draußen bleiben.

Aber die verständliche Maßnahme hat einen unerwünschten Nebeneffekt: Sie trifft alle Bankkunden, die abends und nachts ein paar Scheine aus dem Automaten ziehen wollen. Das hat die Haspa nun veranlasst, ihren Kundenservice zu verändern – und weitere Umbauten vorzunehmen.

„In der Haspa-Filiale am Sand 1 in Harburg wurden als Reaktion auf wiederholte Kundenbeschwerden zwei Indoor-Geldautomaten zu zwei Outdoor-Geldautomaten umgebaut“, sagt Haspa-Sprecher André Grunert. Die Maßnahme sei von den Kunden „sehr positiv aufgenommen worden“, da damit die Bargeldversorgung weiterhin rund um die Uhr sichergestellt werde.

Seit der Vorraum der Filiale nachts geschlossen ist, gibt es ein neues Pro-blem: Obdachlose bezogen auf dem überdachten Treppenabsatz des Nebeneingangs Quartier, sie campieren in Hauseingängen der Nachbarhäuser. Oder liegen mit ihren Habseligkeiten unmittelbar auf der Straße. Um der neuen Situation Einhalt zu gebieten, hat die Haspa ihren Nebeneingang jetzt mit einer transparenten Glasfront und einer abschließbaren Tür ausgestattet.

Ergebnis: Die Obdachlosen sitzen zwar nicht mehr auf der Haspa-Treppe herum, stattdessen liegen sie tagsüber wenige Schritte entfernt vor der Haspa und der Commerzbank auf dem Trottoir – zum Leidwesen von Passanten, Geschäftsleuten und Marktbeschickern.

Das Problem ist nicht gelöst. Es hat sich nur verlagert

Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes beobachten die Szenerie. Es sei „gängige Praxis“, dass Sicherheitsleute in den Vorräumen nach dem Rechten schauen, sagt Grunert. Ob die Sicherheitsleute dauerhaft vor den Bankfilialen patrouillieren werden, ließ er offen.

Das Thema Obdachlose in Harburg ist damit nicht gelöst, es hat sich allenfalls verlagert. „Wir kennen die Situation und wissen um die Menschen“, sagt Bezirksamtssprecherin Bettina Maak. „Sie sind alkoholkrank, viele schon um 11 Uhr morgens nicht mehr ansprechbar. Es ist bitter. Sie sind in einem desolaten Zustand.“

Rund 18 Obdachlose sind in Harburg stadtbekannt. Der Bezirk ist mit der Polizei im Gespräch, der Ordnungsdienst beobachtet die Lage am Sand. „Das Problem ist, dass die meisten Menschen aus Osteuropa kommen. Sie haben keinen Anspruch auf das Winternotprogramm“, sagt Bettina Maak.

Voriges Jahr habe man die Männer, die im Markttunnel lagerten, zum Projekt Plata in Hamburg gefahren. Es unterstützt Gestrandete bei der Rückführung in ihre Heimat (siehe Kasten). „In Hamburg hatten sie eine Unterkunft, aber zwei Tage später waren sie wieder da“, sagt Bettina Maak.

Für DRK-Harburg-Verbandschef Harald Krüger ist das ein typisches Phänomen. „Obdachlose sind in ihrer lokalen Umgebung stark verwurzelt. Sie wissen, welcher Bäcker ihnen einen Brötchen gibt. Wo sie Flaschen sammeln. Oder wo sie einen Kaffee bekommen.“ Ihre Ansprechpartner bei den Behörden seien ebenfalls hier in Harburg.

Osteuropäer mit Anrecht auf Beratung und Rückführung

Theoretisch kann jeder Obdachlose in den Unterkünften des Winternotprogramms der Stadt Hamburg am Schaarsteinweg (Baumwall) und Friesenstraße (Hammerbrook) teilnehmen. 900 Plätze stehen dort ab November bis Ende März bereit.

„Jeder kann rein, auch Osteuropäer“, sagt Marcel Schweitzer, Sprecher der Hamburger Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration. Osteuropäer, die nicht in Deutschland gearbeitet haben, hätten allerdings keinen Rechtsanspruch auf Unterbringung wie ihre deutschen Kollegen. „Aber sie haben ein Anrecht auf soziale Beratung und auf Rückführung.“

Krüger glaubt nicht, dass Harburgs Obdachlose den Sprung über die Elbe zum Winternotprogramm wagen. „Allein schon die Anreise mit ihren Sachen ohne Fahrschein in der S-Bahn stellt die meisten Obdachlosen vor unlösbare Probleme.“ Er geht davon aus, dass sich Harburgs Obdachlose zwangsläufig auch in diesem Winter noch einmal auf eigene Faust Unterschlupf suchen werden – in Hauseingängen, unter Brücken und in Tunneln. In Harburg. Dort, wo sie sich auskennen.

Hilfe zur Rückkehr

Hunderte Arbeitsmigranten aus Polen, Bulgarien und Rumänien sind in Hamburg obdachlos. Prekäre Arbeitsverhältnisse im Billiglohnsektor sind häufig der Grund, warum die Menschen auf der Straße landen. In Harburg gibt es 18 polizeibekannte Obdachlose.

Das Projekt Plata unterstützt Gestrandete aus Osteuropa. Ziel ist es, soziale und physische Verelendung aufzuhalten oder zumindest abzumildern.

Plata gibt Hilfe zur Integration und berät Obdachlose, die in ihre Heimat zurückkehren möchten. Dazu gehört die Vorbereitung und Durchführung der Rückkehr und die Vermittlung in heimatliche Hilfssysteme.