Harburg

Der harte Job eines Gerichtsvollziehers

| Lesedauer: 9 Minuten
Katharina Gessler

Foto: Katharina Geßler / HA

Mario Eifler (38) ist von Behördenalltag weit entfernt: Er ist ein Vermittler zwischen Gläubigern und Schuldnern.

Harburg.  Das dicke Ende kommt zum Schluss der Tour. Gerichtsvollzieher Mario Eifler (28) hat den Termin für diese Zwangsräumung auf den Nachmittag gelegt. Der Schlosser braucht nur ein paar Minuten, dann ist die Tür offen. Der Mann aus der Nachbarwohnung hatte vorgewarnt: „Sie werden staunen!“

Nun, das trifft es nicht ganz. Schon der erste Blick in die Zweizimmerwohnung ist ein Angriff auf alle Sinne: der Magen krampft, aufsteigende Übelkeit, Brechreiz. Gestank macht das Atmen schwer. Der Schlosser, ein alter Hase in diesem Metier, geht vor und gibt praktische Anweisung: „Passen Sie auf, wo Sie hintreten, hier sind überall Viecher.“ Gerichtsvollzieher Eifler hat so etwas zwar noch nicht oft gesehen, weiß aber gleich: „Hier ist nichts mehr zu retten.“

Das sieht der Vertreter der Hausverwaltung genauso. Die Wohnung, in die Anfang des Jahres eine junge Frau mit ihrem Freund eingezogen war, gleicht einer Müllhalde. Überall leere Flaschen, Kippen und Dreck. Im Wohnzimmer steht ein Schlafsofa, ausgezogen, übersät mit Unrat und Dingen, die an dieser Stelle nicht benannt werden sollen. In dem Raum, der wohl mal als Schlafzimmer diente, ist die Schicht aus versifften Klamotten und Abfall so hoch, dass der Boden nicht zu erkennen ist.

Müll, Essensreste und Insektenschwärme

Im Badezimmer: das Klo verstopft, das Waschbecken überzogen mit einer Gammelschicht, die nicht näher zu definieren ist. Auch in der Küche: Müll, Dreck, Essensreste. Und immer steigen Insektenschwärme auf, sobald der Raum betreten wird. Kaum vorstellbar, dass eine von Grund auf renovierte Wohnung innerhalb weniger Monate so komplett und umfassend in ein stinkendes Loch verwandelt werden kann.

Der Schlosser, seit gut 30 Jahren im Geschäft und regelmäßig für acht Gerichtsvollzieher in unterschiedlichen Bezirken im Einsatz, winkt ab. Er weiß, es geht noch schlimmer: „Hier ist wenigstens kein Kot an den Wänden.“ Dieser Einsatz ist jedenfalls schnell beendet. Die Fenster der Wohnung, seit Wochen standen sie sperrangelweit auf, werden geschlossen, Fotos gemacht, und der Mann von der Hausverwaltung bekommt die Schlüssel für das neue Schloss. Bleibt noch ein wenig Schreibkram für den Gerichtsvollzieher. Dann muss der Hausbesitzer entscheiden, wie es weitergeht.

Mario Eifler geht davon aus, dass der eine der Speditionen beauftragt, die sich auf die Reinigung solcher Wohnungen spezialisiert hat. Und dass er auf den Kosten sitzenbleibt. Die rund 160 Euro, die der Einsatz des Schlossers und des Gerichtsvollzieher kostet, sind das kleinere Übel. Fraglich ist, was von der kürzlich eingebauten Küche und dem neuen Bad zu retten ist. Ob es mit Großreinemachen allein überhaupt getan ist.

Die übrigen Hausbewohner atmen auf

Für Mario Eifler kommt der Fall erst mal zu Akten. Die übrigen Hausbewohner, die atmen jedenfalls auf. Einer von ihnen beschreibt den Terror, den sie erdulden mussten, seit die junge Frau eingezogen war. Wo die 19-Jährige heute lebt, weiß keiner. Bekannt ist lediglich, dass sie sich bald nach dem Einzug von ihrem Freund trennte. Seinen Platz nahm dann einer ein, mit dem, so sagt es der Nachbar, der Horror begann: „Die Wohnung war dann so etwas wie ein Treffpunkt unter der Brücke.“

Die junge Frau selbst verschwand schnell von der Bildfläche, hatte offenbar den Wohnungsschlüssel weitergegeben. Jedenfalls herrschte stetiges Kommen und Gehen. Wilde Partys seien gefeiert worden, immer wieder rückte die Polizei an. Einige der Älteren im Haus seien darüber zeitweilig krank geworden. Der Hausbesuch des Gerichtsvollzieher ist für sie wie eine Erlösung.

Zwei Stunden ist es her, da stand Eifler vor einer anderen Wohnung, die zwangsgeräumt werden sollte. Der Mieter hatte monatelang keine Miete gezahlt und sich nicht gerührt. Irgendwann hatte Eifler ihn aber doch am Telefon und diesen Räumungstermin vereinbart.

Als Eifler vorfährt, stehen da schon zwei Mitarbeiter einer Schlosserei, die notfalls die Wohnung öffnen würden, und vier von der Spedition, deren Aufgabe es ist, die Wohnung leerzuräumen, die Möbel einzulagern und später – sollte der Mieter seine Schulden nicht begleichen – gegebenenfalls zu versteigern. Außerdem vor Ort, wie immer bei Räumungen, ein Vertreter des Hauseigentümers, sofern der nicht selbst kommt.

Pfänden ist schwierig: Wert vieler Dinge verfällt rasant

Doch es läuft anders als erwartet. In der 40-Quadratmeter-Wohnung, in der höchstens zwei Personen leben dürfen, trifft Eifler wider Erwarten nicht den türkischen Mieter an: Ein Rumäne öffnet ihm die Tür, in der Hand einen Zettel, auf dem steht: „Ich verstehe kein Deutsch.“ Außerdem der Hinweis auf einen Anwalt – mit Telefonnummer.

In der Wohnung ein großes Bett und auf einer Couch davor die Frau des Mannes mit zwei kleinen Kindern, die sich verschreckt an ihre weinende Mutter drücken. Eifler versucht zu trösten, bittet den Anwalt, der tatsächlich schnell Vor Ort ist: „Sagen Sie ihr, sie soll sich beruhigen, wir finden eine Lösung.“

So ist es dann auch. Der Rumäne, ein Arbeitskollege des türkischen Mieters, der in den vergangenen Monaten kaum noch in Deutschland war, kann mit seiner Familie bis Ende des Monats in der Wohnung bleiben. Eifler könnte sie auch gar nicht zwingen zu gehen, denn die Zwangsräumung betrifft ausschließlich den Mann, der im Mietvertrag steht. Der wiederum hat versprochen, kurzfristig die noch ausstehenden 5000 Euro zu zahlen. Ein Kompromiss, auf den sich alle einlassen.

Mario Eifler ist froh darüber: „Keiner hat ein Interesse daran, Menschen auf die Straße zu setzen.“ Und es belegt eindrucksvoll, was er ganz am Anfang gesagt hat: „Gerichtsvollzieher sind auch Vermittler.“ Und manchmal ein bisschen wie Sozialarbeiter. Denn wenn jemand Schulden hat, gerät oft das gesamte Leben in Schieflage – vielleicht ist es auch umgekehrt?

Im Monat 800 Kontopfändungen

Soziale Kompetenz und die Fähigkeit, sich selbst zu organisieren, das sind die wichtigsten Voraussetzungen für seinen Beruf, sagt Eifler. Es ist ein komplexes Feld, das er beackert: Im Monat kommt er auf 800 Kontopfändungen und bis zu 130 Kontosperrungen, die er an Kreditinstitute übergibt.

Dann sind da noch zwischen zwei und vier Wohnungsräumungen, die Sperrungen oder Auswechslungen von Strom- bzw. Wasserzählern. Pro Jahr bearbeitet er bis zu 1400 Vollstreckungsaufträge. Dazu kommen noch Zustellungen – 2016 waren es 8000!

Und dann sind da aktuell 60 Ratenzahler, die Eifler jeden Monat aufsucht, um das vereinbarte Geld zu kassieren. Allein die Zahl der Pfändungen sei rückläufig, sagt er. Handys, Fernseher sowie etliche andere Dinge sind meist finanziert. Andere werden zur Berufsausübung gebraucht oder sind lebensnotwendig wie medizinische Geräte. „Was noch geht, sind Apple- oder Vorwerk-Geräte wie Thermomix oder Staubsauger“, sagt Eifler. Die meisten anderen Sachen brächten bei Auktionen kaum etwas ein.

Die Aufträge werden ihm vom Amtsgericht zugewiesen. Alle 17 Harburger Gerichtsvollzieher haben dort ein Postfach. Und ein karges Zimmer, in das sie die Schuldner zur Vermögensauskunft (früher Offenbarungseid) bestellen. Vier sind es an diesem Morgen. Doch keiner kommt. Eifler hat es nicht anders erwartet.

Was für sie folgt, ist ein Eintrag ins Schuldnerverzeichnis, der auch in der Schufa-Datei landet. Wer sich partout weigert, Auskunft zu geben, dem droht die Erzwingungshaft. Manche nehmen’s dennoch locker: „Die rufen an und sagen den Termin ab, weil sie im Urlaub sind.“

Sonderlaufbahn

Gerichtsvollzieher sind Landesbeamte in einer Sonderlaufbahn mit eigenem Geschäftsbetrieb, die die ihnen erteilten Aufträge selbstständig bearbeiten. Für ihren Bürobetrieb erhalten sie eine Kostenentschädigung.

Zu den Aufgaben gehört neben der Pfändung beweglicher Sachen die Abnahme der Vermögensauskunft von Schuldnern. Sie Wohnungsräumungen durch und vollziehen Arreste und einstweilige Verfügungen.

Rechte und Pflichten sind durch landesrechtliche Vorschriften geregelt. Gerichtsvollzieher werden nach A8 und A9 besoldet und erhalten zusätzlich Anteile der eingenommenen Gebühren (Vollstreckungsvergütung).

Theorie und Praxis

Die Ausbildung für Gerichtsvollzieher dauert 20 Monate und setzt sich zusammen aus einer praktischen Ausbildung und zwei Lehrgängen, in denen die Theorie vermittelt wird. Das bedeutet: 13 Monate Einsatz bei Gerichtsvollziehern sowie zwei Kurse von fünf und zwei Monaten in Monschau, einer Nebenstelle des Ausbildungszentrums der Justiz Nordrhein-Westfalen. Neben juristischem Fachwissen werden auch Grundkenntnisse aus den Bereichen Psychologie, Selbstverteidigung, Steuer-, Arbeits-, Staats- und Strafrecht vermittelt.

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